Das Lucerne Festival wird von Klassepianisten verjazzt

Das Piano-Off-Stage jazzt ab heute in den Hotelbars. Wir sagen Ihnen, welcher Musiker zu Ihrem Lieblingsgetränk passt.

Roman Kühne
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Jörg Hegemann (links) und Dave Ruosch bei der Eröffnung des Piano Off-Stage im KKL. Bild: Priska Ketter/Lucerne Festival (Luzern, 20. 11. 2018)

Jörg Hegemann (links) und Dave Ruosch bei der Eröffnung des Piano Off-Stage im KKL. Bild: Priska Ketter/Lucerne Festival (Luzern, 20. 11. 2018)

Es ist wieder Jazz-Time am Lucerne Festival. Seit 15 Jahren sind es am Dienstag nicht die klassischen Pianisten, die das KKL füllen, sondern die Swinger, Improvisierer, Strider und Rock ’n’ Roller. Und wie! Die Schlange auf dem Europaplatz ist beim Opening des Piano-Off-Stage jeweils lang, und kaum sind die Tore offen, ist der Luzerner Saal bis auf den letzten Stuhl besetzt und das Foyer mit den Stehenden gefüllt.

Ein Renner sind auch die Barkonzerte, welche die Pianisten in dieser Woche allabendlich geben: Der swingende Dienstag im KKL ist die perfekte Möglichkeit, sich passend zu seinem Lieblingsdrink die Musik auszusuchen. Abwechselnd am roten und am schwarzen Flügel musizierend geben alle geladenen Artisten Kostproben ihres Repertoires.

Der komplexe Longdrink

Den Auftakt macht die Österreicherin Julia Siedl. Ihre Spielweise ist komplex. Sie moduliert laufend die Akkorde, arbeitet mit ihren Schichtungen und Verschiebungen. Mit Wurzeln bei Oscar Peterson, beeinflusst von Keith Jarrett, improvisiert sie teils mit beiden Händen. Neben aller Vielgestalt gibt es in «Diaries of a Travelling Turtle» von ihrer neusten CD «Good News» auch entrückt-schöne Melodien. Ein intellektuelles Klaviervergnügen, zu welchem ein komplizierter Longdrink passt, ein Long Island Iced Tea oder ein Mojito.

Ein Bier zum Fest

Steht Ihnen der Sinn nach Tanz oder einfach etwas Partystimmung? Dann sind Sie beim begeisternden Boogie-Woogie-Pianisten Jörg Hegemann am richtigen Ort. Er frönt ganz den Rhythmen der wilden Anfangsjahre des letzten Jahrhunderts, rast im Stile eines Albert Ammons durch die Tasten. Sein wirbelnder Auftritt bringt am Dienstag so richtig Stimmung ins Publikum. Alles bei ihm juckt und tanzt. Nichts ab der Stange, sondern ein feines Kleinbrauerei-Bier ist hier der richtige Begleiter. Als Hauptgang sei auch der Schweizer Dave Ruosch mit seiner Mischungen von Boogie bis Blues empfohlen.

Caipirinha und Pisco Sour

Gleich doppelt bedient ist man mit dem Amerikaner Ehud Asherie. Er intoniert einerseits klassische Swingnummern von Fats Waller mit vielen Trillern und Vorschlägen. Mit kindlicher Lust und Verspieltheit improvisiert er durch die Leitern. Unten die ­wellende Hand, oben Läufe in atemberaubendem Tempo. Ein ­Stride-Pianist, wie er im Buche steht. Da er mit einer Brasilianerin verheiratet ist, kommen auch die südamerikanischen Tänze und lateinisches Feuer nicht zu kurz. Passend dazu Südamerikas bester Drink: Pisco Sour.

Der grosse Rote

«Etwas vom Überraschendsten, wenn man Solopiano spielt, ist, dass man nie weiss, was man spielen wird.» Mit diesen Worten tritt Jon Davis auf die Bühne. Was dann folgt, ist expressive Üppigkeit. Praktisch frei von Takt spielt er seine erste Improvisation, entfaltet ein grosses Bouquet, dicht und duftend. Auch im zweiten Stück, mit rollendem Bass und vertrackten Handfiguren, frönt er ganz der emotionalen Fülle, streut raffiniert seine musikalischen Wendungen ein. Ein tiefroter Barbera oder ein kräftiger Cabernet Sauvignon sind hier die Wahl.

Kribbelnder Champagner

Wer es klar und perlend mag, ist mit dem Deutschen Chris Hopkins gut bedient. Die frühlingshafte Eigenkomposition «Echos of Spring» oder das Stück «Montevideo» wehen wie eine frische Brise durch den Luzerner Saal. Der Pianist spielt raffiniert, zerlegt das Stück immer mehr in seine Fragmente, um es erst am Schluss wieder zusammenzuführen. Meisterhaft. Ein wechselhaftes Vexierspiel, ein glitzerndes Vergnügen, ein Fall für einen Veuve Cliquot oder den Schweizer Volgaz.

So richtig knallt der Korken jedoch erst, als sich die verschiedenen Pianisten zur obligaten Jam Session zusammenfinden. Wenn Ehud Asherie und Chris Hopkins zu ihrer Version des Klassikers «Tea for Two» ansetzen, mit dem Art Tatum 1933 im Klavierwettkampf seine Konkurrenz vom Felde fegte (unter anderem Fats Waller), dann gibt es wohl kein Bein im Publikum, das nicht im Takt wippt. Hoffen wir, dass sich die Musiker auch in den Bars zu solchen Spontanitäten finden.

Jazzpianisten spielen bis am Sonntag in Bars von Luzern. Infos: unter www.lucernefestival.ch