"Erfrischend originell und total amerikanisch" - mit diesen Worten beschrieb die Pritzker-Jury Frank Gehry, als sie ihn mit der wichtigsten Auszeichnung aus der Welt der Architektur ehrte. Gehrys Bauten seien Teil einer "höchst raffinierten, anspruchsvollen und abenteuerlustigen Ästhetik", hiess es zur Verleihung 1989. Drei Jahrzehnte später - Gehry wird am 28. Februar 90 Jahre alt - haben diese Worte noch immer Bestand.

Gehrys postmoderne Bauweise begeistert, weil sie den vom Bauhaus propagierten Gestaltungsgrundsatz "Form Follows Function" in gewisser Weise in ihr Gegenteil verkehrt: Form muss, wie Gehry zeigt, eben keineswegs der Funktion folgen. Sie kann sich auch in Titan-Hüllen quer durch den Himmel winden, im Detail völlig unharmonisch wirken und den Betrachter wieder und wieder verblüffen. Der Künstler Gehry scheint den Formalisten Gehry regelmässig auszustechen.

An keinem Gehry-Bau wird das deutlicher als am 1997 fertiggestellten Guggenheim-Museum im spanischen Bilbao - ein dekonstruktivistisches, funkelndes Wunderwerk aus Glas, Titan und Kalkstein, das schnell ein beliebtes Touristenziel wurde. Das Guggenheim begeistert auch Menschen, die sonst wenig mit Architektur anfangen können. Architekt Philip Johnson bezeichnete es als "das grossartigste Gebäude unserer Zeit".

In Toronto aufgewachsen

Nicht alle finden so grossen Gefallen am wilden und experimentellen Stil Gehrys. "Die Museumswelt denkt ja, ich mache absichtlich schräge Ausstellungsräume, um es den Künstlern schwer zu machen, aber das stimmt nicht", sagte er einmal der Deutschen Presse-Agentur (dpa). "Ich mag nur diese weissen Schuhschachteln nicht. Neutralität ist nicht neutral, sie entwertet Kunst." Aus Sicht anderer Kritiker sind Gehrys Bauten nicht mehr als sündhaft teure Spielzeuge eines Egozentrikers.

Geboren wurde Gehry 1929 als Ephraim Owen Goldberg in Toronto. Seine Eltern waren jüdische Einwanderer aus Polen. "Ich bin in dieser Stadt aufgewachsen, bis ich 17 war - da ist ein Haufen emotionales Zeug damit verbunden", erzählte Gehry der dpa, als er dort 2008 die Art Gallery of Ontario umgestaltete. Seine Grossmutter und er hätten damals mit Holzabfällen kleine Häuser und Städte gebaut. "Ich weiss nicht, warum sie das gemacht hat, aber es ist mein Leben geworden", sagte Gehry.

Schon früh schien Gehry der kalten und formelhaften Moderne mit einer eigenen Architektursprache etwas entgegensetzen zu wollen. Sein zweistöckiges Haus bei Los Angeles zerlegte er bis auf den Rahmen und ummantelte es mit Maschendrahtzaun und Wellblech. Das Haus im traditionellen Bungalow-Stil wirkte, als sei es explodiert.

Eigene Design-Software entwickelt

Bald baute Gehry weltweit: das Vitra Design Museum in Weil am Rhein (1989), die Fisch-Statue zu den Olympischen Spielen in Barcelona (1992), die Cinémathèque Française in Paris (1994), das Tanzende Haus in Prag (1996) und der Neue Zollhof in Düsseldorf (1999).

In neuen Aufträge sieht Gehry eigener Aussage zufolge ein "Skulptur-Objekt, einen räumlicher Container, einen Raum mit Licht und Luft". Modelle denkt er mit seinen Händen: Er zerknittert Pappe oder zerreisst Papier und klebt die Fetzen zusammen. Weil sich solch komplexe geometrische Gebilde kaum stabil und günstig bauen lassen, entwickelt Gehrys Technologiefirma sogar ihre eigene Design-Software mit ähnlichen Mitteln wie die Luft- und Raumfahrtindustrie.

Inzwischen ist Gehrys Handschrift überall auf der Welt zu sehen: die Louis Vuitton Foundation in Paris, das Biomuseo in Panama oder das im Bau befindliche Guggenheim in Abu Dhabi. Unter Gehrys vielen Kunst- und Konzerthäusern zählt die 2003 fertiggestellte Walt Disney Concert Hall in Los Angeles zu den berühmtesten.

Die Bezeichnung "Star-Architekt" kann Gehry, der vier Kinder aus zwei Ehen hat, trotzdem nicht leiden. "Es gibt Menschen, die Gebäude entwerfen, die technisch und finanziell nicht gut sind, und dann gibt es Menschen, die das Gegenteil machen", sagte Gehry einst dem britischen "Independent". "Zwei Kategorien, ganz simpel."