Die Melonen hängen an der Garderobe. Sie schnappen sich die Hüte, ihr unverkennbares Markenzeichen, und begeben sich ans Set von «Way Out West», um eine Tanzszene in den Kasten zu bringen. Die erste Szene im neuen Kino-Spielfilm «Stan & Ollie» sitzt. Die beiden Hollywood-Darsteller Steve Coogan und John C. Reilly etablieren sich als Stan Laurel und Oliver «Babe» Hardy – das Komikerduo, das in unseren Breitengraden besser bekannt ist als Dick und Doof. Der Filmbeginn zeigt sie als eingespieltes Duo vor der Kamera und als gute Freunde dahinter.

1937, als «Way Out West» in die Kinos kommt, ist Laurel und Hardys Popularität noch ungebrochen. Die Westernparodie wird aber als ihr letzter richtig guter Spielfilm in die Geschichte eingehen. Es kommt zu Meinungsverschiedenheiten mit Studioboss Hal Roach (gespielt von Danny Houston). Dann zum Bruch.

Stars vor leeren Rängen

Der Film «Stan & Ollie» wendet sich in der Folge einem weniger bekannten Kapitel im Leben der Starkomiker zu: ihrer Bühnentour durch Grossbritannien im Jahr 1953. Das Drehbuch basiert auf dem Buch «Laurel and Hardy – The British Tours» von A. J. Marriots.

War die England-Tournee 1946, zwei Jahre nach Laurel und Hardys Abschied von Hollywood, noch von grossem Erfolg geprägt, war die erneute Ankunft des Duos in England sieben Jahre später zunächst ernüchternd.

Der Trailer:

Erst mal stehen Stan und Ollie, von ihrem Tour-Manager vor einer billigen Absteige abgesetzt, wortwörtlich im Regen, bis sie pitschnass sind, später, auf der Bühne, vor leeren Rängen. Die Regen-Szene ist die erste, in der das Leben den Film nachzuahmen scheint. Später hieven sie einen riesigen Koffer die Treppe zur Bahnstation hoch – wie war das noch mal mit dem Klaviertransport? Zwei alte Männer, gesundheitlich und finanziell angeschlagen, sind sich in der Folge für keine Promo-Aktion zu schade, um den Ticketabsatz zu steigern.

Bis zum grossen Finale im Lyceum Theatre in London in Anwesenheit ihrer Ehefrauen: Lucille Hardy (Shirley Henderson) und Ida Kitaeva Laurel (Nina Arianda) fungieren als zweites ungleiches und deshalb lustiges Duo in dieser filmischen Konstellation, die in der Folge zunehmend an Dramatik hinzugewinnt.

Die Integration von Slapstick und Wortwitz in den Alltag und auch die Doppelung des Duo-Charakters mit den Ehefrauen Nummer drei respektive fünf funktionieren gut. Gleichzeitig ist «Stan & Ollie» aber auch recht konventionell erzählt und gegen Ende etwas gar rührselig.

Die Freundschaft des Komikerduos wird noch gehörig auf die Probe gestellt, bevor sich die beiden Männer gewahr werden, wie sehr sie sich lieben. Auch werden sie rundweg positiv dargestellt mit durchweg verzeihbaren Schwächen.

Über Wikipedia-Wissen hinaus

Aber das ist auch schön. Man kann den gestandenen Komikern Steve Coogan und John C. Reilly in der Rolle ihrer Idole nichts abschlagen, sie haben’s einfach drauf: Grosse Augen, Stirn gerunzelt, während der untere Teil des Gesichts hängt, kratzt sich der Doofe, der Brite Coogan, am Kopf. Und der Amerikaner Reilly ist der Dicke, wenn er sich mit zusammengekniffenen Augen und zusammengepressten Lippen über Stanley ärgert.

«Stan & Ollie» ist eine stimmige Hommage und gleichzeitig der Versuch, die Essenz von Laurel und Hardy auf die Leinwand zu bringen; ihre Beziehung und Zusammenarbeit über Wikipedia- und Buchwissen hinaus fassbar zu machen.

Nicht nur schaffen es Coogan und Reilly tatsächlich, den Doppeltür-Sketch oder die Performance des «Blue Ridge Mountains»-Songs leicht aussehen zu lassen wie im Original, sie machen auch die Freude und die Ernsthaftigkeit dahinter sichtbar. Weder Stan noch Ollie zweifeln an dem, was sie nun schon so lange gemeinsam tun.

Sein gesundheitlicher Zustand erlaubte es dem echten Stan Laurel nicht, an der Beerdigung – so weit kommt es im Film nicht – seines Freundes und Partners teilzunehmen. Er kommentierte das ärztliche Verbot nachträglich mit den Worten: «Es war vielleicht besser so, vielleicht hätte ich dort nur etwas Lustiges gesagt oder getan, um den Schmerz zu verbergen – und Babe hätte es verstanden. Aber ich glaube nicht, dass es die anderen auch kapiert hätten.» Hätten sie «Stan & Ollie» sehen können, sie hätten’s kapiert.

Stan & Ollie (GB / CAN / USA 2018) 98 Min. Regie: Jon S. Baird. Mit Steve Coogan, John C. Reilly u. a. Ab Donnerstag, 9. 5., im Kino,  3 von 5 Sternen.