Der Tod ist allgegenwärtig. In der Eröffnungsszene seines neuen Romans malt der rumänisch-schweizerische Autor Catalin Dorian Florescu ihn als überlebensgrosses Tableau: Da ist der New Yorker East River, «ein breiter, bleierner Streifen» in der Morgendämmerung, der die Toten des Gettos aufnimmt und andernorts wieder an Land spült. Da ist auch das Dampfschiff, beladen mit den kleinen weissen Särgen der Immigrantenkinder, die es nicht geschafft haben. Ein knapp fünfzehnjähriger Zeitungsverkäufer steht unter der Brooklyn Bridge am Vorabend des Jahres, mit dem das 19. Jahrhundert ausklingt. Verstohlen schaut er zu, wie sich das Totenschiff vom Pier löst, um Kurs auf die Insel mit dem Armenfriedhof zu nehmen. Und für den Jungen ist klar: So will er nie enden. Aus diesem Bild zieht er die ganze Kraft für sein Leben. Und Florescu jene für seinen neuen Roman: «Der Mann, der das Glück bringt».

Im Griff des Einwanderer-Gettos

Glück erlebt der Junge, wenn etwas passiert, was eine gute Schlagzeile wert ist. Denn das bringt Geld. Glück ist es auch, wenn er genug Geld verdient hat, um ins Vaudeville zu gehen, ins Theater der Armen. Das grösste Glück jedoch ist es, wenn er singen kann und damit sein Publikum «zum Weinen» bringt. Denn das ist sein Traum: Selbst auf der Bühne zu stehen und wie der grosse Entfesselungskünstler Houdini sich von den Fesseln seiner Herkunft zu befreien. Meist jedoch haben ihn diese fest im Griff. Er ist im Einwanderer-Getto aufgewachsen. Je nach Bedarf erfindet er sich seine Herkunft neu und nimmt dabei wechselnde Identitäten an wie die Schuhe und Mäntel von Erfrorenen: Pascuale, Paddy, Berl, wahlweise aus Italien, Irland oder Galizien. Doch eigentlich ist er namenlos. Seine Eltern kennt er nicht, oder er will sie nicht kennen. Genannt wird er – Grossvater. Derjenige, der seine Geschichte erzählt, ist sein Enkel Ray.

Die Weiten des Donaudeltas

Auch am anderen Ende der Welt, in den weiten Schilffeldern des Donaudeltas, dort, wo die Donau im Schwarzen Meer «ertrinkt», zeichnet Florescu ein Leben vor der Kulisse des Todes: Schon als Elena geboren wird, steht für sie ein Sarg bereit. Und zuletzt scheint sie auf einer Leprakolonie lebendig begraben. Mit unbändigem Lebenswillen hat sie ihrem Schicksal eine Tochter abgetrotzt. Und mit ihr gelangt sie doch noch ans Ziel ihrer Träume — als Aschehäufchen in einem Einmachglas. Die Tochter will die Flocken von der Terrasse der Twin Towers in New York über die Stadt schweben lassen: «Mutter würde durch die Strasse Downtowns geweht werden, in den Bauch der Stadt, auf die Piers, auf die Locken der Kinder und auf die kahlen Köpfe der Greise sinken.» Doch soweit kommt es nicht.

Es sind gewaltige Bilder, die Florescu in seinem sechsten Roman miteinander in Dialog bringt. Mit ihnen lässt der Autor eine im Aberglauben behaftete archaische Welt sich im Versprechen der Moderne spiegeln – Bild geworden im penibel recherchierten Porträt von New York. Die Gegensätze sind jene, die der Autor aus eigener Erfahrung kennt und die seine bisherigen Bücher durchziehen, zuletzt «Jakob beschliesst zu lieben», mit dem Florescu 2011 den Schweizer Buchpreis gewann. Im Alter von 15 Jahren kam der heute 48-Jährige mit seinen Eltern aus Rumänien in die Schweiz. «Dass ich literarisch immer wieder darauf zurückgreife, zeigt mir, wie stark die Nabelschnur zu Rumänien noch ist», sagt Catalin Dorian Florescu. «Beide Welten durchdringen mich. New York und das Donaudelta sind nur Steigerungen dieser beiden Prinzipien ins Extreme.»

Starke Bilder, schwacher Plot

So stark die Bilder sind, so wenig zwingend wirkt der Plot. «Der Text und ich tanzen Tango, einmal führt er, dann wieder ich», erklärt der Autor die Logik seines Schreibens. Und er ergänzt: «Erst spät wurde mir klar, dass hier zwei Menschen erzählen müssen.» Doch das erschliesst sich dem Leser nur weit hinter der Mitte des Romans. Die Stimmen sind nicht als solche ausgestaltet. Es sind die Bilder, die führen. Bald schleppend, bald beschleunigend bringen sie die Erzählenden zusammen. «Es gibt diese Sehnsucht nach Würde im Menschen. Er will bestehen, sich entfalten und Zeugnis ablegen», sagt der Autor. «Migrationswellen sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel.» Vor dem grossen Hintergrundrauschen eines Jahrhunderts der Migration handelt der Roman so auch davon, wie man den Weg zueinanderfindet: über das Erzählen.

Catalin Dorian Florescu «Der Mann, der das Glück bringt», C.H. Beck, 328 Seiten. Lesung: Do, 10. März, 19.30 Uhr, Literaturhaus, Zürich.