Presse
Die bescheidene Königin des Journalismus

Margrit Sprecher ist die wichtigste Journalistin des Landes. Heute erhält sie den Preis für ihr Lebenswerk.

Benno Tuchschmid
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Hat die Schweizer Pressegeschichte entscheidend mitgeprägt: Margrit Sprecher. CHRISTIAN BEUTLER/Keystone

Hat die Schweizer Pressegeschichte entscheidend mitgeprägt: Margrit Sprecher. CHRISTIAN BEUTLER/Keystone

Christian Beutler/Keystone

Margrit Sprecher würde so nicht mit Margrit Sprecher sprechen wollen. Vis-à-vis sitzend. Getrennt durch eine Tischplatte. Zu statisch, zu formal. Nach fast zwei Stunden Gespräch steht sie auf und entschuldigt sich: «Es tut mir sehr leid für Sie. Was ich erzähle, ist so blutleer! Darf ich Ihnen wenigstens die Wohnung zeigen?»

Margrit Sprecher ist die grösste lebende Schweizer Journalistin. Sie erhält heute den Reinhardt-von-Graffenried-Preis für ihr Lebenswerk. Hat den renommiertesten deutschen Journalistenpreis gewonnen. Hat 40 Jahre die Schweizer Pressegeschichte entscheidend mitgeprägt.

Man nennt sie die Grande Dame des Schweizer Journalismus. Aber im Moment scheint ihre grösste Sorge tatsächlich, dass ihre Geschichte journalistisch zu wenig hergibt. Obwohl diese schon in Stichworten aussergewöhnlich ist. Geboren in die Bündner Von-Sprecher-Dynastie, aus der seit Jahrhunderten Generalstabschefs und Landammänner hervorgehen. In den 1970er-Jahren die brave Hausfrauenzeitschrift «Elle» in ein feministisches Blatt umgewandelt. Ab den 1990er-Jahren: Preise, Preise, Preise. Seither: Säulenheilige des Schweizer Journalismus.

Eine Beobachterin

Doch Margrit Sprecher muss jetzt unbedingt ihre Wohnung zeigen, «damit wenigstens ein bisschen etwas passiert für Ihren Text». Sie selber braucht das nicht, Action für ihre Geschichten. Sie beobachtet. Beschreibt. Und das so genau, dass eigentlich fast nichts passieren muss. Sie reiht minimalistische Sätze aneinander, rhythmisch wie ein Schlagzeugsolo. Dabei kommt Sprecher ohne sprachliche Knallpetarden aus. Ohne Ego zwischen den Zeilen. Wahrscheinlich sind ihre Porträts deshalb schneidender als jeder wortgewaltige Verriss. So wie diese vier Sätze, die sie Anfang 2013 über die SRF-Allzweckwaffe Nik Hartmann in «Die Zeit» schrieb.

«Nur seine Freunde sehen sich
seine Sendungen nicht an.
‹Sagen sie wenigstens.› Das ist
ihm egal. Sagt er wenigstens.»

Vier Sätze, die alles erklären. Und doch nicht wie ein richterliches Urteil auf den Porträtierten niederdonnern. Aber Margrit Sprecher ist eben auch empathische Berufskollegin und darum, eben, die Wohnung. «Damit sie wenigstens etwas Fleisch am Knochen haben», sagt Sprecher und schwebt vom Esszimmer ins Büro ihrer Zürcher Altbauwohnung. Margrit Sprecher hat Jahrgang 1936. Sie sieht mindestens 25 Jahre jünger aus. Ihr Gang ist der einer Tänzerin. Das Parkett knarrt nicht. Aus dem einen Fenster ihres Arbeitszimmers sieht man einen Rebberg und das ehemalige Wohnhaus von Gottfried Keller. Auf den Quartierstrassen sprechen die Kinder englisch. Schöne Gegend. «Zu schön», sagt Sprecher. «Ich wünschte mir hier mehr Leben.» Vor kurzem hat sie aus dem Bürofenster eine Wohnung erblickt, aus deren Fenstern es nachts blitzte. «Ich hoffte auf einen schmuddeligen Erotikfotografen.» Sie ging zum Türschild. Reportergewohnheit. Es war das Fotostudio des Betty-Bossi-Verlags. Sprecher verdreht die Augen. Sie hat einmal gesagt: «Glückliche Menschen geben nichts her.»

Margrit Sprecher hat mit zehn ihre erste eigene Zeitung gegründet. Inklusive Wirtschaftsteil mit dem Titel «Wie gehen die Geschäfte», für den sie ihren Grossvater zum Weizenpreis befragte. Mit 30 verwandelte sie ein als braves Hausfrauen-Magazin angedachtes Heft in ein feministisches Blatt, mit 47 baute sie das Ressort «Leben heute» bei der «Weltwoche» auf, und nach der offiziellen Pensionierung polierte sie als freie Autorin eigentlich nur noch ihre eigene Statue. Mit immer noch besseren Texten. Seit sie nicht mehr auf Redaktionen arbeite, seien ihre Texte besser geworden, sagt sie. Keine Ablenkung mehr. Nur ist sie journalistisch eben auch heimatlos geworden. «Die ‹Weltwoche› war mein Zuhause», sagt sie. Bis sie unter Roger Köppel nach rechts abschmierte. Die beste Schweizer Journalistin ist nirgends mehr richtig heimisch.

Interesse für das Grosse im Kleinen

Es sind fast ausschliesslich Reportagen und Porträts, die Sprecher in ihrer langen Karriere verfasst hat. Thematisch reichen sie von der Todesstrafe bis zu Nik Hartmann. Von den Piloten der Schweizer Luftwaffe, bis zum Radio DRS 2. Die vielen Sprecher-Geschichten haben sich über die Jahrzehnte zu einem Mosaik zusammengefügt, das dieses Land und seine Menschen präzise abbildet. Deuten will Margrit Sprecher dieses Bild nicht. «Ich interessiere mich nicht für das grosse Ganze.» Sondern für das Grosse im Kleinen. Und doch gibt es eine Klammer, die all ihre Texte umfasst. «Alle meine Texte sind gegen die Macht geschrieben. Das ist meine Triebfeder», sagt Sprecher. Und so ist selbst das bitterböse Nik-Hartmann-Porträt eigentlich eine Abrechnung mit dem System SRF.

Margrit Sprecher sitzt nun an ihrem Computer, Marke Apfel. Sie lässt den Cursor zögernd über den Bildschirm gleiten, wie es Menschen tun, die nicht mit dem Computer aufgewachsen sind. Die innerlich immer noch erstaunt sind, dass der Cursor die Bewegung der Hand übernimmt. Doppelclick. Ihr neuster Artikel über all ihre Verleger, die sie je gehabt hat. Perfekt war keiner. Typen waren sie alle. «Heute sitzen in den meisten Verlagen Manager, die ihre Angestellten immer wieder aufs Neue knebeln», sagt Sprecher. Für die 79-Jährige ist klar: Journalisten können den Mächtigen nur auf Augenhöhe begegnen, wenn ihnen ihre Arbeitgeber nicht das Wichtigste rauben – Selbstvertrauen.

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