Das grosse Interview

Der lustige Pöstler: «Blocher-Witze? Nie!»

Emil Steinberger am Freitag im Schnee von Arosa. (Bild: Mathias Marx)

Friede, Freude, Eierkuchen

Emil Steinberger am Freitag im Schnee von Arosa. (Bild: Mathias Marx)

Er ist eine Legende und noch immer ein Publikumsmagnet. Emil Steinberger (77) über seine Sehnsucht nach New York, kuriose Begegnungen mit Fans - und weshalb das Schweizer Fernsehen keinen Mut hat.

Herr Steinberger, Sie touren mit Ihren Lesungen, sind in Talkshows präsent und diese Woche eröffneten Sie das Humorfestival Arosa. Wieso tun Sie sich das noch an?

Emil Steinberger: Ich tue mir nichts an. Ich mache das alles aus Freude und weil ich diese Arbeiten spannend finde. Dabei kommen uns immer wieder neue Ideen. Das gibt meinem Leben einen Motor. Wenn meine Frau Niccel und ich am Abend ins Bett gehen, sagen wir oft: Läck, war das wieder mal ein verrückter Tag. Natürlich gibt es manchmal auch Enttäuschungen im Geschäftsleben. Aber zum Glück bin ich ja nicht alleine (schaut zu seiner Ehefrau), wir sind ein gutes Duo. Das ist ein Geschenk.

Würden Sie sich als Workaholic bezeichnen?

Manchmal vielleicht schon. Es gibt Momente, da muss ich zwischendurch innehalten und unsere Situation überdenken. Aber es ist nicht unbedingt so, dass ich so viel arbeiten will. Ich bin oft dazu gezwungen. Ich fühle mich wie der Zauberlehrling: Ich beginne etwas, und dann explodiert es und ich habe es fast nicht mehr unter Kontrolle. Wenn ich eine einfache, kleine Lesung in einer Buchhandlung mache, tauchen plötzlich 600 Leute auf und kurze Zeit später bin ich wieder mit einem neuen Bühnenprogramm unterwegs.

Dann treten Sie also so viel auf, weil Sie Angst haben, Ihre Fans zu enttäuschen?

Nein. Ich hatte sie viel mehr enttäuscht, als ich 1993 gesagt habe, ich muss das Land verlassen, ich gehe nach New York. Da gab es sehr viele Reaktionen. Die Leute fühlten sich von mir im Stich gelassen, weil sie diesen Humor nirgends mehr fanden. Einige sagten sogar, sie würden sich nie mehr eine Emil-Platte anhören. Das war bitter.

Haben Sie sich einen erneuten Umzug nach New York schon mal überlegt?

(schmunzelt) Wirklich, in letzter Zeit tauchten öfter ähnliche Gedanken auf. Es läuft momentan einfach wieder so viel, es ist unglaublich. Ich erhalte so viele Anfragen für Auftritte. Manchmal möchte ich einfach den Alarmknopf drücken, wenn es mir zu viel wird. Ich habe dann das Gefühl, da komme ich nicht mehr raus, jetzt braucht es wieder einmal einen harten Schnitt.

Das heisst, Sie ziehen weg?

(überlegt lange) Ich glaube nicht. Wieso lachst du, Niccel?
Niccel Steinberger:
Du kannst ja nichts anderes sagen, sonst bekommen wir wieder empörte Briefe.
Emil Steinberger: Stimmt (lacht). Nein, ich glaube wirklich nicht, dass wir nochmals unser ganzes Hab und Gut in Container laden und ins Ausland verschiffen. Ich könnte mir aber durchaus vorstellen, dass wir vielleicht für ein paar Monate ausreissen. Australien wäre zum Beispiel so ein Traumziel.

Letzten Sonntag wurde in der Schweiz die Ausschaffungsinitiative angenommen. Hat das Volk immer recht?

Die Absichten der Initianten zielen oft über das Ziel hinaus. Wenn ein Ausländer in ein Geschäft einbricht, wird er in Zukunft sofort ausgeschafft. Ich bin gegen die sofortige Ausschaffung. Ich finde, jemand sollte sich fünf Jahre lang bewähren können. Und dann sollte für ihn das gleiche Recht wie für einen Schweizer gelten.

