«Die Schriftstellerin, Essayistin und Dichterin zeigt in ihren Romanen und Sachbüchern immer wieder ihr politisches Gespür und ihre Hellhörigkeit für gefährliche unterschwellige Entwicklungen und Strömungen», heisst es in der Begründung des Stiftungsrats des Deutschen Buchhandels mit Blick auf die diesjährige Friedenspreisträgerin Margaret Atwood.

Tatsächlich drängt die mittlerweile 77-jährige Kanadierin noch immer engagiert mit Brandreden gegen die drohenden Folgen der Umweltzerstörung und des Klimawandels an die Öffentlichkeit. Das brachte ihr neben all den Meriten, die sie in den vergangenen Jahrzehnten für ihre Dichtungen einheimste, den Ruf einer furchtlosen Mahnerin ein, die es nicht dabei belassen will, alleine aus ihren Büchern zu ihren Lesern zu sprechen. Kurz gefasst, lautet ihr Schlachtruf im Sinne des 1947 in Basel früh verstorbenen deutschen Dichters Wolfgang Borchert: «Sag nein! – wenn sie deine Rechte beschneiden.»

Das Schlimmste denken als Übung

«Sich das Schlimmste vorzustellen, ist ein Weg, sich darauf vorzubereiten», lautet denn auch bis heute ihr persönliches Credo. Wie dieses «Schlimmste» aussehen kann, das beschwor sie 1985 in ihrem wohl berühmtesten Buch, dem Roman «Der Report einer Magd». Darin entwarf sie in Bildern von eisiger Schärfe das Szenario einer Diktatur, in welcher Frauen als Gebärmaschinen benutzt werden. Das Buch wurde umgehend als TV-Serie adaptiert – und festigte Atwoods Ruf als literarische Aufklärerin, die ihr Schreiben stets als Parteinahme für die Unterdrückten und Geschundenen verstand. Gewiss: Margaret Atwood schreibt weder die schlanke, formvollendete Prosa ihrer Landsfrau Alice Munro, die 2013 für ihre an Anton Tschechov erinnernden Erzählungen den Literatur-Nobelpreis erhielt, noch erinnert ihr oft spröder, zupackender Erzählton an die lichten Prosastücke ihrer zehn Jahre jüngeren kanadischen Kollegin Jane Urquhart. Atwoods Literatur ist vielmehr ein forciertes und oft kantiges Schreiben gegen die Widerstände und Bedrohungen unserer Existenz. Darin ähnelt sie wohl am stärksten ihrer 2003 verstorbenen kanadischen Kollegin Carol Shields, deren Storys in den Leben sogenannt «einfacher» Leute und ihren Beziehungen zueinander dem Geheimnis des Menschseins nachspüren.

Was sie indes grundsätzlich von all den Genannten unterscheidet, ist ihre ausgeprägte Vorliebe für sogenannte literarische Dystopien, also für mit sprachlichen Mitteln entworfene Gegenbilder zum Bestehenden, und seien sie auch noch so dunkel und verstörend. Das rückte ihr Werk in die Nähe solcher Fantasy-Grössen wie H. G. Wells oder George Orwell, dessen Roman «1984» mit dem Erscheinen von Donald Trump auf der weltpolitischen Bühne urplötzlich eine neue, kaum mehr möglich gehaltene Relevanz bekam – und nun sogar wieder die Bestsellerlisten erobert, fast siebzig Jahre nach seinem Erscheinen.

Mehr als 80 Buchtitel gehen mittlerweile auf das Konto der 1938 in Ottawa geborenen Tochter eines Insektenforschers, darunter Romane, Erzählbände, Kinderbücher, Gedichtsammlungen und Sachbücher. Dabei operiert sie in ihren Arbeiten häufig mit Versatzstücken der Science Fiction, immer ausgehend von der Rolle der Frauen in den jeweils beschriebenen Gesellschaften. Das trug ihr vielfach den Zuspruch der feministischen Bewegung ein – auferlegte ihren Arbeiten aber häufig eine thematische Begrenztheit.

«Ich bin Jahrgang 1939 und habe in meinem Leben schon viel gesehen», bekannte sie kürzlich in einem interview. «Hitler, Stalin, Pol Pot bis zum Genozid in Ruanda. All das ist passiert und wird weiter passieren.» Und genau hier setzt ihr Schreiben wiederkehrend an: In der Beschwörung der lauernden, nicht nachlassenden Gefahren für den Menschen und den Planeten, auf dem er lebt. Romane wie «Die essbare Frau» (1969), «Der Report einer Magd» (1985), «Katzenauge» (1988) oder «Der blinde Mörder», für den sie 2000 den renommierten Booker Prize erhielt, legten davon eindrucksvoll Zeugnis ab. Zudem geht sie bis heute auf die Strasse, um an Protestmärschen teilzunehmen. Denn in Atwoods Augen muss sich die Literatur immer auch der Strasse beweisen, also dort, wo sie ihre Stoffe findet: Bei den Menschen und ihrer Sehnsucht nach einem Leben in dauerhaftem Frieden.

Romane als Weckrufe

Denn diese Visionärin weiss: «Die Dinge bewegen sich im Kreis und kommen wieder! Trumps Wahl zum Präsidenten hat viele Menschen wachgerüttelt, die vorher unpolitisch waren! Jetzt merken sie, dass sie etwas zu verlieren haben!» Von dieser Erkenntnis getrieben, schreibt Margaret seit 1969 ihre Bücher. Romane, die sie immer als bewusste Einmischungen verstand; als gezielte Warn- und Weckrufe. Denn von ihrem Naturell her ist diese sympathische Frau zutiefst politisch – eine Dichterin des Widerstands. Das trug ihr jetzt zu Recht den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ein. Sie darf und wird ihn als Bestätigung für ihr Schreiben und ihren Kampf gegen die herrschenden Missstände begreifen. Befrieden in ihrem Widerstand aber wird er sie nicht. Gut so.

Die Preisverleihung am So, 15. 10. um 11 Uhr wird vom ZDF live übertragen.