«Diese Abendroben! Diese Smokingparade!» Ivan Madeo kommt aus dem Staunen nicht heraus, als er erstmals über die Croisette in Cannes flaniert. Ich treffe mich mit dem Berner Produzenten italienischer Abstammung in einem libanesischen Restaurant. Ein Dutzend kleiner Mezze-Teller steht vor uns, und Madeo schüttelt energisch den Kopf – nicht übers Essen, sondern über den Film «Barbara» von Mathieu Amalric, den er gerade gesehen hat.

«Barbara» wird eines der wenigen Werke bleiben, die Madeo in Cannes zu Gesicht bekommt, denn der 40-Jährige ist nicht zum Filmeschauen an die Côte d’Azur gereist. Sondern um eigene Filme aufzugleisen. Als einer von zwanzig europäischen «Producers on the Move» hat er hier die Möglichkeit, internationale Kontakte zu knüpfen und gemeinsame Projekte zu entwickeln.

Eurovision Contest für Film

Was das bedeutet? Madeo holt aus. Er sei auf Einladung der Promotionsagentur Swiss Films bei der European Film Promotion empfohlen worden. Dort habe er – ähnlich wie beim Eurovision Song Contest – gegen Produzenten anderer Länder antreten müssen. Punkte habe es zum Beispiel für den Gewinn des Schweizer Filmpreises («Der Kreis») oder für die Aufnahme in den Wettbewerb eines A-Festivals («Heimatland», Locarno) gegeben. Im Gegensatz zu Timebelle am ESC hat es Madeo geschafft, in den «Producers on the Move»-Final vorzustossen. Der Kellner vergisst das Wasser. Wir bestellen libanesischen Wein. Trocken.

Wie muss man sich nun dieses Produzentenfinale in Cannes vorstellen? «Pitchen, pitchen, pitchen», sagt Madeo. Das heisst, es geht darum, andere Menschen zu überzeugen, ins eigene Filmprojekt einzusteigen. Pitchbare Zielpersonen sind vor allem ausländische Produzenten, internationale Verkäufer und Verleiher. Madeo hat von seiner Produktionsfirma Contrast Film zwei französischsprachige Projekte mitgebracht, für die er in Cannes die Werbetrommel rühren wird: «Jeux de mains» erzählt von einer fünfzigjährigen Frau aus der Bieler Uhrendynastie, die mit ihrem geistig behinderten Neffen eine Affäre beginnt. Regie führt Mauro Müller, der mit dem Kurzfilm «Un mundo para Raul» (produziert von Madeo) 2013 den Studentenoscar gewann. Das zweite Projekt heisst «Terre Promise» (Regie: Léa Pool) und ist ein Drama, das von einer Albtraumheirat zwischen einer Schweizer Karrierefrau und einem ultraorthodoxen Israeli handelt.

Tabubrüche inklusive

Klassische Filmstoffe klingen anders, diese Projekte versprechen dagegen happige Kost, Tabubrüche inklusive. Ob sich dafür leichter Co-Produzenten finden lassen? Der libanesische Kellner bringt Wasser und Grillfleisch. Wir schweifen ab. Zunächst zur Schweizer Schauspielerin Sabine Timoteo, deren Film «Sicilian Ghost Story» zur Eröffnung der Semaine de la Critique in Cannes läuft. Dann zur Schweizer Filmpolitik, die Madeo in vieler Hinsicht beschäftigt. Er ist am Empfang des Filmfestivals Locarno BAK-Filmchef Ivo Kummer begegnet, der bislang kein einziges Projekt von Madeos Contrast-Produktion unterstützt hat. Es soll zu Händeschütteln (beide) und Schulterklopfen (von Kummer) gekommen sein. Grund für Letzteres: Madeo will die seit Jahrzehnten zersplitterten Filmproduzentenverbände in der Schweiz wieder einen, um für die digitalen Herausforderungen der Zukunft gewappnet zu sein.

Der Kellner räumt ab. Zeit für einen Espresso und eine letzte Frage: Was macht der Berner Filmproduzent, wenn im Rahmen der «Producers on the Move» keine Partnerschaften zustande kommen sollten? «Dann kommt Plan B zum Zug», sagt Madeo. «Jeux de mains» sei soeben für das Paris Coproduction Village im Juni selektioniert worden. Das ist eine Plattform für 12 internationale Filmprojekte, die noch auf europäischer Partnersuche sind. Was Madeo dort tun wird, scheint absehbar: «Pitchen, pitchen, pitchen.»