Eben befand man sich noch im Jahr 2018, und plötzlich wird man in die Vergangenheit katapultiert, ins Jahr 1909. Über die viel befahrene Zürcher Seestrasse in Küsnacht führt eine gepflasterte Allee zum ehemaligen Wohnsitz des bedeutenden Schweizer Psychiaters C. G. Jung.

In diesem herrschaftlichen Anwesen richtete Jung 1909 seine Privatpraxis ein und hier lebte er bis zu seinem Tod 1961. Die privaten Räumlichkeiten des Arztes waren bis vor kurzem nur einem privaten, erlesenen Kreis zugänglich. Nun öffnet das Museum Haus C. G. Jung am Dienstag, 3. April, seine Türen der breiten Öffentlichkeit und Besucher können auf Voranmeldung das Anwesen am Zürichseeufer besichtigen.

Als sich die Eingangstür öffnet, wird der Besuchende von Cornelia Meyer begrüsst. Sie hat die Umgestaltung des Hauses in Zusammenarbeit mit der Stiftung C. G. Jung konzipiert und ist Leiterin des Museums. «Wir verstehen das Museum als Wohnmuseum und Gelehrtenhaus.

Im Zentrum stehen nicht die wissenschaftlichen Werke Jungs, die publiziert sind und die man bereits kennt, sondern das Umfeld, in dem sie entstanden sind», erklärt Meyer. Die Besucher sollen das Gefühl haben, dass sich die ehemaligen Bewohner vielleicht gerade im Nebenzimmer oder im Garten des Anwesens befinden.

In diesem Arbeitszimmer empfing C. G. Jung Patienten.

In diesem Arbeitszimmer empfing C. G. Jung Patienten.

Neben der Museumsleiterin steht ein freundlich lächelnder älterer Herr, der eine frappante Ähnlichkeit mit C. G. Jung besitzt: dieselben schmalen Augen, derselbe Schnauz, in der Mitte leicht geteilt. Es ist Andreas Jung, pensionierter Architekt und Enkel von C. G. Jung. Seit 1975 lebt er zusammen mit seiner Frau im Haus seines Grossvaters. Damit die unteren Räume für den Museumsbetrieb benutzt werden konnten, zog sich Jung in das obere Stockwerk zurück.

Als kleiner Bub habe Andreas Jung gegenüber seinen Grosseltern keck gesagt, wenn sie das Haus nicht mehr wollen, würde er es schon nehmen. «Nach dem Tod meines Vaters stellte sich die Frage, was mit dem Haus geschehen soll. Als Denkmalpfleger wollte ich das Haus so gut wie möglich erhalten. Gleichzeitig erinnerte ich mich an das Gelübde, das ich als kleiner Bub gemacht hatte.»

Im Bauch und Kopf von C. G.

Die Museumsleiterin und der Enkel beginnen die Führung im Eingangsbereich des Hauses, wo C. G. Jung und seine Gattin Emma von zwei Gemälden auf den Besucher blicken. 1875 wird Carl Gustav Jung als Sohn eines Landpfarrers im thurgauischen Kesswil geboren und studiert später in Basel Medizin.

Nach der Hochzeit mit Emma Rauschenbach 1903 bezog das junge Ehepaar eine Amtswohnung in der «Irrenanstalt Burghölzli» – wie die Psychiatrische Universitätsklinik damals hiess –, wo Jung bis 1909 arbeitete. Danach verlässt Jung die Klinik und lässt sich in Küsnacht nieder.

Der Bau des Anwesens wäre ohne seine Gattin Emma aber gar nicht möglich gewesen, erzählt Meyer. Sie stammte aus der wohlhabenden Schaffhauser Unternehmerdynastie Rauschenberg, welche das Uhrenwerk IWC besass. Erst die Hinterlassenschaft von Emmas Vater ermöglichte dem Ehepaar das Grundstück zu erwerben und ein eigenes Heim zu errichten.

Der Psychiater C. G. Jung mit seiner Gattin Emma.

Der Psychiater C. G. Jung mit seiner Gattin Emma.

Vom Eingangsbereich führt der Rundgang weiter zum Salon und zum lichtdurchfluteten Speisezimmer, dem Zentrum des Familienalltages. «Das Erdgeschoss entspricht sozusagen dem Bauchteil von C. G., in dem der Alltag, Freizeit, und der Genuss im Vordergrund stehen.

Das obere Stockwerk mit Bibliothek und Arbeitszimmer ist hingegen der Kopfteil», erläutert Meyer. Da die Familie viele Objekte und Möbel aus Jungs Zeit beibehalten hatte, sei es möglich gewesen, die Zimmer gemäss ihrem ursprünglichen Zustand zu rekonstruieren.

Andreas Jung besuchte als Kind oft seine Grosseltern, da man vom Garten aus zum Baden in den See springen konnte. «Während der Grossvater aber im Haus war und arbeitete, konnten wir nicht einfach zu ihm hingehen und ‹Grüezi› sagen. Wir mussten still sein.» Wenn man als Besucher die Räumlichkeiten erkundet und den Erinnerungen seines Enkels lauscht, entstehen vor dem geistigen Auge in Sepia gefärbte Bilder aus einer vergangenen Zeit.

Eine Zeit, in der die Häuser jeden Schritt mit einem Knarren erwiderten, Männer Hüte trugen und Enkelkinder ihren Grossvater mit Grüezi begrüssten. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis der Herr Doktor in den Salon bittet, wo ein Hausmädchen Kaffee servieren wird.

Die dunklen Seiten

Eine Treppe mit Holzgeländer führt zum oberen Stockwerk, zu einer Bibliothek und Jungs Arbeitszimmer. Hierher zog er sich mit seinen Patienten zum Gespräch zurück. Die Analytische Psychologie verstand das Individuum als eine körperlich-seelische Einheit. In Jungs Sitzungen verarbeiteten die Patienten ihre unbewussten Konflikte und machten sich die verschiedenen Aspekte ihres Wesens – auch die dunklen Seiten – bewusst.

Die Räume sind dunkler als im unteren Stockwerk. Es herrscht eine merkwürdige Stille, die zugleich besinnlich und etwas unheimlich wirkt. Vielleicht hätte C. G. Jung diese Stimmung gefallen, befasste er sich doch zeitlebens mit okkulten Phänomenen. Andreas Jung bricht die Stille: «Wegen der Feuchtigkeit mussten wir die Gestelle wegnehmen und die Wände dahinter neu streichen. Dadurch wich der Pfeifengeruch dem Geruch von frischer Farbe, doch nun ist er wieder zurückgekehrt», erzählt Andreas Jung zufrieden.

Liesse man den Enkel von C. G. Jung weiterreden, würde er wahrscheinlich bis spätabends Anekdoten aus dem jungschen Haushalt erzählen. Er wird sich nun ebenfalls an die neue Situation gewöhnen müssen: «Jetzt fängt für uns die Kohabitation an», sagt Jung lachend. Bei der Eingangstüre angelangt, wird der Besucher verabschiedet, und über die gepflasterte Allee tritt man aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts wieder zurück in die Gegenwart.

Museum Haus C. G. Jung Küsnacht (ZH). Besuch auf Voranmeldung und im Rahmen von Führungen. Info: www.cgjunghaus.ch