Bergün ruft zur Bergfahrt: Dieses Wochenende findet in dem Dorf am Albulapass zum zweiten Mal ein neues Festival rund um alpine Kultur statt. Doch was genau ist alpine Kultur? Fest steht, nicht nur Alpwiesen blühen in den Bergen, sondern neuerdings auch viele kulturelle Pflänzchen und Pflanzen: Letzten Herbst wurde in Arosa ein Mundartfestival aus der Taufe gehoben, das Safiental inszeniert sich diesen Sommer mit der Art Safiental zum zweiten Mal mit Land Art, vor zwei Jahren entstanden in Klosters die Tastentage, und im Bergell lockt seit 2012 der Verein Arte Bregaglia mit verschiedenen Kunstprojekten.

In St. Moritz findet seit 2008 das Festival da Jazz statt, während es das Humorfestival Arosa schon etwas länger gibt. Es wurde 1992 ins Leben gerufen und ist das grösste Kulturfestival im Kanton. Und dann gibt es seit 2005 natürlich Origen in Riom. Für die Belebung der historischen Bauten im Dorf wurde die Stiftung hinter dem Festival dieses Jahr mit dem Wakkerpreis ausgezeichnet.

Origen hat die Burg Riom und eine Scheune im Dorf zu Theaterorten umgebaut und plant weitere neue Nutzungen von leerstehenden Gebäuden. Giovanni Netzer ist der Kopf hinter Origen. Als ihm der Wakkerpreis zugesprochen wurde, sagte er, die Kultur müsse die Bedeutung für die Region bekommen, die die Landwirtschaft einst hatte. Kultur in den Bergen – das ist der neue Trend.

«Der Kulturtourismus boomt weltweit», sagt Stefan Forster. «Kultur ist ein wichtiges Thema im Städtetourismus, aber auch im ländlichen Raum nimmt die Bedeutung zu». Der Bündner leitet den Forschungsbereich Tourismus und nachhaltige Entwicklung der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaft ZHAW. Beheimatet ist sein Team allerdings nicht im städtischen Zentrum, sondern in Wergenstein im Center da Capricorns.

Das sanft renovierte Hotel am Schamserberg im Naturpark Beverin ist selbst ein Beispiel für die Verknüpfung von Kultur und Tourismus. Mit der praxisnahen Forschung unter demselben Dach führt es beispielhaft vor, wie an Orten, wo man früher von «alpiner Brache» sprach, Arbeitsplätze und Perspektiven geschaffen werden – wenn man zusammenspannt und verschiedene Inititativen bündelt.

Die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit

Kulturtourismus ist einer von Forsters Schwerpunkten. Gründe für den aktuellen Boom sieht er in einer steigenden Nachfrage nach kulturellen Erlebnissen und der Sehnsucht nach Ursprünglichkeit und Authentizität. Im Berggebiet werde Kultur zudem als Antwort auf den schwindenden Wintertourismus wahrgenommen: «Kulturtourismus findet rund ums Jahr statt. Er hat ein grosses Wachstumspotenzial und steht für Qualität. Kultur ist das, was die Region einzigartig macht», sagt er.

Unterschiede gebe es allerdings je nachdem, wer hinter einer Initiative stehe. Einer Organisation wie Arosa Tourismus gehe es in der Regel primär um Logiernächte, wenn die Skitouristen ausbleiben. Bei Initiativen von Kulturschaffenden stünden dagegen vor allem ideelle Werte wie die Identität und Gemeinschaft im Vordergrund. Mit dem Rätoromanisch, den Bündner Bergen, der alten Bausubstanz und innovativen Architekten hat Graubünden ein reiches Erbe.

Die Politik zieht mit

Der Graben zwischen den Treibern ist nicht mehr so tief wie in früheren Jahren. Im Bündnerland arbeiten Kultur und Tourismus Hand in Hand, und auch die Politik scheint zunehmend gewillt, mitzuziehen. Das war nicht immer so. Eine frühere Initiative von Stefan Forster, Geld und Geist zusammenzubringen und zwischen den unterschiedlichen Haltungen zu vermitteln, war versandet. «Heute kommt das besser an», sagt er. Seit 2007 erarbeitet die ZHAW die Grundlagen, um den kulturellen Reichtum des Kantons koordiniert zu nutzen. In diesem Jahr gleist Forster das Projekt «Kulturtourismus in Graubünden» auf. Es wird vom Institut für Kulturforschung Graubünden und von Graubünden Ferien getragen, und das kantonale Amt für Wirtschaft und Tourismus hat eine Anschubfinanzierung zugesichert.

Forster will die verschiedenen Akteure vernetzen mit ähnlichen Zielen, wie sie das Netzwerk der Schweizer Naturpärke im Naturtourismus bereits erreicht hat. Oft seien es Einzelpersonen, die kulturelle Projekte auf die Beine stellen, sagt er. Auf einer gemeinsamen Bühne können sie gebündelt auftreten und sind besser sichtbar. Das ist gut fürs Marketing. Aber ganz allgemein wird die kulturelle Vielfalt besser wahrgenommen und geschätzt.

