Carla Juri (30), Die Weitspringerin

Das waren noch Zeiten: Ursula Andress wickelte Sean Connery («James Bond jagt Dr. No», 1962) um ihren Finger, und Marthe Keller spielte den grossen Dustin Hoffman an die Wand («Marathon Man», 1976). Zwei Schweizerinnen sorgten in Hollywood für Furore – lange ists her. Jetzt könnte es endlich wieder soweit sein: Die Tessinerin Carla Juri steht in der Traumfabrik vor dem grossen Durchbruch. Sie hat sich eine Rolle im neuen «Blade Runner»-Film ergattert. Die Fortsetzung zum Science-Fiction-Klassiker von 1982 ist einer der meisterwarteten Filme überhaupt. Details zum Umfang ihrer Rolle durfte Juri bislang nicht verraten.

Doch die Liste der Schauspieler, mit denen sie zusammenarbeiten wird, ist beeindruckend: Harrison Ford kehrt wieder in seine ikonische Rolle als Kopfgeldjäger Rick Deckard zurück, Ryan Gosling und Robin Wright stossen neu dazu. Mit diesen Superstars steht Carla Juri ab Juli gemeinsam vor Kamera. Der gewaltige Karrieresprung kommt für die Dreissigjährige nicht ohne Ansage. Für «180°» (2010) und «Eine wen iig – dr Dällebach Kari» (2012) wurde Juri bereits zwei Mal mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet.

Mit der Verfilmung des deutschen Skandalromans «Feuchtgebiete» (2013) machte sie dann auch weit über die Landesgrenzen hinaus auf sich aufmerksam – bis nach Hollywood. 

Hora, Die Besten

Das beste Theater machen hierzulande Behinderte. Ein solcher Kurzschluss ist mehrfach inkorrekt, aber nicht ganz falsch: Das Theater Hora , das einzige professionell arbeitende Theater für Menschen mit geistiger Behinderung in der Schweiz, ist mit dem wichtigsten Schweizer Theaterpreis ausgezeichnet worden, dem Grand Prix Theater/Hans Reinhart-Ring 2016. Der Preis ist mit 100 000 Franken dotiert. Eine Summe, die der Leiter und Gründer des Theaters, Michael Elber, schon lange zur Entlastung hätte brauchen können; wegen eines Burnouts konnte er am Festakt nicht teilnehmen.

Bis das Schaffen des Theaters Hora von der Fachwelt als Kunst ernst genommen wurde, hat es viele Jahre gedauert. Seit 23 Jahren macht es inzwischen professionelles Theater. 2012 kam der internationale Durchbruch, als der französische Choreograf Jérôme Bel in «Disabled Theater» die behinderten Schauspieler selbst zum Thema machte. Hora-Produktionen zeichnen sich aus durch Mut und Unverblümtheit aus. Sexualität ist ein häufiges Thema.

Und immer wieder stellen die Profi-Schauspieler mit Trisomie 21 oder etwa einer starken Lernschwäche die Frage: Was ist denn normal, wer bestimmt die Norm? Ihre Stücke machen klar, dass nur wirklich verrückt ist, wer Minderheiten ausgrenzt.

Jon Stewart (53), Der Vermisste

Fast hatte man vergessen, dass da immer noch eine Lücke im globalen TV-Programm klafft, seit Jon Stewart nicht mehr am Schirm ist. Der Amerikaner hatte mit seiner «The Daily Show» (1999-2015) das Late-Night-Format in ein neues Zeitalter geführt, in dem er satirisch die Nachrichtenberichterstattung sezierte. Er demaskierte mit seiner Metaebenen-Show nicht nur die Late-Night-Titanen David Letterman und Jay Leno, als das, was sie waren: Retro-Shows aus dem 20. Jahrhundert. Stewart diente als Vorbild für eine ganze Heerschar von Nachfolgern und Imitatoren.

