Judi Dench ist ganz verwundert, als einer der anwesenden Journalisten etwas in seine Smartwatch diktiert. Wenn es um Technologie geht, sei sie ein hoffnungsloser Fall, sagt die 83-jährige Schauspielerin beim Interviewtermin in Zürich. «Ich schaffe es kaum, ein Bügeleisen zu bedienen!»

Auch die vielen Aufnahmegeräte, die direkt vor ihr auf dem Tisch liegen, findet sie ganz beeindruckend. Wie klein diese doch seien. Doch das dunkelblaue, rechteckige Ding, das sie aufhebt, entpuppt sich prompt als Schokoladenriegel.

Dench zeigt sich amüsiert ob dieser Verwechslung und lacht herzhaft. Die britische Leinwandikone ist bestens gelaunt. Sie ist ans Zurich Film Festival gereist, um ihren neuen Kinofilm «Red Joan» vorzustellen und den Golden Icon Award abzuholen, eine Auszeichnung für ihr Lebenswerk.

Gefragt: Judi Dench meisterte auch den Grünen Teppich in Zürich.

Gefragt: Judi Dench meisterte auch den Grünen Teppich in Zürich.

Ihre über 60-jährige Bühnen-, Film- und Fernseherfahrung hat sich tief in ihr Gesicht gezeichnet, doch Dench sagt, sie fühle sich immer noch wie ein Teenager: «Mit dem Label Ü-80 kann ich überhaupt nichts anfangen.»

Nur wenn es um Sprache gehe, merke sie ihr Alter. Wenn sich ihr Enkel in Umgangssprache mit ihr unterhalte, sei das irritierend. Ihr Vater habe immer strikt auf ihre Aussprache geachtet, sodass Dench heute selbst beim SMS-Schreiben um korrekte Grammatik bemüht ist.

Sie kenne das nicht anders, sagt die Dame, die sich Jahrzehnte lang vor allem innerhalb der Sprachwelt von William Shakespeare bewegt hat und damit Karriere machte – ab den Fünfzigerjahren zunächst auf den grossen Theaterbühnen Englands, ab den Neunzigern dann auch in Hollywood.

Filmset nach Hause geliefert

Zwanzig Jahre ist es nun her, seit sie für ihre Rolle in «Shakespeare in Love» den Oscar gewonnen hat. Dench spielte darin Königin Elisabeth I., ihr Auftritt im Film war keine zehn Minuten lang, aber unvergesslich.

«Das war eine fabelhafte Zeit. Ich weiss noch, wie es drei Leute brauchte, nur um mich einzukleiden. In dem schweren Kostüm konnte ich mich kaum bewegen. Beim Mittagessen musste man mich mit einem Löffel füttern.» Dench lacht. «Ich fühlte mich für eine kurze Zeit wie die echte Queen Elizabeth!»

8 Minuten reichten für einen Oscar: Judi Dench als Königin Elisabeth in «Shakespeare in Love».

8 Minuten reichten für einen Oscar: Judi Dench als Königin Elisabeth in «Shakespeare in Love».

Das für den Film nachgebaute Rose Theatre aus dem 16. Jahrhundert habe sie sich nach Drehschluss mit einem Truck direkt nach Hause liefern lassen, erzählt Dench. Sie sammle eben gerne Filmutensilien, ihr Ehemann habe sie deswegen mal als Elster bezeichnet.

Man stellt sich das Dench-Anwesen unweigerlich als kleines Filmmuseum vor, hier die vielen Filmrequisiten, dort die unzähligen Schauspielpreise. Neben dem Oscar (Dench war bislang siebenmal nominiert) stünden dort auch ihre acht Laurence Olivier Awards – Dench hat den wichtigsten britischen Theaterpreis so oft gewonnen wie niemand sonst.

Auf der Bühne fühle sie sich auch heute noch wohler als vor einer Kamera. «Jeden Abend live vor einem neuen Publikum zu spielen, setzt eine ganz besondere Energie frei.»

Weltberühmt ist Judi Dench aber vor allem dank ihren Auftritten in den James-Bond-Filmen. Achtmal schlüpfte sie in die Rolle von Bonds Chefin M, erstmals 1995 in «GoldenEye». Sie ist die einzige aus dem Darstellerensemble, die den Übergang aus der Ära Pierce Brosnan in die Ära Daniel Craig mitgemacht hat.

Wer denn ihr Lieblings-Bond sei, wird sie gefragt. «Das kann ich unmöglich beantworten. Ich habe mit beiden gerne gearbeitet. Aber ich war schon zu Connerys Zeit ein grosser Bond-Fan.»

Missgeschicke bei Bond

Dench spielt auch in ihrem neuen Film «Red Joan» eine Spionin und zeigt sich im Gespräch fasziniert von dieser Welt. Den Fall um die beiden im englischen Salisbury vergifteten russischen Spione Sergei und Yulia Skripal verfolge sie derzeit mit interessierter Anteilnahme.

Dank der Rolle in den Bond-Filmen konnte sie mal den echten britischen Geheimdienst besuchen, schwärmt die Darstellerin. «Der MI6 schickte extra eine Auto, um mich abzuholen, konnte aber mein Haus nicht finden.» Wahnsinnig ironisch sei das gewesen.

Raus aus dem MI6-Büro: Daniel Craig und Judi Dench als James Bond und M in «Skyfall».

Raus aus dem MI6-Büro: Daniel Craig und Judi Dench als James Bond und M in «Skyfall».

Von ihrem MI6-Büro in den Bond-Filmen hatte Dench aber bald einmal die Nase voll. Sie habe sich bei den Filmproduzenten beschwert, dass sie all ihre Szenen in einem kleinen Büro in London drehen musste, während Bond die ganze Welt bereisen durfte.

Für «Casino Royale» (2006) durfte sie dann eine Woche lang nach Panama. Aber als Dench wieder zurückreisen wollte, kam es am Flughafen zu Problemen. «Die Sicherheitsbeamten führten meine Maskenbildnerin ab. Sie konnten ihre Fingerabdrücke nicht kontrollieren – weil ihre Finger noch voller Make-Up waren!»

Dench spricht gerne über ihre Zeit im 007-Filmuniversum und hält auf den neuen Bond-Regisseur Cary Fukunaga grosse Stücke. Die beiden haben die Romanverfilmung «Jane Eyre» (2011) zusammen gedreht, Fukunaga soll Dench damals mit einem Brief bezirzt haben, in dem er deklarierte, dass sie die «sexiest woman» auf seinem Filmset sein würde.

«Hat er das wirklich geschrieben?», fragt Dench und lacht laut. «Cary ist wundervoll, ich freue mich für ihn, dass er den nächsten Bond-Film macht.»

Leider wird Dench darin nicht mehr zu sehen sein, M hat in «Skyfall» (2012) das Zeitliche gesegnet. Traurig ist die Darstellerin deswegen nicht: «Ich war über zwanzig Jahre lang dabei – ich hatte meine Zeit, und sie war grossartig.»