Coronakrise

Die Brosamen des Künstlers – ein bisschen Applaus in Zeiten der Krise und finanzieller Not

Hände hoch, es darf wieder geklatscht werden!

Hände hoch, es darf wieder geklatscht werden!

Applaus, Beifall, Klatschen – Hände dürfen per sofort wieder lautstark zusammenkommen. Zumindest die eigenen.

Mit den heute einsetzenden Lockerungen des Lockdowns finden zwei Unzertrennliche wieder zusammen: Kunst und Klatschen. Drei Monate lang waren sie getrennt. Die Kunst war weitestgehend ins Netz verdrängt – Songs, Videos, Bilder, Texte wurden digital transportiert. Statt Beifall gab es bestenfalls Likes, Click-Zahlen und Online-Spenden. Applaudiert wurde derweil nur auf Balkons.

Musik – um eine Kunstform herauszugreifen, die besonders von der Interaktion mit dem Publikum lebt – funktioniert theoretisch auch ohne Gegenüber. Doch wer in diesen Monaten ein Quarantäne-Konzert gegeben hat in einem Fernsehstudio, einem leeren Saal oder im heimischen Wohnzimmer, der musste die Stille zwischen den Songs aushalten. Da spielte es keine Rolle, ob der Applaus ausbleibt, weil die Darbietung missfällt oder weil kein Publikum zugegen ist. Wenn die letzte Note eines Liedes von der ohrenbetäubenden Ruhe geschluckt wird, ist das eine Implosion, die auch erfahrene Musiker aus der Bahn wirft.

«Applaus ist das Valium des Künstlers»

Aus dem Konzept werfen kann einen Musiker auch das an Popkonzerten verbreitete Mitklatschen. Vom amerikanischen Pianisten und Sänger Harry Connick Jr. kursiert ein wunderbarer Clip (auf Youtube zu finden mit dem Stichwort «5/4 trick»), in dem er gegen ein falsch klatschendes Publikum anspielt. Dazu muss man wissen: In der westlichen Populärmusik liegt die betonte Zählzeit meist auf 2 und 4. Doch gibt es Ausnahmen: Bei Marschmusik etwa klatscht man auf 1 und 3.

In besagtem Video hört man diese Kulturkreise aufeinanderprallen, was Connick Jr. beim Singen und Spielen sichtlich Mühe bereitet. In der Mitte seiner Darbietung schiebt er spontan einen ungeraden 5/4-Takt ein und rückt damit das Publikum, das von diesem Manöver nichts mitbekommt, geschickt auf die korrekte Zählzeit.

Einen anderen Applaus-Fauxpas beschreibt der deutsche Kolumnist Max Goldt: «Das Publikum klatscht doch nicht, weil ein Lied besonders gut ist, sondern weil es ein Lied bereits kennt. Es beklatscht sein eigenes Gedächtnis.» Noch übler sei die Unsitte, «zu Beginn eines Liedes zu klatschen, um damit zu prahlen, dass man es erkannt hat.»

Mit seinem Beifall, so folgert Goldt, trage das Publikum dazu bei, dass sich der Musiker künstlerisch nicht weiterentwickle, sondern bloss noch Bekanntes und Beliebtes abspule. Entsprechend falsch sei das Sprichwort, wonach Applaus das Brot des Künstlers sei: «Applaus ist das Valium des Künstlers.»
Nun gehört Valium aber zu den Substanzen mit hohem Suchtcharakter. So ist verständlich, dass bei Vorstellungen, bei denen man nicht mit rauschendem Beifall rechnen darf, auch Claqueure zum Einsatz kommen. Die gekauften Applaus-Entfacher bedienen sich der Tatsache, dass der Mensch in Sachen Beifall ein Herdentier ist: Es ist schwer, nicht in einen Applaus einzustimmen. Nicht mitzuklatschen, ist automatisch ein Statement gegen das Dargebotene. Eine Protesthandlung, die jedoch nur vom Nebenmann bemerkt wird und nur in seltenen Fällen vom Künstler selber.

Stehender Applaus kann auch im Sitzen gespendet werden

Herdentrieb und Missverständnis vereinen sich bei den sogenannten Standing Ovations. Der stehende Applaus verdankt seine deutsche Bezeichnung einem Übersetzungsfehler: «Standing» bezieht sich nämlich auf den lange andauernden Beifall und nicht auf die Position des Publikums. Man kann stehenden Applaus durchaus im Sitzen spenden. Wobei es auch hier schwer fällt, sich von der Masse abzugrenzen, wenn sich diese am Ende der Darbietung von den Sitzen erhebt.

Regelrecht aus den Sitzen gerissen hat es das Publikum in der ersten Hälfte der Sechzigerjahre, als die Beatles zu Weltruhm gelangten. Die Horden kreischender Teenies waren so laut (und die damaligen Beschallungsanlagen so schwach), dass die Musik der Pilzköpfe vom Publikum übertönt wurde und sich die Band ab Mitte 1966 auf das Musizieren im Studio beschränken musste.

Das Phänomen, dass sich das Publikum dermassen stark bemerkbar macht, war nicht neu: Zehn Jahre vor der Beatle-Mania bot sich bei den Auftritten Elvis Presleys ein ähnliches Bild.

Machen Sie doch bitte die Hände frei

Heutzutage scheint der Applaus bei Konzerten etwas aus der Mode zu kommen. Das mag mit dem Internet zu tun haben, das einem mit gleichbleibendem Enthusiasmus Konzertaufnahmen serviert, ob man nun klatscht oder nicht. Vor allem hat es aber einen praktischen Grund: «Wie klingt einhändiges Klatschen?» lautet eine klassische Frage aus dem Zen-Buddhismus. Die zeitgemässe Antwort lautet: Einhändiges Klatschen klingt so, wie wenn das gesamte Publikum in der einen Hand ein Handy hält – sehr still.

Wenn Sie sich, geschätzte Leser, also bald an einem Konzert wiederfinden, dann verstauen Sie doch Ihr Mobiltelefon und machen Sie beide Hände frei (ein Getränk dürfen Sie gemäss geltenden Regelungen ohnehin nicht in den Saal mitnehmen). Und dann applaudieren Sie aus Leibeskräften. Für die Musikerinnen und Musiker waren die von Gagen-Ausfällen geprägten Monate brotlos genug.

Auch im Kino wird Kultur und Kunst erlebt, dennoch wird nicht applaudiert. Lesen Sie hier einen Kommentar dazu.

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