Kultur

Deutscher Oscaranwärter «Systemsprenger»: Jungdarstellerin dreht jetzt mit Tom Hanks

Hollywood hat bei Jungdarstellerin Helena Zengel (11) bereits angeklopft.

Hollywood hat bei Jungdarstellerin Helena Zengel (11) bereits angeklopft.

Der Film «Systemsprenger» steigt für Deutschland ins Oscar-Rennen. Die Regisseurin wurde vom Erfolg ihres Debüt-Films selbst überrascht. Am Zürich Film Festival erzählt sie vom Dreh mit der elfjährigen Ausnahmedarstellerin Helena Zengel.

Benni, eigentlich Bernadette, ist neun. Sie wird oft extrem wütend. Dann schmeisst sie mit allem Möglichem um sich, verprügelt gleichaltrige Jungs oder attackiert ihre Betreuer. Benni kann aber auch unglaublich charmant und liebenswürdig sein. Und sie ist clever. Den Weg zur Mama findet sie selber, wenn diese wieder einmal nicht gekommen ist, um sie abzuholen – wie versprochen. Denn eigentlich will sie nur zurück nach Hause.

Der deutsche Spielfilm mit dem markanten Titel «Systemsprenger» fesselt die Zuschauer von Anfang bis Schluss und weckt unglaublich viel Empathie für dieses traumatisierte Mädchen, gespielt von Helena Zengel, das mit seiner unbändigen Energie, die sich so oft in Gewalt entlädt, alle überfordert: Frau Bafané (Gabriela Maria Schmeide) vom Jugendamt, die Betreuer auf den diversen Wohngruppen, die Kinder- und Jugendpsychiaterin, Anti-Gewalttrainer Micha (Albrecht Schuch) – und vor allem die Mutter (Lisa Hagmeister). Denn dort fängt es meist an: zu Hause. Benni ist ein «Systemsprenger».

Kinder, die unter die Räder geraten

Doch was ist das, ein «Systemsprenger?», haben wir die Drehbuchautorin und Regisseurin Nora Fingscheidt («Ohne diese Welt») im Rahmen des Zurich Film Festivals gefragt, wo ihr Spielfilmdebüt im Wettbewerb «Fokus Schweiz, Deutschland, Österreich» läuft. «Es ist ein inoffizieller und sehr umstrittener Begriff, den das Jugendamt nicht verwenden würde», sagt Fingscheidt. «Damit ist ein Kind gemeint, für das die Kinder- und Jugendhilfe keinen Platz findet. Ein Kind, das überall rausfliegt und von einer Institution in die nächste muss.» «Tour de Suisse» werde das in der Schweiz genannt. Ein Ausdruck, der ihr seiner Ironie wegen besser gefällt, führten doch die scheiternden Systemprozesse dazu, dass solche Kinder unter die Räder gerieten: «Sie sprengen das System nicht. Das besteht schön weiter.»

Der Film lässt den Zuschauern kaum eine Verschnaufpause. Jedes Mal, wenn man meint, man könne kurz durchatmen und die Situation verbessere sich endlich für Benni, wird alles noch schlimmer. Das ist gewollt: «Wir wollten, dass man nicht zur Ruhe kommt», sagt die Regisseurin, «sondern die ganze Zeit durch Bennis Energie gleichsam elektrisiert ist. Und wir wollten diese Energie übersetzen in alle Aspekte des Films: In die Musik – die ist anstrengend, aber kindlich –, in den Schnitt – der ist manchmal wild und sprunghaft –, in die Farben und eben auch in die Geschichte.»

Die Farbe dieser Energie ist Pink. Die assoziativen Bilder, die gelegentlich eingestreut werden, um Bennis Gefühlswelt zu illustrieren, gleichen pinken Explosionen. «Systemsprenger» umschifft zwar klug jegliche Klischees. Dieses eine aber ist geblieben, äusseren Umständen geschuldet: «Benni brauchte warme und kräftige Farben. Rot hat Helena, die Benni spielt, immer ganz blass gemacht. Pink hat ihr eine spezielle Kraft gegeben.»

Im Drehbuch steckt jahrelange Recherche. Und auch wenn ein Spielfilm vereinfacht, dramatisiert, weglässt, ist die Geschichte rundum glaubwürdig. Sie setzt sich aus all den Erfahrungen zusammen, die Nora Fingscheidt selber in Institutionen gesammelt hat. «Wenn man ganz viel recherchiert, wird man irgendwann wieder frei, zu fiktionalisieren», erklärt sie.

Gewalt als Energieablass

Der Film steigt für Deutschland ins Oscar-Rennen und wird breit diskutiert. 22 internationale Preise hat er seit der Weltpremiere in Berlin gewonnen, darunter drei Publikumspreise. Das ist erstaunlich, denn «Systemsprenger» ist kein einfacher Film. Nora Fingscheidt kann sich das selbst nicht recht erklären. «Was ich mit dem Film wollte, war in erster Linie, dass man Verständnis für ein Kind wie Benni hat. Normalerweise bekommt man davon ja nichts mit, erst, wenn es viel zu spät ist und man die Schlagzeile in der ‹Bild›-Zeitung liest.» Es ging ihr darum, Gewalt als Ausdrucksform und als Energieablass zu thematisieren. Geschaffen hat sie «ein mit allen Sinnen spürbares Kinoerlebnis, das den Zuschauer mitreisst und im positiven Sinne erschüttert» – auch das gehörte zu ihrem Plan. Ein Plan, der voll aufgegangen ist.

Die Schauspieler machen ihre Sache hervorragend, Helena Zengel als Benni ist herausragend. Jetzt drehe sie gerade mit Tom Hanks einen Western in New Mexico, berichtet Fingscheidt. Der Film von Paul Greengrass («News of the world») soll 2020 fertiggestellt werden. Und ja, sie habe die Rolle wegen «Systemsprenger» bekommen. Bei allem, was Nora Fingscheidt sonst noch so über Helena Zengel erzählt, kommt man zum Schluss: Das Mädchen ist hochbegabt. «Sehr hochbegabt», sagt die Regisseurin. «Bei jedem anderen Kind würde ich denken: Oh Gott, Hollywood, Paul Greengrass – hoffentlich ist das nicht zu viel. Bei ihr denkst du: Jetzt ist sie mal ausgelastet, Gott sei Dank. Wahnsinn, das Mädchen, Wahnsinn!» Vielleicht erschüttert sie ja gerade das Hollywood-System – im positiven Sinn.

Meistgesehen

Artboard 1