Lucerne Festival: Der störrische Fels im pianistischen Zirkusolymp

Der russische Pianist Grigory Sokolov (68) zieht weltweit Klavierfans in seinen Bann. Nicht zuletzt mit dem exzessiven Zugabenteil seiner Konzerte – so auch am Piano-Festival in Luzern.

Roman Kühne
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Grigory Sokolov am Flügel. (Bild: Peter Fischli/LF)

Grigory Sokolov am Flügel. (Bild: Peter Fischli/LF)

Der russische Pianist Grigory Sokolov macht seinem Ruf wieder einmal alle Ehre. Das eigentliche Konzert an diesem Donnerstagabend im KKL ist vorbei. Doch er reiht Zugabe an Zugabe. Der tosende Applaus prallt an ihm ab. Kein Lächeln, eine leichte Verbeugung, fast unwirsch schreitet er von der Bühne. Wie schon im Hauptprogramm, würde er am liebsten wohl einfach durchspielen, ohne Störung, ohne Unterbruch, ganz in seine Glocke gehüllt.

Eigenwillig ist auch die Programmwahl. Andere Pianisten dieses Lucerne Festivals ziehen explizit grosse Bögen. András Schiff zeigt weit auseinanderliegende Zusammenhänge auf, Igor Levit macht seine Konzerte zum Konzept und auch dem am Samstag auftretenden Andreas Haefliger sind die Verbindungen in seinem Programm wichtig.

Bei Grigory Sokolov scheinen solche Querverweise keine Rolle zu spielen. Die Musik wird offenbar nach Lust und Laune ausgesucht. Beethovens virtuoses Jugendwerk, die «Klaviersonate in C», eine Show der Fingerfertigkeit, wird neben die verspielten «Elf Bagatellen» gestellt. Er bleibt auch bei seinem Auftritt im KKL der Interpretations-Monolith, der sich regelmässig in die klassische Landschaft keilt. Quasi exemplarisch ist hier die Zugabe «Impromtu in As-Dur» (D 899, op. 90). Technisch brillant, spielt er diese Beifügung einerseits beseelt und innig, ganz in die leisen Töne horchend.

Ein Ende mit donnernden Akkorden

Andererseits ist sein Spektrum nach oben gar der Expressivität, ja dem Plakativen zugetan. Ein seufzendes Herz, theatralisch zur Schau gestellt. Das Stück endet in einem lauten Knall und mit donnernden Akkorden.

Die zweite Zugabe ist der vollständige Kontrast. «Les sauvages» aus «Nouvelles suites de pièces de clavecin» von Jean-Philippe Rameau rast in hohem Tempo und virtuos durch den Saal. Dem Zirkus was dem Zirkus gebührt?

Auch das eigentliche Konzert beschert dem Hörer ein vielseitiges, teils zwiespältiges Erlebnis. Sokolov spielt die Klaviersonate in C-Dur mit fast schon archaischen Elementen. Die technischen Schwierigkeiten, die Tonleitern, die Oktavpassagen, die vielen Arpeggien und Triller spielt er aus einem Guss.

Die Kontraste prallen ungebremst ineinander. Schneidende Fortissimos wechseln abrupt mit feinsten Piano-Stellen. Immer wieder gibt es Momente der Berührung, schaffen seine abschattierten Bassläufe Geheimnis und Weite. Wie auch in den folgenden «Elf Bagatellen op. 119» fasziniert des Solisten Spiel, berührt aber nur selten. Seine Farben, ja seine elegante Seite hebt sich Sokolov für die «Vier Impromptu (D 935 op. 142) nach der Pause auf. Hier findet er viel Zeit, lässt sein ganzes Empfinden spielen, um die Pausen und das Schweben zwischen den Tönen auf das Herrlichste auszuloten.