Kino

Der schönste Liebesfilm des Jahres - Blanchett bringt die goldene Ära zurück

Ein langsames Zueinander-Vortasten: Therese (Rooney Mara) und Carol (Cate Blanchett). Pathé Films

Ein langsames Zueinander-Vortasten: Therese (Rooney Mara) und Carol (Cate Blanchett). Pathé Films

Im sinnlichen «Carol» lieben sich zwei Frauen, die sich gegen die soziale Norm der Fünfziger auflehnen.

Wenn Cate Blanchett ins Bild tritt, leuchtet die Leinwand. Keine andere Schauspielerin von heute verkörpert die Ära der glamourösen Leinwanddiven so sehr wie die zweifache OscarGewinnerin. In ihren Filmen wie auf ihren Werbeplakaten strahlt die 46-jährige Australierin eine Anmut und Eleganz aus, die eine Greta Garbo oder eine Rita Hayworth in Erinnerung ruft.

Diesen Ikonen aus Hollywoods goldener Ära war Blanchett nie näher als jetzt in «Carol», dem schönsten Liebesfilm des Jahres. Gleich zu Beginn schreitet sie als reiche Hausfrau Carol im Nerzmantel und mit rotem Halstuch in ein Kaufhaus. Nicht nur auf uns Zuschauer übt sie eine magnetische Anziehungskraft aus, sondern auch auf die junge Kassiererin Therese (gespielt von Rooney Mara), die ihren Blick nicht von Carol lassen kann. Die Zeit steht für einen Moment still. Und in Thereses Augen flammt leise Sehnsucht auf.

Die Szene geht auf ein autobiografisches Erlebnis der US-Autorin Patricia Highsmith zurück. Als 27-Jährige arbeitete sie in einer Spielwarenabteilung, aus einer flüchtigen Begegnung mit einer eleganten älteren Frau spann sie den Roman «Salz und sein Preis». Den veröffentlichte Highsmith zunächst unter einem Pseudonym – wegen der darin beschriebenen lesbischen Liebesbeziehung, die die Autorin nicht wie damals üblich in einem Suizid oder einer «Heilung» auflöste.

Vorlagengetreu umgesetzt

Der Roman wurde später unter Highsmith’s echtem Namen als «Carol» neu aufgelegt, und unter diesem Titel hat nun der US-Independentregisseur Todd Haynes (54) den Stoff vorlagengetreu auf die Kinoleinwand gebracht. Haynes gilt als Pionier des New Queer Cinema, einer losen Bewegung, die seit den frühen Neunzigerjahren um die realistischere Darstellung von gleichgeschlechtlicher Liebe bestrebt ist.

«Carol» spielt Anfang der 50er-Jahre, zu einer Zeit, als zwei Frauen, die gemeinsam durchbrannten, Anlass zu grossem gesellschaftlichem Argwohn gaben. So droht die scheidungswillige Carol für ihr «unmoralisches Verhalten» das Sorgerecht für ihre Tochter zu verlieren. «Der Blick auf die Vergangenheit lässt uns darüber reflektieren, was sich seit damals verändert hat und weshalb», sagt Regisseur Haynes – der nach «I’m Not There» (2007) zum zweiten Mal mit Blanchett zusammenarbeitet – im Gespräch. Gesetzesänderungen hätten die Gleichberechtigung homosexueller Paare in seinem Heimatland stark vorangetrieben, doch in anderen Kulturen seien schwule und lesbische Menschen immer noch dem Schlimmsten ausgesetzt. Der Bösewicht in «Carol» ist nicht ein Mensch, sondern das starre soziale Gerüst dieser Zeit, gegen das Blanchetts und Maras Filmfiguren – wie die meisten von Haynes’ Filmhelden – aufbegehren.

Die Suche nach dem Glück ist in «Carol» auch die Suche nach der eigenen Identität, die Ablehnung des vorgezeichneten Wegs. Therese hat wie viele junge Frauen der Nachkriegszeit einen Verehrer, der ihr Haus und Kinder in Aussicht stellt. Ein gemachtes Leben. Aber auch ein aufgezwängtes.

Haynes interessiert sich für soziale Strukturen, benutzt in unserem Gespräch Ausdrücke wie «normative Kultur» und «Heteronormativität». Er sagt, Homosexuelle hätten nur so lange gegen das Familienidyll rebelliert, bis sie es sich selber erfüllen konnten. Heute wollten doch alle homosexuellen Menschen heiraten und Kinder haben. «Der Punkt ist: Jeder und jede sollte diese Wahl für sich treffen dürfen.»

Zumal jeder Mensch vor der Liebe gleich sei. «Liebe ist ein universelles Gefühl und nimmt keine Rücksicht auf Alter, Geschlecht oder sexuelle Orientierung», sagt Haynes. Und: Liebe mache uns auch alle gleichermassen verwundbar, stürze uns ins Ungewisse. Dieser Aspekt von Patricia Highsmith’s Roman, so der Filmemacher, habe ihn am meisten fasziniert.

Verstohlene Blicke

So zeigt er in «Carol» mit viel Feingefühl, wie sich Carol und Therese nur langsam zueinander vortasten. Körperliche Annäherungen finden lange nicht statt, die gegenseitige Zuneigung der beiden Frauen erzählt Haynes in kleinen Gesten und mit verstohlenen Blicken – und hier steht Rooney Mara (in Cannes mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet) Superstar Cate Blanchett in nichts nach. Die ergreifende Liebesgeschichte ihrer Figuren ist in prächtig körnigen Bildern eingefangen, als wären sie direkt aus den Fünfzigerjahren. Sinnlicher kann ein Kinoerlebnis nicht sein.

Carol (USA/GB 2015) 118 Min. Regie: Todd Haynes. Ab morgen im Kino. QQQQQ

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