Ausstellung

Die Kunsthalle schmeisst eine Party – die Gästeschar ist bunt gemischt und überraschend

Der deutsch-amerikanische Künstler Nick Mauss kuratiert eine Ausstellung – und wartet mit anregenden Überraschungsgästen auf.

«Gibt es Fragen?», möchte Nick Mauss nach dem Rundgang durch die Kunsthalle Basel wissen. Gibt es Antworten, fragt man still zurück. Denn ganz ehrlich: Wie bringt man Skulpturen, Malerei, Videoinstallationen und Textdokumente in einen Zusammenhang, wenn zwischen ihnen drei Jahrhunderte und mindestens ein Ozean liegen?

Der 1980 geborene Deutschamerikaner Nick Mauss fungiert in Basel nicht nur als Kurator der lose betitelten Schau «Bizarre Silks, Private Imaginings and Narrative Facts, etc.». Er versteht den Museumskontext als Kunstform, auf die er mit eigenen Arbeiten neue Perspektiven eröffnen will. Dazu benutzt Mauss filigran bemalte Paravents, Torbögen und sogar ein Netz, um die Besucherinnen und Besucher von ausgetretenen Pfaden abzubringen und die Räumlichkeiten der Kunsthalle neu erfahrbar zu machen. Doch genau da fängt das Dickicht an.

Denn Mauss gibt absichtlich keine übergreifende Thematik vor. Stattdessen stellt er Werke zusammen, die nichts miteinander zu tun haben, wie er selbst betont. «Die Verbindungen und Resonanzen ergeben sich über Zeit», sagt der in New York arbeitende Kurator-Künstler in seinem subtil anglisierten Deutsch, «es ist ein langer ­Prozess.»

Wer hat Hitler zur Party eingeladen?

Zum Glück gibt es eine Abkürzung. Claudio Vogt, Presseverantwortlicher der Kunsthalle, hat sich während des Rundgangs eifrig Notizen gemacht. «Ich glaube, das erste Werk bringt die Ausstellung ziemlich genau auf den Punkt», bietet er dem verwirrten Journalisten Hilfestellung. Beim Eingang des Museums ist ein Künstlerbuch des US-Amerikaners Ray Johnson zu sehen, durch das Mauss in einer Videoinstallation blättert.

Blaustichige Poesie: Ray Johnsons Künstlerbuch «Ray gives a Party».

Blaustichige Poesie: Ray Johnsons Künstlerbuch «Ray gives a Party».

«Ray Gives a Party» heisst das Buch, in welchem Johnson eine bunte Schar von Gästen auflaufen lässt, in absurder bis grotesker Kostümierung. Mit den spärlichen Textzeilen und Collagen aus blaustichigen Fotografien wirkt das poetische Werk fast wie ein Kinderbuch, in dem die Gäste als Promis der 50er-Jahre, aber auch als Haus oder Krokodil auftreten. «Wer hat den eingeladen?», heisst es neben einem Hitler-Schnipsel, zuletzt schreitet die Polizei ein.

«Die Ausstellung funktioniert ähnlich wie diese Party», regt Vogt an. «Mauss hat eingeladen, die unterschiedlichsten Gäste sind gekommen.» Und tatsächlich: Mit diesem Ansatz macht die Ausstellung nicht nur mehr Sinn, sondern auch unbestreitbar viel mehr Spass!

So schwebt das barocke Stoffgebilde «Galla Placidia» der feministischen Künstlerin Rosemary Mayer tatsächlich erwartungsvoll im Raum, als würde gleich zum Tanz aufgespielt. In allen Farben schillernd, durchlässig und doch opak, trägt sich dieses Kleid sozusagen selbst.

Auch in den titelgebenden «bizarren Seiden» wird die Lust an der Kostümierung greifbar: Die auffällig gemusterten und delikat glänzenden Stoffe aus dem 17. und 18. Jahrhundert wurden nicht nur für Frauenkleider verwendet, sondern auch für Kirchengewänder.

Selbst der Untertitel zu Ray Johnsons Künstlerbuch («Happy Halloween!») klingt in der Ausstellung nach, wenn im hintersten Raum wiederum Rosemary Mayer die Vorlage für drei «Ghosts» liefert: luftige Gebilde aus farbigem Transparentpapier. Die Originale sind längst zerstört, weshalb sie im Reen- actment – in ihrer Wiederaufführung durch Mauss – zu doppelten Gespenstern werden.

Anwesenheit, Abwesenheit, Maskierung und Enthüllung: Wer lang genug zwischen Nick Mauss’ Gästen verweilt und ihrem stummen Dialog lauscht, wird ihre Gemeinsamkeiten entdecken. Und vielleicht sogar die eine oder andere Freundschaft schliessen.

Kunsthalle Basel, bis 26. April

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