Wir können keine gutschweizerischen Kompromisse mehr schliessen.

Genau, früher waren wir ein Kompromissland. Das war unser Charakter. Wir fanden immer einen Mittelweg. Heute ist das leider nicht mehr so. Oder es heisst nach der Abstimmung, wir können diese Initiative wegen internationalen Bestimmungen gar nicht umsetzen. Das ist eine dumme Vorgehensweise. Ich finde das furchtbar und traurig. Wann kommen wir wieder zu ganz normalen Lösungen? Seien wir doch endlich wieder vernünftig!

Wurden Sie schon von Parteien als Aushängeschild angefragt?

Das gab es ab und zu. Aber das war und wird für mich nie ein Thema. Ich möchte weiterhin meine eigene Meinung sagen können, ohne mich an ein Parteibüchlein halten zu müssen. Ich habe mir schon früh gesagt: «Emil, du darfst dich nie parteipolitisch aus dem Fenster wagen.»

Weshalb?

Als Theater- und Kinoleiter fand ich damals, ein Theater muss neutral bleiben und darf keine parteipolitische Färbung haben. Sonst verscheucht man sofort einen grossen Teil des Publikums. Ich erinnere mich, als Alfred Rasser sich für den Nationalrat portieren liess. Er kam damals im Theater zu mir und fragte mich, ob er dem Landesring beitreten solle. Ich riet ihm davon ab. Er tat es dann trotzdem und riskierte, dass weniger Leute in der Vorstellung sind.

Ist das ein Grundstein Ihres Erfolgs, dass Sie sowohl den SP- als auch den SVP-Wähler ansprechen?

Vielleicht ist es ein Grundpfeiler meines Erfolgs, dass ich generell keine Leute vor den Kopf stossen oder belehren will, weder in politischen Belangen noch wegen religiöser Einstellungen oder sexueller Vorlieben. Jeder braucht mal zwei Stunden unbeschwerte Unterhaltung und das gebe ich den Leuten.

Der Name Blocher wird in Ihrem Programm also nie fallen?

Nie. Wenn ich in meinem 100-minütigen Programm eine Minute über Blocher sprechen würde, wäre das furchtbar und ein totaler Fremdkörper.

Sie fürchten sich vor der Schlagzeile «Emil macht Blocher-Witze»?

Nein, es ist einfach nicht mein Genre. Dafür gibt es andere gute Kabarettisten.

In den USA wird es politischen Kabarettisten einfach gemacht bei Figuren wie Sarah Palin...

Es gibt auch in der Schweiz genügend Themen. Giacobbo/Müller ist ein gutes Beispiel, dass es funktionieren kann. Wieso kann man nicht auf SF2 einen Sendeplatz reservieren, wo zweimal im Monat während 50 Minuten auch andere Komiker ähnliche Versuche starten können?

Das Schweizer Fernsehen hat diesen Mut nicht?

Offenbar nicht. Zehn Jahre war ich mit meinem jetzigen Programm unterwegs, bis jemand vom Schweizer Fernsehen mal eine Vorstellung besucht hat und entschied, das Programm aufzuzeichnen. Das ist vielleicht generell eine Entwicklung.

Wie meinen Sie das?

Man sitzt in der Redaktion, hat aber keine Ahnung, was draussen läuft. Was nur schon in den 200 Schweizer Kleintheatern programmiert wird! Intelligente, talentierte, musikalische und wortgewandte Menschen bieten so viel Qualität. Doch das wird überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Ich kann mir drei Stunden ein Spiel von Roger Federer anschauen, aber wenn es um einen Kleinkünstler geht, muss ich mich mit einem Drei-Minuten-Beitrag zufriedengeben.

Brauchen wir einen Kabarett-Kanal?

Das wäre wunderbar. Es brauchte jemanden, der fähig wäre, eine interessante Auswahl zu treffen, der Zeit hätte, Künstler und Theater zu besuchen und Gespräche über die Darbietungen zu führen.

