Literatur

Die Klimafrage ist eine Frage der Gerechtigkeit

Christoph Keller fordert zum Handeln auf.

Christoph Keller fordert zum Handeln auf.

Der Autor und Reporter Christoph Keller legt eine erschreckende und zugleich hoffnungsvolle Textsammlung zum Thema Klima vor.

Es ist doppelter Freitag. Black Friday und Friday for future. Die Besucher des Schwarzen Freitags kurbeln die Produktion von Konsumgütern an. Die Klimastreikenden kämpfen um ihre Zukunft. Die einen sorgen für Wachstum, die anderen fordern Wachstumsstopp. Wir alle haben die Wahl, in welchem Umzug wir mitlaufen wollen.

Genau davon handelt das Buch «Benzin aus Luft – Eine Reise in die Klimazukunft». Christoph Keller, ehemaliger Leiter der Redaktion Kunst & Gesellschaft von Radio SRF 2 Kultur, legt eine Textsammlung vor, die den Widersprüchen des Klimazeitalters den Puls fühlt.

Keller beschäftigt sich seit zehn Jahren mit der Klimakrise. In seinem Buch bündelt er rund zwanzig Reportagen und Essays zu einer weitläufigen, erschreckenden und zugleich hoffnungsvollen Studie. Er besucht Orte der Katastrophe, wie die Landschaft des rasant schmelzenden Aletschgletschers oder die vom Meer teilweise schon weggespülte Stadt St.Louis im Senegal.

Er besucht aber auch Orte der Hoffnung wie die Gemüsegärten auf den Dächern Londons, die Umweltarena in Spreitenbach oder die zukunftsweisende Abfallentsorgung der Stadt Zürich. Er trifft Forscher, die CO2 in grossen Mengen aus der Luft filtern oder daraus Treibstoff gewinnen.

Der elegant und packend schreibende Autor stellt in seinen Reportagen Menschen ins Zentrum. Menschen, die den bereits laufenden Zerstörungen durch die Klimaerwärmung ins Auge blicken. Aber eben auch Menschen, die alles daran setzen, dass es doch noch gelingen könnte, die Zwei-Grad-Grenze nicht zu überschreiten.

Wir sind als Bürger und Konsumenten gefordert

Keller unterlegt seine Recherchen mit aktuellen, beunruhigenden Zahlen und warnt: «Ich bin überzeugt davon, dass wir sofort etwas machen müssen, solange wir noch die Möglichkeit haben, dies innerhalb geordneter, demokratischer Bahnen zu tun. Dafür haben wir noch zehn, 15 Jahre Zeit. Wir sollten die Chance nutzen und nicht warten, bis eine Öko-Diktatur installiert werden muss.»

Im persönlichen Gespräch und in seinen Essays bezieht der Autor politisch Stellung. Er sieht uns in einem «Normalitätsbias» gefangen, ein Begriff aus der klinischen Psychologie: Der fatale Mechanismus verleitet unser Gehirn dazu, angesichts der drohenden Katastrophe so zu tun, als ob alles normal wäre. Dabei ginge es darum, sofort und konsequent zu reagieren.

Im Privaten bedeutet dies unter anderem, Konsumentscheide zu treffen, beispielsweise den Abschied vom Fetisch Auto. «Ein Thema für Männer über Fünfzig», sagt Keller. Aber sein Blick geht über das Private hinaus: «Ich glaube nicht, dass wir durch eine Summe von Einzelentscheidungen das Problem lösen», so Keller. Wir alle müssten uns darüber verständigen, wie unsere Welt im postfossilen Zeitalter aussehen soll.

Dass die anstehende Zeitenwende nicht ohne politische Verwerfungen ablaufen wird, ist ein weiteres Fazit seiner Recherchen. Die von der Wissenschaft geforderte Dekarbonisierung hat mächtige Gegner: riesige Industriezweige und superreiche Staaten.

«Die Klimafrage ist immer auch eine Frage der Gerechtigkeit», so Keller. «Wie schaffen wir es, mit den vorhandenen Energieressourcen eine Weltgesellschaft zu gestalten, an der alle partizipieren können?» Die Auseinandersetzung um das Klima werde zu sozialen Kämpfen führen und sich um Energieressourcen und -preise drehen.

Laut Keller sind wir doppelt gefordert. «Als Bürger können wir eine Politik einfordern, die diesem Planeten eine Chance gibt. Als Konsumenten können wir Zeichen setzen und sagen, was wir wollen.» Es sei wichtig, dass wir uns artikulieren, auch auf der Strasse. Also auch heute, am doppelten Freitag.

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