Literatur

Der Weg der Wörter in die weite Welt: ein Treffen mit Gianna Molinari an der Frankfurter Buchmesse

Gianna Molinari (30) beim Schweizer Empfang an der Frankfurter Buchmesse. Während sie Lesungen für das deutsche Buch macht, läuft im Hintergrund der Handel mit den Übersetzungsrechten.

Gianna Molinari (30) beim Schweizer Empfang an der Frankfurter Buchmesse. Während sie Lesungen für das deutsche Buch macht, läuft im Hintergrund der Handel mit den Übersetzungsrechten.

Vor Jahresfrist zirkulierte ihr Manuskript in deutschen Verlagen, dieses Jahr soll das Buch in ausländische Märkte wandern. Ein Treffen an der Frankfurter Buchmesse mit Gianna Molinari, deren Debüt für den Schweizer Buchpreis nominiert ist.

Da ist zum Beispiel der Spaten. Das Wort kommt in Gianna Molinaris Roman «Hier ist noch alles möglich» vor. Aber wie sieht dieses Werkzeug aus? Ist es rund, eckig, spitzförmig? Im Niederländischen gibt es dafür verschiedene Wörter. Deswegen fragt Gerrit Bussink bei Gianna Molinari nach.

Er hat ihr Buch schon fast fertig ins Niederländische übersetzt und arbeitet noch am letzten Schliff. Und weil beide an der Frankfurter Buchmesse sind, haben sie sich dort getroffen. «Wir haben uns zweimal zusammengesetzt und ganz nah am Text gearbeitet», erzählt Molinari.

In einer Passage in Molinaris Buch kommt beispielsweise das zackige, einsilbige Wort «Zaun» vor, das niederländische Wort für «Zaun» hat aber drei Silben. Würde Gerrit Bussink jedes Mal dieses dreisilbige Wort setzen, wäre das zu dominant und der Rhythmus der Sprache ein anderer.

Und dann sind dem Übersetzer zwei Lieblingswörter in Molinaris Text aufgefallen: «hier» und «vielleicht». Ist das eine bewusste Wahl? Die Wörter passen exakt zu den zentralen Themen des Buches: die verlassene Fabrik, wo die Geschichte spielt, und die Möglichkeitsräume, die Molinaris Erzählerin gedanklich erkundet. «Es ist wunderschön, dass jemand den Text so aufmerksam liest und sich so tief in die Sprache und in die Welt des Romans hineinbegibt», sagt Gianna Molinari.

Gefallen hat ihr auch das Buch, das der Übersetzer mitgebracht hat: «sein Buch – also mein Buch – mein Buch mit seinen Notizen», sagt sie und führt mit diesem suchenden Satz ziemlich genau das vor, was beim Übersetzen mit dem Original passiert.

Es ist eine schöne Fügung, dass sich die Autorin mit ihrem niederländischen Übersetzer an der Messe treffen kann. In Frankfurt ist Gianna Molinari eigentlich wegen der PR-Arbeit für den deutschen Roman. Sie hat Lesungen auf dem Messegelände oder in der Stadt und gibt Interviews – ein Live-Interview für Radio Bremen beispielsweise, oder ein Gespräch auf der Bühne der «FAZ».

Im Hintergrund läuft die zweite wichtige Schiene der Messe: der Rechtehandel. Vor Jahresfrist war ihr damals noch nicht publiziertes Manuskript bei den deutschen Verlagen in Umlauf. Rund ein halbes Dutzend hatten sich dafür interessiert, bis es eine Auktion gab und schliesslich der deutsche Aufbau Verlag den Zuschlag bekam. Dieses Jahr nun will der Verlag die Lizenzrechte ins Ausland verkaufen.

Inka Ihmels ist Foreign Rights Managerin beim Aufbau Verlag. Während der Buchmesse trifft sie sich in der Regel von Dienstag bis Samstag im Halbstundentakt mit ausländischen Verlegern, Lektoren, Agenten und Multiplikatoren. Natürlich geht es dabei nicht nur um Gianna Molinaris Debüt. Aber sie ist ein grosser Fan von dem Buch, auch persönlich liegt es ihr am Herzen.

Der Roman hat eine «gute Aussteuerkiste», sagt sie. Er ist von der Presse sehr gut aufgenommen worden und bringt eine Reihe von Preisen mit, angefangen beim 3Sat-Preis für einen Auszug beim Wettlesen um den Bachmannpreis 2017 über den Robert-Walser-Preis bis zur Longlist für den Deutschen Buchpreis und jüngst die Nomination für den Schweizer Buchpreis, zudem wird es von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia zur Übersetzung empfohlen.

