Herr Burton, die Kinder in «Miss Peregrine’s Home For Peculiar Children» haben Superpowers. Ist dies Ihr Beitrag zu Hollywoods Superhelden-Schwemme?

Tim Burton: Ich sehe den Film eher als Volksmärchen. Die Superpowers sind ja gleichzeitig auch Gebrechen. In einem Kind wohnen Bienen, ein anderes hat einen Mund am Hinterkopf. Und irgendwie schaffen sie es, diese Eigenarten nützlich für sich und andere einzusetzen. Die Welt wird immer verrückter und die Grenze zwischen Fantasy und Realität immer verwischter. Ich hoffe daher, die Leute sehen den Film und akzeptieren die Tatsache, dass es okay ist, eigenartig zu sein.

Was sind Ihre eigenen Eigenarten?

Keine Ahnung, ich habe mich nie wirklich analysiert, da ich mich immer als normale Person betrachtete. Aber ich glaube, wir fühlen uns alle hin und wieder etwas eigenartig. Die schrägsten Vögel sind vermutlich die, die von sich behaupten, normal zu sein [lacht]. Ich wurde einfach etwas umgekehrt gewickelt: Monster-Filme beruhigten mich, der Besuch der Tante löste Schrecken aus. Zum Glück habe ich mein kreatives Outlet, sonst wäre ich vermutlich im Gefängnis.

Schule und Tante sind also der Horror: Was löst bei Ihnen Wohlbefinden aus?

Ich weiss nicht, ob etwas bei mir je Wohlbefinden ausgelöst hat. Kartoffelstock vielleicht.

Und vielleicht Ihre Kinder?

Klar, ich war überrascht, wie seltsam, lustig und emotional es ist, Kinder zu haben – ein eigenartiges Erlebnis, das Ganze…

Wie sehen Ihre Träume aus? So wie Ihre Filme?

Sie sehen eigentlich eher banal aus. Ich wachte einmal schweissgebadet auf, weil ich träumte, ich müsse in die Schule. Ich habe auch solche, die zu unanständig sind, um sie hier zu beschreiben. Am liebsten träume ich aber im Wachzustand. Ich nehme das Telefon nicht ab, atme tief durch und starre einfach aus dem Fenster in die Wolken. Das ist sehr wichtig für die Kreativität.

Offizieller Filmtrailer zu Tim Burtons «Miss Peregrine's Home for Peculiar Children»

Offizieller Filmtrailer zu Tim Burtons «Miss Peregrine's Home for Peculiar Children»

Dies ist nach «Dark Shadows» Ihr zweiter Film mit Eva Green. Entwickelt sich die Schauspielerin zu Ihrer neuen Muse?

Ich finde sie wirklich toll. Ich weiss mittlerweile so viel über sie, wie ich je über sie wissen werde, aber sie hat immer noch dieses geheimnisvolle, alte Hollywood-Movie-Star-Aura für mich. Das war wichtig für die Rolle. Dazu hat sie Humor, tolle Ideen und sie sieht ein bisschen wie ein Vogel aus. Ich kann mir jedenfalls vorstellen, dass sie sich in einen Vogel verwandeln könnte.

Sie leben und arbeiten jetzt schon eine Weile in London. Wie unterscheiden sich Ihre Filme, die ein Steinwurf von Ihrem Geburtsort in Burbank entstanden sind, von Ihren jüngeren Werken?

Ich bin eigentlich ortsunabhängig und reise auch gern. Eine Weile wurden in den Hollywood Studios gar keine Filme mehr gedreht, nur noch TV-Shows. Aber vielleicht muss ich bald wieder nach Burbank zurück. Es ist inzwischen dermassen überlaufen hier in London: Früher waren die Pinewood Studios eine Geisterstadt, ich war quasi allein da. Jetzt finde ich hier nicht mal mehr eine freie Abfallgrube zum Drehen!

Wird Brexit etwas an der Flut von Hollywood-Produktionen in Grossbritannien ändern oder wie nehmen Sie das als Ausländer wahr?

Ich bin hier ein Ausländer, aber ich kam mir in Hollywood auch immer wie ein Ausländer vor. Ich weiss nicht, wo mein wahres Zuhause ist. Vielleicht in der Slowakei? Der Name klingt schon schön! [lacht] Ich weiss nicht, was Brexit bedeuten wird. Der Begriff könnte aus «Alice im Wunderland» stammen. Die Politik in Amerika ist aber auch nicht besser. Es kommt mir vor, als sei mein Film «Mars Attacks» Wirklichkeit geworden!

Der Film spielt in einer Zeitschlaufe. Welchen Bezug haben Sie zur Zeit?

Ich habe keine Ahnung, welcher Tag heute ist. Wenn ich Geburtstag habe, muss ich die Leute fragen, wie alt ich bin. Echt! Ich schaue die Zeitung an und weiss nicht, welches Jahr es ist. Ich habe also so gut wie keinen Bezug zur Zeit. Aber ich finde es gut, dass es immer vorwärtsgeht. Eine Uhr habe ich zwar nicht, aber ich frage immer, wie spät es ist. Die Zeit rast so, wenn man älter wird. Es wäre schön, wenn sie ihren Fuss etwas vom Gaspedal nehmen könnte.

Seit Ihrem ersten Spielfilm «Pee-wee’s Big Adventure» sind inzwischen 30 Jahre vergangen. Wie hat sich Ihre Einstellung zum Filmschaffen verändert?

Am Anfang war alles neu und daher wusste ich auch nicht, vor was ich Angst haben sollte. So legte ich einfach los. Dann kam der überraschende Vorwurf, meine Filme seien zu düster. Wenn ich das noch einmal hören muss! Das ödet mit der Zeit schon an und zermürbt einem etwas. Ich will ja nicht der leidende Künstler sein. Aber andererseits habe ich in diesem Job ja auch das Glück, immer wieder neue, interessante Leute kennen zu lernen, wie für diesen Film Terrence Stamp, Samuel Jackson oder Judi Dench. Oder wer hätte gedacht, dass ich mal meinen Händeabdruck im Zement des Grauman’s Chinese Theaters verewigen würde? Die gute Nachricht ist also: Es passieren immer wieder tolle Sachen, die einen aufmuntern.

Stimmt es, dass Sie nach all den Jahren nun die Fortsetzung zu «Beetlejuice» in Angriff nehmen?

Es wurde angekündigt, aber ich kann nichts bestätigen. Mir sind zwei Filme annulliert worden und das gibt mir zu denken. Deshalb ist meine neue Devise nun, nur noch zu sagen, was ich mache, wenn ich tatsächlich auf dem Filmset stehe. Jetzt bin ich sowieso noch am Verarbeiten von «Miss Peregrine’s Home For Peculiar Children». Nach einem Film gehts mir wie einem Alkoholiker auf Entzug: Ich kann nur einen Tag nach dem anderen in Angriff nehmen.