Literatur

Der verstorbene US-Schriftsteller Philip Roth spielte in seiner eigenen Liga

Philip Roth (1933–2018): «Ich habe das Beste aus dem gemacht, was ich hatte.»

Philip Roth (1933–2018): «Ich habe das Beste aus dem gemacht, was ich hatte.»

In einsamen literarischen Höhen: Zum Tod des 85-jährig verstorbenen jüdisch-amerikanischen Jahrhundert-Schriftstellers Philip Roth.

«Er hatte seinen Zauber verloren. Der Impuls war erloschen» heisst es gleich zu Beginn seines 2010 auf deutsch erschienenen Kurzromans «Die Demütigung» über den Schauspieler Simon Axler. Und wer damals zwischen den Zeilen dieses mit der Wucht einer griechischen Tragödie daherkommenden Meisterwerks zu lesen vermochte, sah sich zwei Jahre später in seiner Annahme bestätigt: Roth hatte durch die Maske seines literarischen Geschöpfs hindurch seinen eigenen nahenden Abschied von Amerikas grosser Erzählbühne künstlerisch vorweggenommen.

Denn tatsächlich gab der im März 1933 als Sohn jüdischer Einwanderer in Newark, New Jersey, geborene, vielfach als Literaturnobelpreis-Kandidat gehandelte Schriftsteller 2012 bekannt, nicht mehr schreiben – und auch nichts mehr veröffentlichen zu wollen. «Jedes Talent hat seine Bedingungen, seine Beschaffenheit und seine Kraft», liess er die Welt damals demütig geworden wissen. Und seine sei nun erschöpft. «Ich habe das Beste aus dem gemacht, was ich hatte.»

US-Schriftsteller Philip Roth ist gestorben

US-Schriftsteller Philip Roth ist gestorben

Er gilt als einer der wichtigsten Schriftsteller seiner Generation: Nun ist Philip Roth 85-jährig verstorben.

Oh ja, das hat er! Und was er «hatte», wie er das nannte, war genug, um 25 Romane, viele Erzählungen und Essays hervorzustossen, die ihn, den Sohn eines kleinen Versicherungsangestellten, zu einem der bedeutendsten und meist verehrten Schriftsteller unserer Zeit werden liess. 1959 kam Roth – damals 25 – mit Erscheinen seines Kurzromans «Goodbye, Columbus» als grosses, leuchtendes Versprechen über die zeitgenössische amerikanische Literatur – und hat es bis zu seinem literarischen Verstummen gehalten.

Er spielte in seiner eigenen Liga

Nun ist Philip Roth, in dem Jonathan Franzen seinen «Meister» sah, 85-jährig in New York verstorben. Und die berühmte Heroldsformel, «der König ist tot, lang lebe der König!», mit der einst in Frankreich der Tod des alten Königs bekannt gegeben – und zugleich der neue ausgerufen wurde, läuft in Roths Fall plötzlich ins Leere. Denn tatsächlich agierte der oft streitbare Solitär bis zuletzt in einsamen literarischen Höhen – spielte in seiner eigenen Liga. Allem voran mit seinen Amerika-Romanen «Amerikanisches Idyll» (1997), «Sabbaths Theater» (1996), «Der menschliche Makel» (2000), oder «Verschwörung gegen Amerika» (2005), mit welchen er zum alle überstrahlenden Chronisten jüdischen Seins, Fühlens und Denkens im sich rasch verändernden Amerika jener Jahre avancierte.

Das sind die wichtigsten Werke von Philip Roth:

Zu diesem Zeitpunkt lagen seine wilden, ihn einst früh berühmt machenden Zuckerman-Jahre und -Romane bereits hinter ihm; Dekaden, in denen er, immer neu skandallüstern, die eigene Existenz im Spannungsfeld von Amerika, Judentum und Sexualität literarisch verschleiert beschrieb. Mit in spöttischer Offenheit wurzelnden Büchern wie dem Skandalerfolg «Portnoys Beschwerden» von 1970, in welchem er sein literarisches Alter Ego Nathan Zuckerman erstmals auftreten liess, und «Professor der Begierde (1977), erschrieb Roth sich in der Nachfolge Isaac B. Singers den Ruf eines spitzzüngigen Amerika-Kritikers. Und grossen Unterhalters!

Roth, der das Leben als «einen Prozess unbeeinflussbarer Zwangsläufigkeit» verstand – und es auch so beschrieb, nämlich als Abfolge kleiner Siege vor dem Hintergrund einer am Ende unausweichlich drohenden grossen Niederlage, betrieb lange ein trickreiches literarisches Spiel mit der eigenen Identität; Bücher wie «Gegenleben» (1988), «Täuschung» (1990) oder «Tatsachen» (dt. 1991) belegen dies wiederholt. Bis er mit der Veröffentlichung seines 2007 erschienenen Romans «Jedermann» 2006 alle Masken fallen liess – und literarisch endlich mehr oder weniger unverstellt bei sich selbst angekommen war.

In der Folge erschien das, was man sein «Spätwerk» nennen darf: Bücher wie «Exit Ghost» (2008), «Empörung» (2009), «Die Demütigung» (2010) und zuletzt «Nemesis» (2011), die zum Schönsten und Ergreifendsten zählen, was in den letzten 50 Jahren aus den USA literarisch zu uns gekommen ist. Denn in diesen Arbeiten demonstrierte Roth eine Art der Einsichtnahme in die menschliche Existenz, die beim Lesen sprachlos macht.

Der Thron ist verwaist

«Roth lesen», so sagte der deutsche Schriftsteller Dieter Wellershoff treffend, «ist, wie in die offen gelegte Seele des Menschen blicken. Mit all ihren Rissen und Verwerfungen. Kaum ein Autor hat uns je auf ähnliche Weise vor Augen geführt, was es heisst, Mensch zu sein.» Tatsächlich schwang Roth sich in seinen letzten, an die Kurzromane Tschechows erinnernden Büchern zu einer existenzialistisch wirkenden Klarheit auf. Dabei gelang ihm mit der Figur des jungen Sportlehrers Eugene «Bucky» Cantor, der sich in dem Roman «Nemesis» in seinem einsam geführten Kampf gegen eine grassierende Polio-Epidemie am Ende selbst verliert, eine Figur Camusschen Zuschnitts: ein allegorischer, sisyphoshafter Charakter, wie ihn Camus’ Hauptfigur in dessen berühmtem Roman «Die Pest» verkörperte.

«Nemesis» markierte den würdigen Schlussstein eines sich fügenden Romanwerks, das gegen alle zu erwartenden Geschmacks- und Zeitgeist-Stürme bleiben wird. Denn die mit bewundernswerter literarischer Sorgfalt niedergelegten Geschichten vom Werden, Hoffen und Vergehen, sind die unseren. Sie zu lesen, ist wie in den Spiegel zu schauen. Sich darin zu sehen und zu erkennen, ist das eine; es auszuhalten – und das hat am Ende wahrscheinlich keiner besser gewusst als der nun von uns Gegangene – etwas anderes.

Nun hat für ihn, der das Alter als Massaker verstand, das Aushalten ein Ende. Der König ist tot. Und sein Thron verwaist.

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