Auf dem Hügel über der Stadt explodieren Bomben, Rauch steigt auf, man meint die gewaltigen Detonation zu hören. Was wir auf Fotos im Kunsthaus Zürich sehen, war für Akram Zaatari im libanesischen Saida die Realität seiner Jugend. Der 16-Jährige fotografierte die Bombenangriffe der Israelis 1982 und legte die Bilder nach dem Entwickeln in eines dieser Einsteckplastikalben mit kitschigen Covers, die es gratis zu jedem Auftrag gab.

Seine Minialben hat der Künstler Jahre später wieder hervorgeholt und fotografiert. Die Wucht der Angriffe waren Schrecken und Faszinosum zugleich für den 16-Jährigen. «Ich dachte damals: Eigentlich sollten alle Bomben gleichzeitig einschlagen, das ergäbe ein viel spektakuläreres Bild», erinnert er sich. Diese kindliche Vorstellung machte er mit der Montage von sechs Bildern sichtbar. Und dann filmte er in einem weiteren Schritt dieses Bild. Die gelben Linien auf dem Foto zeigen, wie er die Kamera geführt hat und so unser Augenmerk lenkt. Erstaunlich ist, wie viel eindrücklicher, scheinbar realistischer diese Filmversion wirkt. Man meint gar die Rauchwolken sich ausbreiten zu sehen.

Geschichte ist subjektiv

Doch nicht dieser Aspekt der Wahrnehmung interessierte Kuratorin Miriam Varadinis primär. Sie hat den libanesischen Künstler zu einer Ausstellung ins Kunsthaus Zürich eingeladen, weil sein Werk das Thema Krieg und Gewalt aus einer subjektiven Sicht zeigt. «Was heisst Geschichte? Was heisst Geschichte für die Menschen? Und wer schreibt eigentlich Geschichte?», fragt die Kuratorin. Zaatari ist einer der Geschichtsschreiber. «Mit der Kamera meines Vaters habe ich damals gelernt zu fotografieren», erzählt er. Zerbombte Strassen, aber auch ein Stillleben mit Kakteen oder seine Schwester friedlich am Klavier stellt er heute in eine Reihe – und zeigt damit: Krieg und Frieden sind nahe beieinander.

Reise der Erinnerung

Manchmal trennt auch nur ein kurzer Moment Glück und Verderben. In der Arbeit «Letter to a Refusing Pilot» erzählt Zaatari die fast unglaubliche Geschichte eines israelischen Bomberpiloten. Als dieser merkte, dass er ein Schulhaus treffen sollte, flog er weiter und warf seine Bomben über dem Meer ab. Zaatari hatte das Gerücht von seinem Vater, dem Direktor jener Schule gehört. Er erzählte es Jahre später – worauf sich der Pilot meldete und das Gerücht bestätigte. Mit einem Video, mit Zeichnungen, Archivmaterial und harmlosen Papierfliegern versuchte Zaatari dieses reale Märchen in Bilder zu fassen. Die Arbeit konzipierte der international bereits arrivierte Künstler 2013 für den libanesischen Pavillon an der Biennale in Venedig.

Zehn Jahre zuvor machte sich Zaatari auf eine Reise durch Syrien, Jordanien und den Libanon. Angeregt von alten Fotos, vom Bildband «Die Beduinen und die Wüste» suchte er nach den Geschichten hinter den Bildern. Der anderthalbstündige Film «This Day» ist ein assoziativer Bilderbogen zwischen gestern und heute, zwischen Bildfunden, seinen eigenen Dokumenten und Begegnungen: Wir sehen Nomaden und Kämpfer, hören die Laute der Kamele, Bomben und Rebellenlieder, fahren durch die Wüste und die Strassen Beiruts. Ein Foto zeigt vier junge Frauen mit Wasserkrügen auf dem Kopf. Eine davon, nun alt geworden, erzählt, wie schwer das wog und wie das Bild entstand. Sie kramt in Familienerinnerungen und erzählt, wie glücklich und unbeschwert das Leben im Libanon einst war. «The Life was good, it was a paradise.»

Akram Zaatari This Day At Ten. Kunsthaus Zürich, bis 31. Juli.