Ohne Stewart keine «heute-show», kein «Giacobbo/Müller», kein Jan Böhmermann und kein John Oliver. Letzterer gilt als rechtmässiger Erbe Stewarts. Der Brite hat seine Karriere bei der «Daily-Show» begonnen. Doch als Stewart diesen Mai nach neun Monaten Bildschirm-Absenz wieder einmal ein Interview gab, da wurde klar, dass eigentlich nur Jon Stewart die Lücke schliessen kann, die er hinterlassen hatte.

In einem Interview zweifelte er an der Rechtmässigkeit von Donald Trumps Präsidentschaftskandidatur, denn Babys in Männerkörpern dürften seiner Meinung gemäss Verfassung nicht US-Präsident werden. Dieser US-Wahlkampf hätte Jon Stewart wirklich nötig.

Sacha Batthyany (42), Der Entwaffende

Es war ein journalistisches Projekt, sagte der Autor an den Solothurner Literaturtagen. Er habe versucht, seinem Thema so nah wie möglich zu kommen, von aussen wie von innen. In seinem Buch «Und was hat das mit mir zu tun?» spürt Sacha Batthyany ebendieser Frage nach.

Auslöser war das Massaker von Rechnitz im März 1945. Seine Grosstante soll beteiligt gewesen sein, als bei einer Party 180 Juden erschossen wurden. Die Recherche über das Verbrechen führt Batthyany zu seiner Familie – «eine Familie von Maulwürfen», liest er im Tagebuch seiner Grossmutter, das diese nach ihrem Tod vernichtet haben wollte. Batthyany besucht Schauplätze, sucht seinen Vater auf, spricht mit Verwandten auf Opfer- und Täterseite und legt sich bei einem Psychoanalytiker auf die Couch. Dabei schürft er genauso tief in seiner Familiengeschichte wie in seinen eigenen Gefühlen.

Könnte er das, einen Juden verstecken? Nein, gesteht er sich ein. In der entwaffnenden Offenheit genauso wie in der Sprache und in der Montage verschiedener Texte sticht das Buch heraus aus den Büchern des laufenden Literaturjahres. Wer hat die Deutungshoheit über Vergangenes?, fragt Sacha Batthyany mit seiner Recherche. Aber auch: Was erzählen wir? Was geben wir weiter?, und schlägt den Bogen zu Gewissensnöten unserer heutigen Zeit.

James Blake (27), Der Fast-Vergessene

Das Timing hätte schlechter nicht sein können: Anfang Mai veröffentlicht James Blake sein Album «The Colour in Anything» in einer Nacht-und-Nebel-Aktion. Die sehnsüchtig erwartete neue Platte des britischen Musikers, der mit seinem Vorgänger «Overgrown» (2013) zum Liebling der Feuilletons avanciert war, erscheint mit einem ganzen Jahr Verspätung. Und dann das: Indie-Götter Radiohead veröffentlichen just am selben Wochenende ebenfalls ein neues Album. Und klauen James Blake so sämtliche Schlagzeilen.

Ebenso unglücklich: James Blakes erste Single «I Need a Forest Fire» – ein Song über einen Neuanfang – läuft just dann auf allen Radiosendern, als im Westen Kanadas ein gewaltiger Waldbrand fast 100 000 Menschen in die Flucht treibt. Inzwischen hat sich das Feuer gelegt, genau wie der Hype um Radiohead. Zeit also, den Mann zu würdigen, der darob beinahe in Vergessenheit geraten ist. Denn James Blake knüpft mit «The Colour in Anything» nahtlos an sein letztes Meisterwerk an. Kein anderer mixt warme Soulklänge mit elektronischen Beats zu einem derart geschmeidigen Cocktail.

Ein Blick auf die Tracklist verrät, weshalb «The Colour in Anything» so lange auf sich warten liess: Nicht weniger als 17 Songs umfasst das Album. Es sind 17 Songs für die Ewigkeit, voll mitreissender Melancholie.