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Der zweitletzte Luzerner «Tatort»: Ein zorniger Einzeltäter fordert die Kommissare heraus

Geiselnahme in einer Luxusvilla: Mišel Matičević als Arbeiter Mike und Cecilia Steiner als «Rich Kid» Leonie Seematter.

Geiselnahme in einer Luxusvilla: Mišel Matičević als Arbeiter Mike und Cecilia Steiner als «Rich Kid» Leonie Seematter.

In ihrem 15. Schweizer «Tatort» sehen sich die Kommissare Liz Ritschard und Reto Flückiger mit einem wütenden Einzelkämpfer konfrontiert. Eine Sozialkritik mit tollem Soundtrack und stark gezeichneten Figuren.

Irgendwann gegen Ende dieses «Tatorts» ist Nick Cave zu hören, mit seinem Song «God Is In The House». Eine schöne Ironie. Man möchte sie nicht bitter nennen, denn diese Kriminalgeschichte ist darauf angelegt, wenig Mitleid mit den stolzen Villenbesitzern zu haben, denen ganz plötzlich das privilegierte Idyll abhandenkommt. Kein Gott mehr im Haus. Dafür ein Mann aus dem Norden Deutschlands mit einer Beretta im Gepäck, der kaum mehr etwas zu verlieren hat.

Liebe, Respekt, alles Fehlanzeige. Eine Ex-Frau, die mit dem achtjährigen Sohn in Stuttgart lebt und übers Handy an finanzielle Verpflichtungen erinnert. Ein Job, der gekündigt wurde. Mike Liebknecht heisst dieser Mann, der sich Gerechtigkeit mit der drohenden Pistole holen will – wenn schon nicht für sich selbst, dann wenigstens für den Sohn.

Kein Gott mehr im Mann

Und so macht er sich auf in die Schweiz, nach Luzern, in die Villa des «Dealmakers» Anton Seematter, CEO der Firma Swisscoal, die gerade über 200 Leute entlassen hat, darunter Mike Liebknecht – stringent gespielt von Mišel Matičević. Seematter lacht vom Cover des Magazins «News for Managers», auf das der Deutsche am Tresen der Autobahnraststätte blickt, nachdem er auf dem Parkplatz auf ein paar Büchsen geschossen hat. Kein Gott mehr im Mann mit der Pistole in der Hand. Dafür haften ihm beeindruckende Zielgerichtetheit und heiliger Ernst an.

Weniger Sympathien zeigt das Drehbuch des 39-jährigen Deutschen Jan Cronauer, der hier erstmals für einen «Tatort» geschrieben hat, für die Damen des geenterten Hauses. Sofia Seematter (Katharina von Bock) ist in pistaziengrüner Hose und violetter Bluse in ihrer Villa unterwegs. Mit einem Weinglas in der Hand und klassischer Musik im Hintergrund spaziert sie ziellos von Raum zu Raum – die Leere ist ihr ins Gesicht geschrieben. Eine so gelungene wie bitterböse Performance. Tochter Leonie (Cecilia Steiner) schwimmt währenddessen im Pool und darf, als der Mann mit der Beretta plötzlich vor ihr steht, die in diesem Moment so abwegige wie blöde Frage stellen: «Kann ich mir was anziehen oder wollen Sie mich eh vergewaltigen?»

Später wird sie Kokain schnupfen, sich in Papas starke Arme flüchten und trotzig sagen: «Es kann nicht jeder mit Privilegien geboren werden, sonst wären es ja keine mehr.» Dieser Satz fällt, nachdem der wütende Mike schon ausgiebig vom Privileg des Besitz- und Bindungslosen Gebrauch gemacht hat: radikal zu sein.

Der «Tatort» Luzern neigt sich mit dieser Folge auch seinem Ende zu. Gerade wurde die letzte Folge abgedreht, die 2019 zu sehen sein wird: «Der Elefant im Raum». Dann geht es weiter nach Zürich, mit neuen Ermittlern. Die Luzerner Kommissare Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) lösten im Mai 2012 ihren ersten gemeinsamen Fall («Skalpell»). Im aktuellen 15. Fall, «Friss oder stirb», ist noch mal grosser Zusammenhalt gefragt: Flückiger wird verletzt, beide Kommissare sind zeitweise ausser Gefecht gesetzt.

Die 22 aktuellen «Tatort»-Kommissare:

Es gilt erstens, den Mord an der Prorektorin der Universität Luzern aufzuklären, und zweitens, die Familie Seematter in ihrer Villa vom bewaffneten Erpresser aus dem deutschen Norden zu befreien. Dieser hat genau ausgerechnet, was er in 20 Jahren als Angestellter der Firma Swisscoal noch verdient hätte – 567'840 Euro wären das –, und genau diesen Betrag will er von CEO Seematter haben. Der Schweizer Schauspieler Roland Koch spielt den «Dealmaker» und Manager mit gewohnt grossem Charisma. Und verleiht ihm so feine Nuancen, dass selbst die Annäherung an den Erpresser nachvollziehbar wirkt.

Die Poesie des fallenden Schnees

«Friss oder stirb» ist ein starkes Kammerspiel, gedreht in einer Schweizer Villa. Folge 15 aus Luzern bietet sowohl ein Psychogramm ihrer Figuren als auch aktuelle Sozialkritik. Und sie bewältigt den Spagat zwischen Zynismus und Menschlichkeit. Dieser Krimi bietet einiges: vom ausgiebigen Zweikampf über eine Verbrüderung bis hin zur gezeigten Poesie fallenden Schnees ist sehr viel dabei. Und meistens wirkt das dicht, und nur manchmal dilettantisch.

Die Musik von Fabian Römer ist punktgenau eingesetzt: Joe Cocker macht klar «I Put A Spell On You», Johnny Cash trauert um «Danny Boy» und Leonard Cohen will wissen «Who By Fire?». Für den Schweizer Regisseur Andreas Senn war sein erster Luzerner «Tatort» eine Aufgabe zwischen «Realismus, Überhöhung und Humor».

«Tatort» Luzern: «Friss oder stirb». Sonntag, 30. Dezember, 20.05 Uhr auf SRF1.

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