Man hat ihn oder man hat ihn nicht. So einfach war bisher die Antwort auf die grosse Frage nach dem richtigen Stil. Aber stimmt das auch? Natürlich nicht. Warum sonst würde uns der Sachbüchermarkt schon seit geraumer Zeit mit einer ganzen Flut von Stilbüchern eindecken? Wenn man all den Autorinnen glaubt, ist Stil tatsächlich lernbar. Und ist auch dringend nötig. Schliesslich leben wir im Zeitalter des Normcore – diesem Trend zum Einheitslook. Da ist etwas mehr Individualität durchaus erwünscht.

Davon ist auch die Zürcher Stylistin Luisa Rossi überzeugt. Weshalb sich also den richtigen Schliff nicht aus Stilbüchern holen? In ihren Anfängen hat auch Rossi wichtige Tipps aus Büchern geholt. Etwa aus «Chic – die 10 ultimativen Basics» von Cinzia Felicetti. «Das war sozusagen meine Bibel», meint sie lachend. Inzwischen ist sie selbst zu einer kompetenten Anlaufstelle geworden, die Kunden in der ganzen Schweiz zu einem ihrer Persönlichkeit angepassten Stil verhilft. «Solche Bücher können gute Inspirationen geben und helfen, seinen eigenen Stil zu finden», erklärt sie.

Mode soll nicht kompliziert sein

Seinen eigenen Stil zu finden, ist allerdings kein 100-Meter-Lauf, schon eher ein Marathon. Ausser man schlägt das Buch «Was ziehe ich heute an?» der französischen Stil-Ikone und früherem Chanel-Model Inès de la Fressange auf. Bereits ihr Vorgänger-Buch «Pariser Chic – Der Style-Guide» war ziemlich erfolgreich – wohl vor allem deshalb, weil es bei ihr nichts Einfacheres zu geben scheint, als stets das Richtige im Kleiderschrank hängen zu haben. Und das sieht dann auch noch unheimlich nonchalant aus. Sie setzt auf schlichte Basis-Teile wie Blazer, Bluse, Jeans und Matrosenpulli, sozusagen die Essentials der Pariserin, und zeigt anhand einer Liste an Zutaten, wie man für jeden Anlass gerüstet ist. Das liest sich leicht und stets mit einer Prise Ironie, wenn der Anlass lautet: «Ich brauche eine Gehaltserhöhung» (statt Glitter lieber mit Schlabberjeans und T-Shirt auf Understatement machen) oder «Ich treffe meine zukünftigen Schwiegereltern» (weisse, unschuldige Hosen, flache Schuhe – nur nicht abgehoben wirken). Praktisch auch die 20 modischen Faux-pas (Den Daunenmantel und die Leggings werde ich nun definitiv aussortieren!) oder ihre modischen Kniffe. Dazu braucht es nicht viel: Schon eine Perlenkette als Gürtel getragen wirkt überraschend. Aber die Französinnen haben ja ohnehin dieses unvergleichlich charmante Stil-Gen.

Da hat es unsereiner schon etwas schwerer, und man muss am persönlichen Stil noch etwas arbeiten. Dieses Gefühl bekommt man jedenfalls, wenn man das Buch «Das Kleiderschrank-Projekt» der deutschen Bloggerin Anuschka Rees liest. Sie geht die Sache sehr systematisch an und versteht ihr Buch als Werkzeugkasten voller Tipps, Strategien – und Übungen. Ja, genau. Das wirkt dann zwar eher demotivierend, wenn man nach dem Ausmisten des Kleiderschrankes erst mal seine gewählte Kleidung der letzten zwei Wochen analysieren und auf Recherche nach dem gewünschten Stil gehen soll. Da ist Selbstreflexion gefragt. Aber schliesslich geht es der Psychologin darum, dass wir bewusster konsumieren, gute Qualität erkennen und dann auch noch unseren ganz persönlichen Stil finden.

Dass weniger eindeutig mehr ist, zeigt auch das Buch «Stilvoll» von Marlene Sørensen. Darin geben Frauen ihre Tipps weiter, die ihren Stil bereits gefunden haben. Was sie verbinde, so schreibt Sørensen in ihrer Einleitung, sei, dass sie anderes zu tun haben, als über Klamotten nachzudenken. Mode soll also nicht kompliziert sein, sondern dabei helfen, Klarheit über sich zu gewinnen. Und das geht nun mal nur, wenn man genau weiss, was man im Kleiderschrank hängen hat.

Eine solide Grundgarderobe ist deshalb das A und O. «Statt einer hippen Bomberjacke lieber in einen Blazer investieren, der ist auch in drei Jahren noch aktuell», rät Luisa Rossi. Deshalb: «Kaufen Sie rational und nicht emotional ein!» Am besten geht man mit einer «Poschti-Liste» zum Einkauf. Ebenso wichtig: Die einzelnen Kombinationen fertig denken. Also: Lässt sich die Bluse auch mit der Chino-Hose oder der Jeans kombinieren? Und zu welchem Jupe passt sie?

Weniger ist mehr

Das bedeutet nun aber nicht, dass man die aktuelle Mode nicht im Auge behalten soll. «Guter Stil ist das Spiel zwischen soliden Basics und modischen Teilen», betont Rossi. Die Basics sind das Steak, die Beilage die modischen Teile oder Accessoires, die je nach Lust und Laune hinzugefügt werden. Dabei darf man durchaus auch etwas Mut an den Tag legen.

Dass Stil nicht allein eine Frage der Mode und eines prall gefüllten Kleiderschranks ist, zieht sich wie ein roter Faden durch die Stilbücher. Es ist sogar einfacher, wenn man aus einer übersichtlichen Anzahl, dafür ausgesuchten Stücken, kombinieren kann. Der Weg dahin klingt etwas aufwendig und zeitintensiv. Aber es ist tatsächlich so, dass man die Suche des eigenen Stils mit dem Lösen dieser farbigen Zauberwürfel vergleichen kann. Wenn man mal den Dreh raus hat, geht’s wie von alleine.

Literatur: Anuschka Rees, Das Kleiderschrank-Projekt, 2017, DuMont Verlag, 272 S., Fr. 39.90.

Marlene Sørensen, Stilvoll, 2017, Callwey Verlag, 176 S., Fr. 42.90.

Inès de la Fressange, Was ziehe ich heute an?, 2017, Knesebeck Verlag, 160 S., Fr. 35.90.