Er hat uns überrascht! Xavier Koller. Der Oscar-Preisträger von 1991 ist einer der bewährten Filme-Macher der Schweiz – und hat uns als 71-Jähriger wieder herrlich verblüfft. Mit dem «Schellen-Ursli». Mit einem Film voller Frische, Fantasie und einer ganz eigenen und eigenwilligen Geschichte. Auch wenn er eigentlich «nur» den Kinderbuchklassiker ins Kino brachte.

Koller setzte auf die starken und allen bekannten Bilder von Alois Carigiet aus dem Bilderbuch von 1939. Von der einfachen und viel zu kurzen Geschichte aber liess er nur das Gerüst stehen. Und so schaffte er das Unmögliche: Für eine literarische Verfilmung, die von der Vorlage stark abweicht, nicht wie üblich Haue, sondern Lob zu ernten. Ja gar Begeisterung. Über 320 000 Eintritte konnte der Film in der Deutschschweiz bisher verbuchen – eines der besten Einspielergebnisse für einen Schweizer Film. «Schellen-Ursli» belegt bereits Platz acht in der Bestenliste der Schweizer Filmgeschichte.

Schellen-Ursli. Der Film. - Offizieller Teaser

Schellen-Ursli. Der Film. - Offizieller Teaser

Dorfdrama

Wie schaffte Xavier Koller das Kunststück? Für ihn war das Bilderbuch «eine gute Kerngeschichte mit zeitlosen Charakteren», wie er uns vor dem Filmstart sagte. Also habe er gefragt: «Wer war dieser Uorsin. Wie tickt er? Ist er schlau? Wie ist das Verhältnis zur Familie, zu den Tieren, zum Dorf?» Aus seinen Antworten baute er eine Geschichte um den liebenswerten, munteren und grundguten Buben, die den märchenhaften Grundton der Geschichte beliess, die aber Logik, Dramatik und zeitlose Themen aufgreift.

Die Geschichte des Uorsin wird zum Dorfdrama – mit durchaus komischen Einsprengseln. Zum Konflikt Arm gegen Reich, Gut gegen Böse, zum Kampf Mensch-Natur. Und gar zu einem Stück Schweizergeschichte. Denn zeitlich ist der Film im Postkutschen-Zeitalter angesiedelt, als Hunger, Auswanderung und die Sorge um die pure Existenz noch Schweizer Alltag waren.

Weil Xavier Koller weiss, ein Film muss auch Spass machen, hat er eine Spur Märchen, trottelige Dorf-Komik und vor allem auch anrührende Kinderszenen geschickt mit den ernsten Tönen verwoben. Erhabenheit und eine Spur Pathos gesteht Koller nur der Natur zu. Denn die Bergkulisse, der liebliche Alpsommer und der harte Winter prägen die Menschen; die Gegensätze bedingen und steigern den Verlauf der Geschichte. Und sie verzücken das Kinopublikum.

Dazu kommt...

Eine kleine Überlegung neben «Schellen-Ursli» hat uns dazu bewogen Xavier Koller zu unserem «Kopf des Jahres» zu wählen: sein Meisterwerk «Reise der Hoffnung» von 1990. Ein berührendes Drama um den Flüchtlingsbub Mehmet Ali. Er stirbt auf der Flucht in die Schweiz auf dem winterlichen Splügenpass in den Armen seines Vaters. Der Film ist aktueller denn je. Oder wie Xavier Koller sagt: «Die jetzige Flüchtlingswelle ist viel grösser, aber der Mechanismus dahinter, das Warum, ist leider immer noch das Gleiche.»

Wir gratulieren Xavier Koller und sind gespannt, womit uns der Pendler zwischen der Schweiz und Los Angeles als Nächstes ins Kino lockt. Noch verrät er nichts über sein neues Projekt.

Wer 2015 auch noch für Aufsehen gesorgt hat

Monique Schwitter (43): Die Gewinnerin

Monique Schwitter (43): Die Gewinnerin

Ihr Porträt ist zwar noch nicht in den Felsen des Matterhorns gehauen, ihre Handabdrücke nicht in den Asphalt der Bahnhofstrasse gegossen. Aber ihr Gesicht hat sich in die Köpfe der Leser eingebrannt: Monique Schwitter, Gewinnerin des Schweizer Buchpreises, ist die meist abgebildete Schweizer Literatin des Jahres, ihr Name wurde in den deutschsprachigen Feuilletons rauf und runter dekliniert. Wie hat die Zürcherin das geschafft? Mit einem Liebesroman. Bevor Sie denken, der Literatur gingen nun wirklich die Themen aus, sei angemerkt, dass es nicht auf das «Was», sondern eben auf das «Wie» ankommt. Und Schwitters Protagonistin ist eine Heldin von heute: Zu Hause zwei Kinder, im Kopf die zu bezahlenden Rechnungen und im Bauch noch immer ein leises Ziehen, wenn sie an ihre erste Liebe denkt. Anhand elf weiterer Männer rollt die Autorin das Leben ihrer Heldin auf. Mit viel Sprachmacht und Gespür für die Oberfläche und Tiefen des Lebens. So ein Liebesroman ist eben doch etwas vom Spannendsten, was die Literatur hergibt. (ANK)