Der Funke muss springen

«In der Messearbeit ist es wichtig, den Autor schmackhaft zu machen», erklärt Inka Ihmels, «der Funke muss überspringen». Bei den Auslandverlagen sprechen die Leute nicht unbedingt Deutsch. «Man muss erreichen, dass sie eine Erstinvestition tätigen und ein Gutachten in Auftrag geben.» Für Gianna Molinari hat Aufbau eine englische Probeübersetzung von rund 18 Seiten anfertigen lassen.

Dass ihr Buch ein Debüt ist, darin sieht Ihmels keine Schwierigkeit, im Gegenteil: «Ein Debütant ist ein Versprechen für die Zukunft, das ist gerade das Schöne», sagt sie. Auch nicht in den Fotografien und Skizzen, die im Buch mit dem Text in Dialog treten – weil sie schwarz-weiss sind, erhöhen sie die Druckkosten nicht, sind hingegen «ein gewisses Extra».

Wegen des Flüchtlingsthemas, das im Buch mitschwingt, sei es jedoch nicht leicht, das Buch nach Osteuropa weiterzureichen. Und dass der Text vor allem in der Gedankenwelt der Erzählerin spielt, mache es auch eher schwierig. Wichtig ist aber nicht nur, die Übersetzungslizenz zu verkaufen, sondern einen Verlag zu finden, in dessen Profil das Buch passt und der sich für das Buch engagiert. «Ich kenne meine Pappenheimer», sagt Inka Ihmels – die richtigen Kontakte, das Netzwerk ist zentral.

Die Lizenzrechte für die niederländische Übersetzung wurden ausserhalb der Messe verkauft und gingen bereits sehr früh an den Verlag Wereldbibliotheek in Amsterdam. Verleger Koen van Gulik besucht jeweils Anfang Jahr Verlage in Deutschland und Italien. Seine Geschäfte macht er lieber auf diesen Reisen als an der Messe, da sei es ruhiger, sagt er.

Zudem dürften die Preise für die Lizenzen so früh im Jahr tiefer sein. Van Gulik spricht Deutsch, das ist ein grosser Vorteil. So konnte er Molinaris Text im Original lesen. Ihm hat die Sprache sofort gefallen: «Sie ist kalt und warm, poetisch und faktisch zugleich», sagt er. Und der Roman gehe sehr originell mit Fremdheit und Identität um und mit dem Wunsch, irgendwo dazuzugehören.

Auch eine zweite Lizenz wurde bereits vor Erscheinen des deutschen Originals vergeben. Dieser Abschluss kam über eine Agentur zustande, die in Frankreich die Rechte von Aufbau vertritt. Die Agentin wusste, dass Emmanuelle Heurtebize von der Verlagsgruppe Delcourt ein neues literarisches Programm aufbaut und neue Stimmen sucht.

Der Funke sprang über: «Die Beschreibung von Gianna Molinaris Roman hat mich sofort gepackt», erzählt die Programmleiterin, «ich vermutete eine aussergewöhnliche und sehr besondere Welt». Hinzu kam die Empfehlung von Gianna Molinaris Mentor Saša Stanišić im Verlagsprospekt, von dem sie bereits Bücher publiziert hatte.

Die englische Probeübersetzung gab ihr einen ersten Eindruck, dann aber bat sie ihre Übersetzerin Françoise Toraille um eine Einschätzung und erwarb schliesslich die Rechte. Neben Delcourt hatte es in Frankreich einen weiteren Interessenten gegeben.

Molinaris Roman hat Françoise Toraille gleich fasziniert. Das sei wichtig, sagt sie, weil es die Lust auf eine tiefe Auseinandersetzung mit dem Text weckt. Sie steht noch ganz am Anfang ihrer Übersetzung. Nach der schnell erstellten Rohfassung folge die eigentliche Arbeit, erklärt sie: das Durchlesen, Korrigieren, Ändern und Feilen.

Später wird es ihr sehr wichtig sein, die Autorin persönlich kennen zu lernen. «Ich werde Gianna Molinari zu gewissen Punkten fragen, mich bei ihr vergewissern, dass ich sie bei einzelnen Stellen richtig verstanden habe.» Schon jetzt aber weiss Françoise Toraille: «Die Herausforderung besteht für mich in der scheinbaren Einfachheit der Sprache, die in der französischen Übersetzung sicher eine ganz besondere Aufmerksamkeit verlangen wird, um nicht plump oder einfältig zu klingen. Und die extreme Dichte der Erzählung.» Und vielleicht wird sie Molinari auch nach dem genauen Aussehen des Spatens fragen.

Dieser Text wurde von der SDA und der Gottlieb-und-Hans-Vogt-Stiftung für Medienförderung ermöglicht.

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