Fluchen

Deshalb fühlen sich die Holländer manchmal «hodig»

Dier Fluch versteht auch der Schiri: Ottmar Hitzfeld zeigt den Stinkefinger.

Dier Fluch versteht auch der Schiri: Ottmar Hitzfeld zeigt den Stinkefinger.

Buchautor Hans-Martin Gauger ist Experte für Schimpfwörter und Kraftausdrücke. Im Interview erklärt er, warum Schweizer und Deutsche – was Fluchen betrifft – im selben Boot sitzen und was der Unterschied zwischen Fluchen und Schimpfen ist.

Herr Gauger, was ist die schönste Beschimpfung, die Sie kennen?

Hans-Martin Gauger: Ganz nett finde ich, was ich aus Israel höre. «Eine Krankheit soll nach dir benannt werden!» Oder: «Du sollst viel, viel Geld verdienen, aber alles wieder ausgeben müssen für die Ärzte, die du brauchen wirst!»

Die Stadtverwaltung von Brüssel hat kürzlich Beschimpfungen unter Strafe gestellt. Bis zu 250 Euro kann es künftig kosten, wenn man jemanden derb beschimpft. Wird in Belgien zu viel geflucht?

Geflucht wird in Belgien nicht unbedingt so viel. Es muss vielmehr zwischen dem Fluchen und Schimpfen unterschieden werden.

Inwiefern?

Ich unterscheide Fluchen, das ja einen religiösen Hintergrund hat, dann das Schimpfen einfach so, das etwas anderes ist, als wenn man jemanden beschimpft. Und schliesslich die Beleidigung, bei der man sich übrigens kaum vor Gericht damit herausreden kann, es sei spontan geschehen ...

... und was sagen die Belgier nun, wenn sie andere beschimpfen?

Die Belgier schimpfen in der Tat anders als wir - gleichgültig in diesem Fall, ob sie flämisch, also niederländisch, reden oder französisch. Das übliche französische Wort ist «con». Dieses Wort meint ja zunächst, und zwar in vulgärer Sprache, das weibliche Geschlechtsorgan, wird aber übertragen verwendet für alles Mögliche, aber stets für etwas Negatives. Darin liegt doch eigentlich eine Abwertung der Frau.

Gibt es auch Sprachen, in denen fortschrittlicher und emanzipierter geschimpft wird?

Durchaus, das Niederländische zum Beispiel. Wenn wir im Deutschen sagen «ich fühl mich beschissen», sagt man dort entweder «ich fühl mich hodig» oder «ich fühl mich mösig». Diese Sprache ist also gerecht und unter feministischem Gesichtspunkt nicht angreifbar.

Aber solch vulgäre Kraftausdrücke wird man hier selbst von Frauen, die gern mal derb schimpfen, nicht hören. Sind Sie sicher, dass nicht nur die Holländer, sondern auch die Holländerinnen diese sexuellen Kraftausdrücke benutzen?

Aber ja! In der unserer am engsten verwandten Sprache herrschen massiv sexuelle Ausdrücke vor, wenn es um Negatives geht. Und diese ursprünglich aus der Männerwelt stammenden Ausdrücke werden auch immer mehr von Frauen gebraucht. Das gibt es auch in den anderen Sprachen, die ich untersucht habe - ein Emanzipationsphänomen.

Sind andere Sprachen vulgärer als das Deutsche? Sind wir zarter besaitet?

In diesem Punkt sind wir sicher zarter besaitet, das ist richtig. Wir Deutschsprachigen unterscheiden uns da, und zwar von allen unseren Nachbarn. Das hat mich - naiv, wie ich war - auch selbst überrascht, dass in so vielen Sprachen das Sexuelle verwendet wird, wenn es um die Bezeichnung von Negativem geht.

Eigentlich heisst es doch gerade von Deutschen, sie seien direkt.

Direkt sind wir ja auch, nur eben mit unseren fäkalen Ausdrücken. Wir sagen zum Beispiel, wenn wir ein wenig erregt sind: «Also auf gut Deutsch gesagt: Das ist mir scheissegal.» Diese Wendung hat in anderen Sprachen keine Entsprechung. Wir schimpfen, beleidigen und fluchen vorwiegend exkrementell, während alle anderen Sprachen um uns herum - ich habe ja rund 15 in diesem Punkt untersucht - dies vorwiegend sexuell machen. Fäkalausdrücke laufen da nur noch so mit. Und es existiert wirklich so etwas wie ein deutscher beziehungsweise deutschsprachiger Sonderweg.

Deutschschweizer und Österreicher werden ungern mit den Deutschen in einen Topf geworfen, schon gar nicht sprachlich. Sitzen wir in Sachen «Scheisse» tatsächlich alle im selben Boot?

In dieser Hinsicht unterscheiden sich Schweizer, Österreicher und Deutsche so gut wie gar nicht, auch wenn sie dies «scheisse» finden mögen. Als Trost liesse sich allerdings hinzufügen, dass wir auf Deutsch zumeist nicht frauenverachtend schimpfen: «Leck mich am Arsch» gilt für beide Geschlechter.

Wie steht es mit Jugendsprachen?

Dabei handelt es sich um eine Ausnahme. In der deutschen Jugendsprache dringen massvoll sexuelle Ausdrücke für Negatives vor. Also etwa «Fick dich ins Knie» oder «Wenn du das machst, bist du gefickt». Hier richten sich die Beschimpfungen zum Beispiel auch gegen Homosexuelle. So gilt «schwul» in der deutschen Jugendsprache als negatives Wort.

Wie ist der deutschsprachige Sonderfall zu erklären?

Eine durchschlagende Erklärung für diesen deutschsprachigen Sonderweg habe ich nicht gefunden. Diese exkrementelle Einseitigkeit muss sich schon im frühen Mittelalter angebahnt haben. Und damit meine ich: Die Sprachen sind sehr fantasievoll, aber nur innerhalb derselben Spur, und wir haben uns eben früh auf diese eine Spur beschränkt.

Sind Sie selbst ein passionierter Schimpfer?

Ehrlich gesagt, bin ich weder ein grosser noch ein fantasievoller Schimpfer, ich befinde mich da auf der normal deutschsprachigen «Scheisse»-Linie.Das Forschungsgebiet des deutschen Linguisten

*Hans-Martin Gauger (77) sind Kraftausdrücke. Sein neustes Buch untersucht 15 Sprachen und ihre Schimpfwörter.

«Das Feuchte und das Schmutzige. Kleine Linguistik der vulgären Sprache.» Beck 2012, 283 S., Fr. 25.-.

Fluchen Sie ab und zu? In welchen Situationen? Und: Was sind die kreativsten Kraftausdrücke, die Sie kennen? Schreiben Sie uns Ihren Lieblingsfluch in den Kommentaren.

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