Ziel ist zudem, gegen innen zu wirken. Die Akteure sollen Erfahrungen austauschen, voneinander lernen oder sich zusammenschliessen. Nicht zuletzt geht es auch darum, Kriterien zu erarbeiten, wie die Projekte im Spannungsfeld von Kultur und Wirtschaft einzuordnen sind – und aus welchem Topf sie gefördert werden. Giovanni Netzers Origen wird heute vom Kanton als «systemrelevante Institution» anerkannt. Zusätzlich zu Beiträgen der Kulturförderung für das Festival hat Origen für Umbauten im Dorf und neue Arbeitsplätze jüngst einen Leistungsauftrag vom Amt für Wirtschaft und Tourismus zugesprochen bekommen – für ein kulturelles Projekt im Kanton eine Premiere.

Städte sind Vorreiter

Nimmt das Bündnerland damit eine Pionierrolle ein? Nicht unbedingt, sagt Stefan Forster. Vorreiter im Kulturtourismus sind Städte wie beispielsweise Bilbao, wo der architektonische Glanz des Guggenheimmuseums das Grau der Industriestadt überstrahlt und die Stadt in die erste Liga des Kulturtourismus katapultiert hat. Oder Nantes, das jeden Sommer Künstler aus der ganzen Welt ans Ufer der Loire lädt und sich einen Namen als dynamische Kunststadt gemacht hat.

Aber auch im ländlichen Raum in der Schweiz sei das Wallis beispielsweise weiter. Dort gibt es unter dem Namen «Culture Valais» eine Plattform, wie sie Forster vorschwebt. Allerdings richtet sie sich stärker am kulturellen Schaffen aus als an der touristischen Wertschöpfung. Das verweist auf Fragen, die derzeit europaweit diskutiert werden. Wenn Kultur und Wirtschaft zusammengehen, was bedeutet das für die Finanzierung? Soll der Tourismus Kulturförderung betreiben? Oder soll aus dem Fördertopf für Kultur touristisches Marketing bezahlt werden? Wird künftig primär Kultur gefördert, die sich touristisch vermarkten lässt?

Die Berge und die Kultur: Was im Bündnerland unter den verschiedenen Playern gerade verhandelt wird, spiegelt sich im Kleinen im neuen Bergfahrt Festival in Bergün. Als «Entdeckungsreise in die Welt der alpinen Kultur» umschreiben die Initianten den Anlass. «Das Festival wolle Begegnungen ermöglichen zwischen Menschen, die sich aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln mit alpiner Kultur befassen», sagt Projektleiterin Annina Giovanoli.

Das Motto ist Spurensuche

Sinnbild dafür ist die «Megsa lungia», eine 300 Meter lange Tavolata, die auf dem Dorfplatz für Gross und Klein, Einheimische, Besucher und Künstler gedeckt ist, derweil die einheimische Musikgesellschaft vom Römerturm des Kurhauses herabspielt. Das Programm ist spartenübergreifend und sehr breit. Es umfasst national bekannte Kulturmenschen wie kulturelles Schaffen vor Ort und bietet Einblicke in ein jeweils anderes Land aus dem Alpenbogen. Dieses Jahr steht unter dem Motto Spurensuche.

Die Regisseurinnen von «Unerhört jenisch» stellen ihren Film vor, AlpTon mit Erich Eicher spielt zusammen mit den Bündner Spitzbueba auf, und aus dem Ort gesellen sich die Sepplis da Brauégn dazu. In einem Kräuterkurs kann man einen Mückenspray herstellen, es gibt einen Sagenabend mit Steinbockgesang, einen Auftritt der Jodlerin Nadja Räss mit dem Schlagzeuger Julian Sartorius. Oder ein Podium, bei dem unter dem Label «Heisses Eisen» die Alpwirtschaft kontrovers diskutiert wird.

Das Festival ist aus der privaten Initiative von vier Kultur- und Bergbegeisterten entstanden. Für die erste Durchführung 2016 hatte die Innovationsstiftung Graubünden, die heute im Amt für Wirtschaft und Tourismus aufgegangen ist, einen Beitrag gesprochen.

Partnerorganisationen wie die BergBuchBrig aus dem Wallis und das Alpine Museum Bern warben über ihre Kanäle für das neue Festival. Und aus der anfänglichen «Herzensangelegenheit», den Ort, die Natur und die Menschen der Randregion einzubeziehen, ist ein politisches Anliegen geworden.

Nicht zufällig findet das Festival genau in der touristischen Zwischensaison statt, wenn nicht mehr genug Schnee zum Skifahren liegt, aber noch zu viel zum Wandern. Zwischen den letzten Schneefeldern blühen die kulturellen Pflänzchen.