Wir hätten schon eine Idee, wer Programmleiter dieses Kabarett-Kanals sein könnte.

Ja?

Sie.

(lacht)

Haben Sie nie mit dem SF Kontakt aufgenommen, um gemeinsam ein Sendekonzept zu entwickeln?

Nein. Das wäre mir noch nie in den Sinn gekommen, weil ich überzeugt bin, dass Ideen von aussen nicht gewünscht sind. Sie haben ihre Konzepte. Da hat man als Aussenstehender gar keine Chance. Ich bin erschrocken, als Gabriela Amgarten vor zehn Jahren beim Amtsantritt als Unterhaltungschefin gesagt hat: «Sie müssen wissen, ich bin nur 80 Prozent angestellt.» Unterhaltung! Die schwierigste Abteilung überhaupt! Da muss doch jemand 150 Prozent präsent sein, wenn er wirklich etwas bewegen will. 80 Prozent? Gopfridstutz - das geht doch nicht. Gut, sie hat Familie und Kinder. Aber da muss jemand mit Feuer und Flamme und viel Zeit dabei sein.

Jetzt gibt es eine neue Führung im Leutschenbach. Wird alles besser?

Abwarten.

Haben Sie Hoffnung, dass sich etwas ändert?

Ja. Ich höre zumindest, dass diese Leute einen anderen Anspruch haben. Sie wollen auch Sachen machen, die nicht nur mit der Quote zu tun haben. Das kann ein kleiner Fuss in der Tür drin sein. Vielleicht entwickelt sich jetzt ja etwas. Es wäre schön, denn den Kleinkünstlern fehlt bisher eine Lobby.

Sie könnten der Türöffner sein.

Wenn ich schon sage, dass es so viele tolle Leute gibt, dann müsste ich auch meinen Teil der Suppe auslöffeln, aber das geht von meinem Wohnort Montreux aus nicht. Es wäre sicher auch mit einem kleinen Gremium von ein paar Leuten möglich. Vielleicht funktioniert es ja in den ersten zwei, drei Sendungen nicht. Aber es ist ja auch nicht jeder Fussballmatch ein Hit. Also: Warum soll man nicht auch mal etwas wagen? Die kommen sonst nie, nie, nie zum Zug. Kreativ sein ist doch das Wichtigste überhaupt im Leben. Das stirbt auch nicht ab, wenn man 65 Jahre alt ist.

Stehen Sie auch mit 80 noch auf der Bühne?

Das weiss ich nicht. Ich war neun Jahre bei der Post. Da war ich einer der Ersten, die den Mut hatten, eine Beamtenstelle zu kündigen. Das konnte ich nur, weil ich ein anderes Ziel hatte und dieses so stark in mir drin war. Nach der Kündigung kamen Kollegen zu mir und sagten: «Emil, ich will auch weg.» Da hab ich gefragt: «Ja, was hast du denn für eine Vorstellung von deiner Zukunft?» Einer antwortete: «Ich könnte ja vielleicht zu einer Versicherung gehen.» Da meinte ich: «Dafür musst du nicht kündigen. Dann kannst du auch bleiben. Das ist keine Vision. Man muss einen Motor haben, der einen antreibt.»

Wo treibt Sie Ihr Motor als Nächstes hin?

Das kann ich eben nicht sagen. Es entwickelt sich immer alles organisch. Viele Ideen und Projekte begleiten uns ständig, bis sie reif sind, realisiert zu werden. Unsere momentane Ideenliste ist sehr lang, aber wir wissen nicht, was als Nächstes konkretisiert werden kann. Anfang nächsten Jahres steht erst mal wieder eine Deutschlandtournee auf dem Programm.

Wie nehmen Sie die mitunter politische Stimmungsmache gegen die 250000 Deutschen in der Schweiz wahr?

Das geht in die Richtung: «Wir wollen unter uns bleiben und fertig.» Da werden die Schwächen der Deutschen hervorgehoben - so, wie man sie aber weiss Gott auch von uns Schweizern hervorheben könnte. Das ist einseitig und primitiv.

