Aarau

Die Anklage im Giftmord von Suhr lautet aus heutiger Sicht anders

Sandra Utzinger (links) und Nadine Schwitter verkörpern doppelt die Verena Lehner und reflektieren den Fall gleichzeitig aus heutiger Sicht.

Sandra Utzinger (links) und Nadine Schwitter verkörpern doppelt die Verena Lehner und reflektieren den Fall gleichzeitig aus heutiger Sicht.

Das Theater Marie bringt den alten Gerichtsfall auf die Bühne der Tuchlaube Aarau. Als bis heute wirksames Gleichnis.

Die erste Szene ist ziemlich missglückt: Die schwarzgekleidete Wahrsagerin mit Glitzer-Hörnern scheint einem Fantasy-Film entsprungen und schwurbelt von einer schweren Geschichte. Doch dann tritt eine junge Frau auf, verletzlich im leichten, weissen Kleid, im baumwollenen Unterkleid, wie es vor hundert Jahren üblich war. Sie erzählt in einfachen Sätzen ihr Leben. In ein Dreckloch sei sie geboren worden. Aus dieser Armut und Kälte habe sie herauswollen, sich und ihre Kinder herausgearbeitet, das sei doch normal. Am Schluss aber habe man sie wieder ins Loch – ins Gefängnis – gesteckt.

Die Botschaft kommt an, der Theaterabend in der Tuchlaube ist abgesteckt. Es geht in der Produktion des Theater Marie aus Suhr um das Leben der Verena Lehner, die 1929 im Fall des doppelten Giftmordes von Suhr zu lebenslanger Haft verurteilt worden war. Nicht als Krimi bringen Autorin Ariane Koch und Regisseur Olivier Keller die alte Sensationsgeschichte um den Arsen-Mord an zwei Kostgängern Lehners auf die Bühne, sondern als Abend aus der Sicht von Verena Lehner – und mit Fragen von heute. Ein mutiger und ergiebiger Spagat.

Fall und Urteil sind bis heute umstritten

Der Fall und der Schauprozess in Aarau geben bis heute zu reden. 2018 hat Kurt Badertscher sie in einem Buch aufgearbeitet, und Pascal Nater setzt sie in einen Podcast für Kanal K um. Soll, muss man das als Theaterbesucherin zur Vorbereitung lesen und hören? Eine Theateraufführung muss selbsterklärend sein. Der knappe Text im Programmflyer reicht, vielleicht entgeht einem aber die eine oder andere Anspielung.

«Verdeckt» ist nicht ein dokumentarisches Theater, nicht eine nachgestellte Gerichtsverhandlung im Stile von Milo Rau, sondern eine Parabel. Ein Gleichnis über das Leben einer Frau vor hundert Jahren, die sich entschieden hat, nicht arm und hungrig, nicht ausgebeutet und bevormundet zu leben. Und die dafür büssen muss.

Die doppelte Vrene

Die Bühne gehört ihr – nur ihr. Gar doppelt tritt Verena Lehner auf. Nadine Schwitter und Sandra Utzinger verkörpern sie als alterslose Person. Eindringlich wie die Lehner in sich wiederholenden Sequenzen ihren Tages- und Jahresablauf erzählt: Ansäen, ernten, kochen, putzen, das Kind säugen. Dann noch ein Kind säugen und noch eines... 16 Kinder gebärt sie, bringt sie durch, kauft ein Haus, einen Traktor gar, was Neid und Geschwätz provoziert. Einfach und rau ist die Sprache in diesen Sequenzen, altertümelnd auch und mit mundartlicher Nähe.

Innensicht und Reflektion

Schön, wie sie die erste Begegnung mit ihrem Mann erzählt. In der Frau steckt Lebenslust! Und Energie und Wissen. Sie lernt bei ihrer Arbeit in der Seidenfabrik von ihrem Vater wie Arsen nicht als Gift, sondern als Aufputschmittel wirkt, später legt sie den Leuten Karten, bekommt Macht durch Wissen und dazu «viel Münz». Ihr erstes Geld verdiente sie als Magd, es war wohl Schweigegeld für sexuelle Ausbeutung.

Doch es wäre zu bequem, in der Innensicht zu bleiben. «Ariane Koch beleuchtet Verena Lehners Schicksal aus feministisch-poetischer Perspektive», heisst es im Programm. Das besorgen die beiden Darstellerinnen, die oft nahtlos von der Ich-Erzählung zur Reflektion und zurück wechseln. Von der Bedrängnis im Zuchthaus hören wir, dann debattieren sie neben dem Modell der Strafanstalt Lenzburg über gesellschaftliche Muster und die Nichtanerkennung als Frau. Sie fallen in paranoide An-(Klagen) gegenüber der Jungfrau Maria – was zur Einlieferung in die Irrenanstalt Königsfelden führte, wo Lehner 1945 starb. Was ist Lehner, was Sicht von heute? Das Ineinandergreifen der Stränge katapultiert die Handlung wie Zuschauerin durch Ebenen und Zeiten.

Bühne, Kostüme und Musik: einfach und wirksam

Zusammengehalten wird das Spiel durch das so einfache wie wirksame Bühnenbild. Ein halbrunder Vorhang bietet den beiden Schauspielerinnen den Rahmen, darauf projiziert werden Tarot-Karten oder die Innenräume der Strafanstalt. Dahinter agiert Daniel Steiner als Klanglieferant, der mal sanft, mal durchdringend eine emotionale Basis legt. Als Kostüme genügen weisse Kleider, die durch spitzenbesetzte Blusen den Aufstieg, durch befleckte Schürzen auch Leid und Dreck oder durch kränklich-gelbe Schultertücher Ächtung und Abstieg anzeigen.

Schuldig oder unschuldig?, fragt sich die Zuschauerin zum Schluss. Schuldig des Mordes? Oder nur schuldig im Sinne der (damaligen) gesellschaftlichen Norm? Genau diese Fragen sind es, die uns heute noch umtreiben und die den Fall Verena Lehner zum Stoff und zum zeitlosen Gleichnis machen.

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