Jazz

Der Meilenstein von Dietikon: Ein Weltstar spielt in Zürcher Provinz

Der Jazzstar in der Schweiz: 1971 wird Miles Davis am Flughafen Zürich Kloten abgeholt. Keystone

Der Jazzstar in der Schweiz: 1971 wird Miles Davis am Flughafen Zürich Kloten abgeholt. Keystone

Trompeter Miles Davis und seine Band mit Keith Jarrett gaben 1971 in Dietikon ein Konzert, das jetzt erstmals veröffentlicht wird. Der Weltstar war enttäuscht, dass das Konzert nicht in Zürich stattfand.

«Where the fuck are we going?», sagt mit Miles Davis mit seiner gebrochenen Stimme. Der Star-Trompeter war im Hotel Atlantis in Zürich untergebracht. Zusammen mit seinem Tour-Manager Bobby Leiser fuhr er an diesem 22. Oktober 1971 im Taxi aus der Stadt Richtung Dietikon und war schon etwas enttäuscht, als er merkte, dass das Konzert gar nicht in Zürich stattfand.

In der neuen Stadthalle in Dietikon stieg unterdessen die Nervosität. «Es gab keine Mikro-Proben», erzählt Sound Engineer Klaus Koenig, der im Auftrag des Schweizer Radios die beiden Konzerte an diesem Abend aufnehmen sollte. Und der grosse Miles galt schon damals als äusserst unbequem und unberechenbar. Ein akustischer Blindflug. «Es dauerte denn auch rund sechs Minuten, bis die Balance stimmte», sagt Koenig.

Miles brach mit Jazz-Tradition

Organisiert hatte das Konzert der heute 75-jährige Marcel Bernasconi, ein Pianist und idealistischer Jazzfreak, der kurz zuvor auch bei der Gründung des legendären Zürcher Jazzclubs Bazillus dabei war. Mit der neuen Miles Davis Band in Dietikon ist ihm ein veritabler Coup gelungen. Es waren revolutionäre Zeiten. 1969 nahm der grosse Miles das epochale Album «Bitches Brew», mit dem er mit der Jazz-Tradition brach und, inspiriert von Woodstock, James Brown und Sly Stone, über Funk- und Rockrhythmen improvisierte. «Er wollte bei den jungen Schwarzen ein Star werden», sagt Koenig. Damals stellte er seine neue Musik in Europa, im Rahmen einer Tour des Newport Jazz Festivals in Europe, vor (siehe Kasten). Berlin, Paris, London, Oslo, Kopenhagen, Dietikon. 

Doch die idealistischen Schweizer Organisatoren mussten auch Lehrgeld bezahlen. Ein Steinway-D-274-Flügel musste ran. «Sonst geht gar nichts», hiess es beim amerikanischen Management. Die Schweizer Veranstalter schleppten also für einige tausend Franken den teuren Flügel auf die Bühne, der dann aber unberührt in der Ecke stehen blieb. Miles Davis spielte Electro-Jazz und verbannte den aufstrebenden Pianisten Keith Jarrett hinter das ungeliebte Elektro-Piano Fender Rhodes. Jarrett hasste es. Doch Koenig, selbst ein bekannter Pianist, war von seinem Spiel und seiner Technik begeistert. «Harmonisch unglaublich raffiniert. Wunderschön. Weltklasse», sagt er.

Von Jarrett weniger begeistert war Bobby Leiser. «Er war schon damals ein Arschloch», sagt der heute 70-Jährige barsch, «als Mensch einfach unmöglich und alles war kompliziert. Nicht einmal Miles mochte ihn.» Von 1968 bis 1973 war der Solothurner Leiser mit Miles Davis unterwegs und hat im Laufe seiner langen Karriere die Legenden der Rock- und Jazzwelt kennen gelernt. «Jazzer sind die schlimmeren Rock ’n’ Roller», sagt er. Doch mit dem als schwierig bekannten Miles Davis verstand er sich bestens. «Wir hatten ein sehr gutes Verhältnis und er hat sich immer für mich eingesetzt», sagt Leiser, «im Grunde war er ein herzensguter Mensch.»

Miles Davis war auf jener Tour gut drauf. «Er war ein Junkie-Freak», sagt Leiser, «sein Drogenproblem hatte er damals aber im Griff.» Seine damalige Freundin Bernadette, eine schwarz-indianische Schönheit mit indischem Einschlag, war dabei und hatte eine beruhigende Wirkung auf das Jazz-Genie.

Miles Davis - Live in der Stadthalle Dietikon, 1971

Miles Davis - Live in der Stadthalle Dietikon, 1971

Umso intensiver und furioser war die Musik in Dietikon. Die Basis bildeten ostinate Bassläufe von Michael Henderson sowie ein wildes polyrhythmisches Geflecht von Schlagzeuger Ndugu Leon Chancler und den beiden Perkussionisten Don Alias und James Mtume Foreman. Miles spielte keine linearen Soli mehr, sondern presste rhythmische Kürzel und Floskeln im hohen Register aus seinem Horn, die er elektrisch verzerrte und mit Wah-Wah bearbeitete. Konventionelle, aufbauende, melodische Soli spielte nur Saxofonist Gary Bartz. Umso wichtiger ist die Interaktion in der Band, vor allem zwischen Miles und Jarrett.

Mit dem Rücken zum Publikum

In jener Zeit begann Miles auch, oft mit dem Rücken zum Publikum zu spielen. Für Leiser handelt es sich dabei nicht, wie oft interpretiert, um eine Provokation gegenüber dem Publikum. Vielmehr war es eine Folge des Bandkonzepts, das auf dem spontanen Interplay beruhte. «Ein Wink, eine Geste oder ein Blick genügte, und die Musiker folgten dem Bandleader», sagt Leiser, «Miles hatte seine Band völlig im Griff.»

Die Band spielte beide Konzerte ohne Unterbruch an einem Stück. Für Koenig waren damals kaum auskomponierte Stücke erkennbar. Melodische Themen spielten eine untergeordnete Rolle. Die Stücke «Bitches Brew» sowie «What I Say» und «Funky Tonk» sind an ihrem Rhythmus und dem durchgehenden Basslauf erkennbar. «Die Musik, die Miles damals spielte, war seine Antwort auf den damaligen Free Jazz», sagt Koenig.

Nach dem Konzert konnte sich Koenig noch mit Gary Bartz unterhalten. «Doch doch, wir haben schon geprobt», sagte der Saxofonist. Miles und Jarrett blieben dagegen unnahbar und sind nach den Konzerten jeweils sofort verschwunden.

Miles Davis At Newport 1955–1975, Sony. 4-CD-Box.

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