Welche sprachregionalen Unterschiede stellen Sie bei Ihren Auftritten in der Schweiz fest?

Es gibt kaum Unterschiede. Aber ich habe an einer Stelle in meinem französischen Programm «Trois Anges!» etwas ausprobiert. Da liest der Wirt eines Gasthauses aus seinem Gästebuch vor, wer schon alles bei ihm war: Mireille Mathieu, Louis de Funès, und dann habe ich den Namen Jörg Kachelmann angehängt. Was ist in der Westschweiz passiert? Totenstille. Nicht ein einziger Mucks. In der Deutschschweiz dagegen gab es grosses Gelächter.

Die Enthüllungsplattform Wikileaks ist in aller Munde. Macht es Ihnen Angst, dass alles öffentlich wird?

Es gibt nichts mehr Geheimes. Gerade heute Morgen habe ich gedacht: Wie lange geht es wohl, bis ein Hacker in die Fifa eindringt und die wirklichen Facts zur WM-Vergabe herausbringt? Wikileaks ist eine Art Warnzeichen an alle Verantwortlichen, dass nur noch die Wahrheit eine Chance hat. Alles andere ist ein Pferdefuss, der zurückschlagen kann. Es könnte uns dazu erziehen, nicht mehr hintendurch zu verhandeln, sondern alles offen auszutragen.

Auf was könnte der Hacker denn bei der Fifa stossen?

Vielleicht hätte er das Pech, dass gewisse Sätze von Herrn Blatter nicht in geschriebener Form existieren. Wann findet Katar statt? 2022? Wie alt ist dann Sepp Blatter? Musste er sich vielleicht überlegen, wo er sich noch ein Denkmal in Gold setzen will? Damit er eines Tages in Ruhe ins Grab steigen und sich sagen kann: Auch hier hatte ich gute Freunde.

Sie streben nicht an, dass man Ihnen ein Denkmal baut?

Nein! (lacht) Ich war schon überrascht, als ich hier in Arosa den goldenen Füllfederhalter für mein Lebenswerk bekam.

Sie bekommen vermehrt Preise für Ihr Lebenswerk. Irritiert Sie das?

Es gibt Organisationen, die schmücken sich damit, dass sie Prominenten Preise geben. Es gibt aber auch solche, die es absolut ehrlich meinen. Und wenn ich das spüre, kann ich mich auch richtig freuen.

Wie verläuft ein typisches Treffen mit einem kleinen Emil-Fan?

Kinder machen immer grosse Augen, wenn sie nach der Aufführung an meinem Signiertisch stehen. Ihre Eltern erklären ihnen dann oft: «Das ist jetzt der Emil, der mit dem Kinderwagen und der Polizeihauptwache.» Es sind immer schöne und überraschende Begegnungen. Ich bin ja einmal von einer Zeitschrift zum besten Babysitter erkoren worden. Einfach eine CD auflegen und schon ist Ruhe. Für mich war doch 1987 mit Emil Schluss. Ich wusste: Der Emil - das ist jetzt vorbei. Es war schön, toll und wunderbar. Aber, zu meiner grossen Überraschung, es geht immer noch weiter.

Gibt es Leute, die von Ihnen auf offener Strasse verlangen: Emil, machen Sie jetzt bitte mal den Polizisten?

Nein, aber in Payerne ist kürzlich jemand zu mir gekommen und hat mich gefragt: «Ist Ihnen das Hotel Prairie in Yverdon ein Begriff?» Ja, das war es mir. «Ist Ihnen dort ein Mittagessen noch in Erinnerung?» Richtig, ja, vor etwa 20, 30 Jahren haben dort Grosseltern beim Essen zu ihrem Enkel gesagt, er solle mir mal die Polizeihauptwache vorspielen. Da hat er im Restaurant absolut perfekt meine Nummer zum Besten gegeben. Alle haben gelacht. Und dieser Mann hat mir vor zwei Wochen stolz erzählt: «Dieser Bub war ich.» Er war so gerührt darüber, dass ich das nach so langer Zeit nicht vergessen habe.

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