Riccardo Chailly (62): Das neue Aushängeschild

Riccardo Chailly (62): Das neue Aushängeschild

Das Gewandhausorchester Leipzig hat Riccardo Chailly (1953) in den letzten Jahren zu Höhenflügen geführt, seine Gewissenhaftigkeit ist im flatterhaften Spitzenklassikbetrieb eine Seltenheit. Im Sommer 2016 aber versucht der Mailänder Dirigent das Unmögliche, wird er doch «Nachfolger» des 2014 verstorbenen Claudio Abbado und übernimmt das Lucerne Festival Orchestra (LFO). Er will dieses «Orchester der Freunde» neu formen. Typisch Chailly: Er startet mutigerweise mit jenem Werk, das Abbado 2012 an- und dann kurzfristig abgesetzt hatte: mit Mahlers gigantischer Achter, der «Sinfonie der Tausend». Damit vollendet er den Mahler-Zyklus des LFO. An der Mailänder Scala ist er am 7. 12. 2015 als Chefdirigent gestartet: Zur Saisoneröffnung wiederbelebte er Verdis als unspielbar geltende «Giovanna d’Arco» – der Abend wurde ein Triumph. Zurück zu den italienischen Wurzeln heisst die richtige Losung für die nächsten Jahre. Wer Chaillys Denken kennen lernen will, dem sei sein Buch «Das Geheimnis liegt in der Stille» empfohlen. (BEZ)

Lukas Bärfuss (44): Der neue Einmischer der Nation

Lukas Bärfuss (44): Der neue Einmischer der Nation

Wo sind die Schweizer Schriftsteller, die sich politisch einmischen? 2015 ist wenigstens diese Frage vorläufig beantwortet. Hier ist er: Lukas Bärfuss. Sein im Oktober in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» erschienenes Essay «Die Schweiz ist des Wahnsinns» versetzte das Schweizer Feuilleton und die Online-Kommentarspalten in den Ausnahmezustand. In seinem wortgewaltigen Rundumschlag griff Bärfuss so ziemlich alles an, was es in der Schweiz anzugreifen gibt: Politik, Wirtschaft und Medien. Und sogar die Migros. Entsprechend gehässig fielen die Reaktionen aus. Aber wie schrieb es Schriftsteller-Kollege Pedro Lenz in dieser Zeitung in einem offenen Brief an Bärfuss doch so schön: «Die gleichen Leute, die heute mit verklärtem Blick von der guten alten Zeit reden, als es in der Schweiz noch Intellektuelle vom Format eines Frisch oder Dürrenmatt gegeben habe, werden sich nicht zu schade sein, Dir (Anm. d. Red: Lukas Bärfuss) mit breitem Strahl ans Bein zu pinkeln». Lenz behielt leider recht. (BTU)

Adele (27): Die First Lady des Pop

Adele (27): Die First Lady des Pop

«25» ist ein durchzogenes, durchschnittliches Album, das die hohen Erwartungen nicht erfüllen konnte. Drei gute Songs sind einfach zu wenig. Und doch bricht Adele alle Rekorde und dominiert die Popwelt im zu Ende gehenden Jahr wie keine andere. Sie ist die First Lady des Pop, die mit Abstand erfolgreichste Sängerin der Welt. Das hat natürlich mit ihrer Stimme zu tun, dieser berührenden, ungekünstelten, leicht heiseren Stimme, die manchmal zu zerbrechen droht und sogar den langweiligsten Song in eine Perle verwandeln kann. Ihr ungebrochener, triumphaler Erfolg hat aber auch damit zu tun, dass sie sich so rar macht. Vor bald acht Jahren trat sie am Jazz Festival Montreux auf. Es war das erste und bisher letzte Konzert in der Schweiz. Überhaupt hat sie noch nie eine richtige Tour gemacht. Eine Tour musste sie wegen Problemen mit ihren Stimmbändern abbrechen. Das holt sie im kommenden Jahr nach und beehrt auch die Schweiz. Wenn Adele ihre Stimme nicht wieder verliert, wird der Hype um ihre Person also auch 2016 anhalten. (SKU)