Kultur

«Der Kirschgarten» im Luzerner Theater – von Gesellschaften im Zeitalter des Wandels

Das Luzerner Theater zeigt Anton Tschechows Tragikomödie im Lichtkegel epochenübergreifender Gesellschaftskritik.

Dekadenz kommt stets vor dem Fall. Ob dieser selbst verschuldet ist oder auferzwungen wird, ist letztlich zweitrangig. Der Wandel ist nicht aufzuhalten. Das galt für Imperien genauso wie für Gesellschaftsgruppen, die die Zeichen der Zeit nicht erkennen. Wir befinden uns gerade wieder in einer Epoche des Umbruchs. Ein Virus stellt unsere Gewohnheiten und Wertvorstellungen auf den Kopf. Ähnliches geschieht auch der russischen Adelsfamilie um das Oberhaupt Ljubow Andrejewna Ranewskaja während der Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert. Anton Tschechow hat sein letztes Stück «Der Kirschgarten» im Angesicht eines herandämmernden sozialen und politischen Paradigmenwechsels verfasst. Das griechische Regie-Duo Christos Passalis und Angeliki Papoulia hat den Stoff für seine Inszenierung am Luzerner Theater in eine zeitlose Form gebracht. Am Sonntag feierte das Stück in der Box Premiere.

Die Figuren in Tschechows Stück bewegen sich konstant zwischen frohem Lebensmut und tiefer Verzweiflung.

Die Figuren in Tschechows Stück bewegen sich konstant zwischen frohem Lebensmut und tiefer Verzweiflung.

Es ist eine etwas seltsame Gesellschaft, die sich auf dem Landgut der Adelsfamilie wiedersieht. Nach Jahren im Pariser Exil wird Ljubow Andrejewna von Tochter Anja zurück in die Heimat gebracht. Alles sieht noch genauso aus, wie sie es in Erinnerung hat. Das gilt auch für den geliebten, gleichsam wunderschönen wie nutzlosen Kirschgarten, um dessen abzeichnende Veräusserung sich bald (fast) alles drehen wird.

In alten Denkmustern gefangen

Zu Hause warten unter anderem Bruder Leonid, Pflegetochter Warja und der greise Diener Firs. Sie alle sind in alten Denk- und Handlungsmustern gefangen und unfähig, sich der neuen Zeit anzupassen. Eine Mischung aus Lethargie, Ignoranz und Haltlosigkeit umweht die Schicksalsgemeinschaft. Die Familie ist verschuldet, ihr bisheriges, verschwenderisches Leben werden deren Mitglieder nicht mehr fortführen können. Menetekel des Abstiegs ist der ehemalige Leibeigene Jermolaj Alexejewitsch Lopachin, der es als Kaufmann zu Reichtum gebracht hat und dazu drängt, das Gut zur Versteigerung zu bringen. Damit einher geht das Abholzen des Kirschgartens.

Ein letzter Ballabend als Abgesang auf den Adel.

Ein letzter Ballabend als Abgesang auf den Adel.

In der Luzerner Inszenierung verdichten die Macher den Handlungsstrang auf eine «Retrospektive des letzten Jahrhunderts mit all seinen Grausamkeiten, aber auch seinen Wundern», wie Christos Passalis es im Vorfeld der Premiere erklärte. Eine zentrale Grausamkeit liegt im Umgang mit der Natur, die vom alten Stand so gehegt und gepflegt wurde, nun aber dem Fortschritt weichen muss: Ferienhäuser sollen an bester Flusslage für die neuen Schrittmacher der Epoche, das aufstrebende Bürgertum, entstehen.

Lopachin ist dessen unzimperliches, aber auch innerlich zerrissenes Gesicht. Überhaupt unterteilt Tschechow – ganz der Realist – seine Figuren nie einfach in aufrichtige Helden oder hinterhältige Nutzniesser. Sie bleiben ambivalent, verunsichert und doch lebensmutig. Diesem Grundsatz schliessen sich Passalis und Papoulia an. Und genau deshalb funktioniert das Stück so gut.

Banalitäten des Luxuslebens

Die Dynamik der Inszenierung, die den Handlungsstrang flott vorantreibt, spiegelt sich auch in dem Bühnenbild von Márton Ágh. Ein hölzerner, mehreckiger Pavillon steht in der Mitte der Box, darum herum sitzen die Zuschauer. Diener Firs begrüsst diese, führt sie ein in Tschechows Adelstragikomödie und öffnet nacheinander die Läden des Gebäudes, in dem der Rest des insgesamt achtköpfigen Ensembles erscheint.

Nach nur wenigen Minuten erfolgt eine Schlüsselszene, als bei der fröhlichen Begrüssungsszenerie Ljubow Andrejewna erfährt, dass die Kinderfrau inzwischen gestorben ist. Man begegnet dem Tod einer langjährigen Dienerin mit Leichtigkeit, während das mögliche Abholzen des Kirschgartens hysterische Empörung auslöst. Und egal wie viel Lopachin nachher auf die Familie einredet und sie von der Dringlichkeit des Verkaufs zu überzeugen versucht – diese flüchtet lieber in die Banalitäten ihres Luxuslebens, schwelgerische Erinnerungen oder irrlichternde Liebesabenteuer. Als Gegenpol dazu stehen der Buchmacher Semjon und der ewige Student Pjotr. Sie kämpfen gegen die Dekadenz, prangern sie an. So schreit Pjotr den selbstgefälligen Herrschaften entgegen, dass «man aufhören sollte, über sich selbst in Verzückung zu sein; man sollte nur noch arbeiten». Gleichzeitig sehnen sich Pjotr und Semjon insgeheim nach Anerkennung durch jene, die sie verspotten.

Zwei kleine Wermutstropfen

Am Ende kommt es dann wie eine Wucht, das neue Leben. Für alle. Ein letztes Fest, ein Ballabend als Abgesang auf den Adel. Und wenn Lopachin triumphierend im Pavillon steht, ist da mindestens genauso viel Bitterkeit wie Siegesgeheul. Fritz Fenne bringt dabei den inneren Konflikt seiner Figur brillant auf die Bühne und kann hier nur stellvertretend für ein überzeugendes Ensemble genannt werden.

Zwei technische Wermutstropfen dürfen aber nicht unerwähnt bleiben. Einerseits ist da die Mehrsprachigkeit der Aufführung. Die leichten Verzögerungen der auf die Wände projizierten Übertitel machen es dem Publikum nicht immer einfach, der Handlung lückenlos zu folgen. Gleiches gilt für das Bühnenbild. Hier macht die fehlende Praktikabilität der ideen- und detailreichen Arbeit Márton Ághs einen kleinen Strich durch die Rechnung. Die Rezeption durch den Zuschauer ist stellenweise zu fragmentarisch und akustisch nicht immer einwandfrei. Schade. Dennoch: Passalis und Papoulia rücken Tschechows «Kirschgarten» gekonnt und stringent in den Lichtkegel epochenübergreifender Gesellschaftskritik.

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