Am WEF in Davos sind Tausende von Menschen, aber man könnte meinen, es käme nur einer angereist. Oder wie Bertolt Brecht in der Dreigroschenoper schrieb: «Denn die einen sind im Dunkeln. Und die andern sind im Licht. Und man siehet die im Lichte. Die im Dunkeln sieht man nicht.» Nein, wir wollen hier kein Lamento veranstalten. Es ist so. Auch in der Kunst. Aber manchmal lohnt es sich, das Licht auf die verdunkelten Stellen zu richten. Zu fragen, wen gab es neben den Berühmten, den oft Gezeigten? Was leisteten, was machen sie?

Das Aargauer Kunsthaus hat zusammen mit dem Basler Sammler Peter Suter einen solchen Rundflug durch die Schweizer Kunst der letzten 150 Jahre unternommen. Rund 200 Werke von über 100 Künstlern stellen das Publikum vor eine grosse Herausforderung. Denn da ist nichts chronologisch, nichts nach gut oder schlecht geordnet, sondern nach eigenwilligen Themen frisch-fröhlich assoziiert und wohl auch mit einigen Hintergedanken gehängt.

Gleiches ist nicht gleich

Der eine Hintergedanken, so Kurator Thomas Schmutz, ist es, dem Publikum bewusst zu machen, wie vertrackt die Fragen von Qualität und Vielfalt verquickt sind. Der andere: Das Nebeneinander von bekannt und unbekannt, von Überraschendem und Verquerem, von Zeitgeistigem und Unzeitgemässem verstärkt sich gegenseitig, eröffnet Dialoge – und Einsichten.

Beim gängigen Sujet der Bildnisse können wir Urteilsvermögen und Vorlieben testen: Der Basler Künstler Paul Wilde stürzt uns hier mit einem naiv anmutenden, in Wolle gesticktem Paarbildnis ins Dilemma. Genial oder banal? Es ist aussergewöhnlich für 1928, farblich gekonnt komponiert, aber doch nicht so radikal eigen, dass wir es zu einem Favoriten küren mögen.

Einen direkten Vergleich ermöglichen uns drei Frauen-Porträts aus den 1910er-Jahren: Bei Max Buri, Niklaus Stoecklin und Otto Wyler ist die Tradition des 19. Jahrhunderts noch dominierend bis spürbar – und doch gibt es hier bereits luftige Leichtigkeit, Auflösung, befreiten Pinselstrich. Wie frei die Malerei in dieser Umbruchzeit sein konnte, zeigen vier Miniaturen (u.a. «Tannenwipfel» und «Blauer Vogel im Flug») von Hans Emmenegger (1866– 1940). Der Luzerner, einst gefeiert, heute eher vergessen, ist der heimliche Star der Ausstellung – vor allem mit seinen so einfach wie raffiniert komponierten Landschaften oder seinen eigenwilligen Stadtansichten.

Es lohnt sich, die Werkliste bereitzuhalten, weniger um keinen bekannten Namen zu verpassen, sondern vor allem um die Entstehungszeiten zu checken. Die beiden Kuratoren, Schmutz und Suter, setzen uns beispielsweise ein Fries aus sieben Baumbildern von sechs Malern vor die Augen. Ohne Abstand aneinandergereiht, aber zu unterschiedlichsten Zeiten entstanden. Was fasziniert nun mehr? Wir schwanken zwischen Philippe Roberts fokussierten Birkenstämmen (1906) und der weiss-schwarzen Abstraktion von Mireille Gros (2010).

Blinde Passagiere?

Ist es Programm oder schon ironischer Kommentar, dass nicht die hehren Alpen, sondern die sanften (Jura-) Hügel ins Licht gerückt – und Giuseppe Canovas monumentale «Vier Jahreszeiten» ins Zentrum gerückt werden? Im vielen Durchschnittsgrün verweilt das Auge der Betrachterin lieber auf den Kleinformaten von Albrecht Schnider (2003) und Alfred Wirz (1988). Wenn der Rundgang dann aber in die Höhle der Löwen, in die Ateliers der Maler, führt, punkten zwei bekannte Namen: Neben der expressiven Farbenpracht und dem perspektivischen Sog in den Grossformaten von Hermann Scherer und Paul Camenisch haben die anderen keine Chance.

Gerechter sind die Maler-Rollen ausgerechnet in der Arbeitswelt verteilt. Hier kann man den Basler Rudolf Maeglin als gekonnten Chronisten der «Farbarbeiter» oder des «Brückenbaus» (1933) kennen lernen, Karl Glaus’ dramatisch-bewegte «Bauarbeiter» (1944) in heiterem Grau bewundern oder sich von Fritz Baumanns «Sackträger» (1913/14) daran erinnern lassen, dass es in der Schweizer Szene durchaus frühe Könner des Kubismus gab.

Irreführend an der ganzen Anlage ist der Titel der Ausstellung: «Blinde Passagiere» meint doch, dass jemand unerlaubt mitfährt. Aber all die vielen Maler und die wenigen Malerinnen haben doch ihre Tickets mit harter Arbeit bezahlt. Dass sie kein Update in die Erste Klasse des Kunstmarktfluges bekommen haben, ist Pech.

Blinde Passagiere Aargauer Kunsthaus, bis 15. April.