Kommentar

Der Mob liegt falsch: Auch Mörder dürfen Frauenkleider tragen

Im Zentrum des Ärgers: Harry Potter-Autorin J.K. Rowling

Im Zentrum des Ärgers: Harry Potter-Autorin J.K. Rowling

Die «Harry-Potter»-Autorin J. K. Rowling ist in einen Shitstorm geraten weil sie einen transsexuellen Serienmörder in ihrem neuen Roman auftreten lässt. Das ist absurd. In der Literatur darf es keinen Minderheitenschutz geben.

Das soziale Netzwerk Tiktok ist für vieles, nicht aber für die Ernsthaftigkeit seiner Inhalte bekannt. Nun allerdings macht ein Trend auf der Plattform die Runde, der nicht mehr als Klamauk abgetan werden kann: In Videos zeigen Nutzer, wie sie ihre Bücher verbrennen.

Ganze Stapel von «Harry Potter»-Bänden gehen in Flammen auf. Die Aktion richtet sich gegen die «Harry Potter»- Autorin Joanna K. Rowling. Auf Twitter wurde zuvor schon zum Tod der britischen Schriftstellerin aufgerufen: «R. I. P. J. K. Rowling» – «Ruhe in Frieden J. K. Rowling», war da zu lesen.

Doch mit einer virtuellen Beerdigung ist es offenbar nicht getan. Man könne nicht die Autorin verdammen und ihre Bücher dennoch lesen, meint ein Tiktok-Nutzer. Während er zuschaut, wie seine «Potter»-Bände in einer Feuerschale verbrennen, trinkt er genüsslich einen Tee.

Über 9000-mal wurde das Video geliked. J. K. Rowling ist das jüngste Opfer der grassierenden Cancel Culture. Dass die Potter-Schöpferin in Ungnade gefallen ist, hat weniger mit dem berühmten Zauberschüler zu tun als viel mehr mit Rowlings neustem Roman und ihrer Position in der Transgender-Debatte.

In ihrem neuen Roman «Troubled Blood», den sie unter dem Pseudonym Robert Galbraith geschrieben hat, geht es unter anderem um einen Serienkiller, der sich zum Morden eine Perücke und Frauenkleider anzieht. Seitdem ein Rezensent der Zeitung «Telegraph» in seiner Kritik dies in den Fokus rückte, läuft das Internet Sturm gegen Rowling und sieht darin einen Beweis dafür, dass die Autorin transphob sei.

Tatsächlich hat sie sich einst in einem Essay zur Transgender-­Debatte etwas ungelenk ausgedrückt – wofür sie sich entschuldigt hat. Und Rowling ist bekannt für ihre konservative Haltung.

Anhand des Romans «Troubled Blood» aber darauf zu schliessen, dass die Autorin etwas gegen Transmenschen hat, ist Quatsch. Das Motiv des Mörders in Frauenkleidern ist wohlbekannt, Alfred Hitchcock verwendet es etwa in «Psycho».

Es ist absurd, Kleidervorschriften für Mörder zu erlassen und Schriftsteller in ihrem Schaffensprozess einzuschränken. Kriminelle zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie sich nicht an Regeln halten; und Schriftsteller dadurch, dass sie Welten erschaffen. Es ist also nur logisch, dass darin auch Mörder in Frauenkleider vorkommen können.

Wo kämen wir denn hin, wenn die Diversität in literarischen Werken berücksichtigt werden müsste und Quoten für Minderheiten eingeführt würden, wie sie etwa in Wirtschaft und Politik für Frauen diskutiert werden? Es würde daraus ungemein langweilige Literatur entstehen.

Und unverfänglich morden dürften wohl bald nur noch alte weisse Männer: Das einzige Feindbild, das keinen Minderheitenschutz geniesst und folglich schonungslos angeprangert werden darf (was ein anderes, aber kein literarisches Problem ist).

Die Stärke der Literatur liegt gerade in ihrer Fiktionalität; sie hebt sich von der Wirklichkeit ab. Von literarischen Figuren auf den Charakter der Schriftstellerin zu schliessen, macht da wenig Sinn. Keiner hat das so pointiert ausgedrückt wie der französische Philosoph Roland Barthes 1968 in seinem Aufsatz «La mort de l’auteur»: Nicht der Autor lege die Bedeutung in den Text, diese entstehe im Zusammenspiel zwischen Leser und Text. Da es keine Rolle spiele, wer einen Text geschrieben hat, verkündete Barthes den «Tod des Autors».

Welch Ironie, dass nun der Internetmob mit derselben Forderung auftritt, dabei aber aus dem gegenteiligen Grund agiert, und das nicht metaphorisch, sondern bitterernst meint. Nicht mehr, was geschrieben steht, ist wichtig, sondern wer es geschrieben hat. Hätte Rowling nie offengelegt, dass sie hinter dem Pseudonym Robert Galbraith steht, wäre der Roman nie zum Problem geworden. Allerdings würden dann auch ein paar Millionen Exemplare weniger verkauft werden.

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