Theater Basel

Die lange Nacht der Teufelsaustreibung

Der in seiner Heimat als Shooting-Star gefeierte britische Regisseur Robert Icke inszeniert am Theater Basel Arthur Millers «Hexenjagd».

Wir schreiben das Jahr 1692. Englische Puritaner haben an der Ostküste der USA die Gemeinde Salem gegründet. Ein Ort Gottes soll es werden, wo durch harte Arbeit der finsteren Wildnis ein neues Jerusalem abgerungen wird. Feiern, Tanzen oder gar Romanlektüre sind verboten. Auf dass keine trügerischen Gedanken die neue, heile Welt stören. Es kommt jedoch anders.

Eines Nachts sieht Pfarrer Parris seine Tochter und ihre Freundinnen nackt im Wald tanzen. Die jungen Frauen wissen, dass dies ihr Todesurteil ist und sie greifen zu einer List: Sie täuschen Ohnmacht und Krankheit vor, als ob sie von Dämonen besessen sind. Das Gerücht von Teufelsbeschwörung und Hexerei breitet sich wie ein Lauffeuer aus. Was nicht erklärbar ist, kann in dieser Welt nur mit dem Abfall vom Glauben zu tun haben.

Um selbst der Strafe zu entgehen, beschuldigen die Frauen wahllos Gemeindemitglieder, mit dem Teufel im Bund zu stehen. Was dann folgt, ist ein Prozess, der in die Geschichtsbücher eingegangen ist: Über 200 Personen werden verhaftet, 30 zum Tode verurteilt, 19 Urteile vollstreckt. Um sich zu retten, blieb nur eine Möglichkeit: das Geständnis, andere mit dem Teufel gesehen zu haben.

Der Irrgarten des Aberglaubens

Der US-amerikanische Dramatiker Arthur Miller hat die Schauergeschichte über religiösen Wahn und Intrige 1953 im Stück «Hexenjagd» aufgearbeitet. Nun hat sie der in seiner Heimat als Shooting-Star gefeierte britische Regisseur Robert Icke im Schauspielhaus Basel inszeniert.

Die Bühne von Chloe Lamford ist ein muffiger Gerichtssaal aus den Fünfzigerjahren. Simon Zagermann führt als Richter lesend in die Story ein und stellt das auftretende Personal vor. Es spielt ihm zu Füssen die Szenen des Stücks. Ein geschickter Kunstgriff, der einen doppelten Boden bereitet und eine Stärke des Theaters vorführt: Es braucht nur ein Wort, und schon wechselt die Szenerie: Mal imaginieren wir das Haus des Pfarrers, dasjenige des Farmers Proctor oder sehen wieder den Gerichtssaal.

Das 18-köpfige Ensemble lässt das Geschehen wie ein präzises Uhrwerk seinen unaufhaltsamen Lauf nehmen. Faden um Faden wird das Netz aus Intrigen, Schuldzuweisungen, religiöser Verblendung und Lüge gesponnen. Da der Teufel unsichtbar ist, kann er jedem und jeder angedichtet werden. Das ist praktisch, weil auf diese Weise unliebsame Nachbarn, Nebenbuhlerinnen oder Geschäftskonkurrenten aus dem Weg geräumt werden können.

Und so sehen wir Menschen, die in einem absurden Ordnungssystem umherirren und sich verheddern. Es ist der Irrgarten, der aus Glaube und Aberglaube, Angst und Machtstreben gebaut ist. Tom Gibbons unterlegt diesen teuflischen Reigen mit tollem Sound, der über lange Strecken aus der Stille heraus anschwillt.

Thiemo Strutzenberger gibt einen wunderbar mephistohaften Pastor, der als Exorzist die Schuldigen aufspürt und zu spät erkennt, dass er den jungen Frauen auf den Leim gegangen ist. Sein Gegenspieler ist der Farmer John Proctor, gespielt von Florian von Manteuffel. Ein Freigeist, der nicht an Hexen glaubt, aber gerne dem Hausmädchen an die Wäsche geht, was ihm letztendlich zum Verhängnis wird.

Er gesteht die Sünde der Unzucht zwar, seine Frau jedoch leugnet ihr Wissen darum, um ihren Mann zu retten. Dieser wiederum steht durch ihre Aussage als Lügner da. Er entscheidet sich am Ende, niemanden zu denunzieren, rettet seine Würde und geht verzweifelt, aber aufrecht aufs Schafott.

Der Teufel steckt in der Länge

Bis zur Pause läuft diese Gerichtsmaschinerie wie geölt. Danach gerät sie ins Stocken. Das liegt auch an Millers Vorlage. Ein Wälzer, der viele Details ausleuchtet, amerikanische Dramatik aus den Fünfzigerjahren eben. Und weil sich Leerstellen auftun, bleibt Zeit sich zu fragen, was uns diese Geschichte aus den Untiefen religiösen Wahns angeht. Dämonen, Geister und gelbe Vögel als Grundlage für die Rechtsprechung sind glücklicherweise weit entfernt von unserer Wirklichkeit.

Miller hat das Stück als Parabel auf die Kommunistenprozesse in den USA geschrieben. Er selbst wurde von McCarthys Tribunal wegen Missachtung des Kongresses verurteilt. Das rückt das Stück näher an unsere Gegenwart. Die Vereinnahmung des Rechtssystems durch politische Interessen ist auch heute Thema.

Und doch: Drei Stunden Teufelsaustreibung sind mehr als genug. Regisseur Icke gibt gegen Ende die feine Klinge, mit der er begann, aus der Hand, begegnet dem drohenden Leerlauf mit argem Tohuwabohu und inszeniert das Fegefeuer als billigen Theatereffekt. In Erinnerung bleibt, dass der Mensch bereit sein muss, seine Würde zu verteidigen, auf Teufel komm raus.

«Hexenjagd», von Arthur Miller, Theater Basel.

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