17 Jahre hat es gedauert bis zu Albert Oehlens erster Einzelausstellung im Kunstmuseum seiner Wahlheimat. Der gebürtige Krefelder, der mit seiner Familie seit 2002 in Gais lebt und arbeitet, wählte dafür die Kunstzone der Lokremise, der ungewöhnliche Raum interessierte ihn. Er hat die Schau gleich selbst konzipiert mit Werken aus seinem persönlichen Besitz. Zum ersten Mal überhaupt wurde dafür eine Wand eingezogen in der Kunstzone – ein gelungener Eingriff. Werke von 1981 bis 2019 sind vertreten, 25 sind es insgesamt: Die neusten sind noch feucht aus dem Atelier angeliefert worden und erhielten vor Ort die finale Lackschicht.

Der Eingangsbereich zur Kunstzone der Lokremise.

Der Eingangsbereich zur Kunstzone der Lokremise.

«Unfertig», lautet der Titel der Ausstellung: «Ich dachte, wenn ich mit der Arbeit nicht fertig werde, würde es die Ausstellung immer noch gut bezeichnen», lautet seine lakonische Erklärung dafür. Gelten lässt er aber auch die Interpretation, dass die Kunst immer unfertig bleibt und von jeder Generation neu erfunden wird. Das hat auch Oehlen selbst getan und tut es bis heute. Er lotet aus, was Malerei sein kann, geht 
an ihre Grenzen und darüber ­hinaus.

Schlechter kann man 
nicht malen

«Kerze», dilettantisch gemalt.

«Kerze», dilettantisch gemalt.

Anfang der 1980er-Jahre rebelliert er mit einer Punkattitüde gegen die herrschenden Strömungen der Zeit – Minimal Art und Konzeptkunst. «Bad Paintings» entstehen – Ölgemälde, mit vollster Absicht dilettantisch gemalt. «Kerze» von 1981 ist eines davon, Oehlen stellt es mit weiteren Werken im Atelier Jörg Immendorffs aus. «Schlechter kann man nicht malen, müssen Sie kaufen», lautet Martin Kippenbergers Kommentar dazu, den Oehlen an der Vernissage aufschnappt. Der Künstler wird zu seinem Weggefährten, ebenso Werner Büttner. Man nennt sie die Hetzler-Boys, nach dem Galeristen Max Hetzler, der sie vertritt. Das ist bei Albert Oehlen heute noch der Fall, auch als Boy könnte man den schlaksigen Künstler immer noch ­bezeichnen: Trotz seiner bald 
65 Jahre hat er sich etwas Bubenhaftes bewahrt.

Werbebilder waren die Vorlage: Eines von sechs "Bad Paintings".

Werbebilder waren die Vorlage: Eines von sechs "Bad Paintings".

Seit 2007 ist Albert Oehlen ausserdem bei Gagosian: Die weltweit operierende Galerie vertritt so bekannte Namen wie Damien Hirst oder Cindy Sherman. Ein Zeichen dafür, dass Oehlen ganz oben angekommen ist, nachdem es in den 1990er- und 2000er-Jahren ruhiger geworden war um ihn. Eine Serie von sechs schludrig gemalten Gemälden in den Grundfarben bilden den Auftakt zur Ausstellung. Sie sind eine bewusste Zumutung, entziehen sich jeder Erwartung, jeder Deutung: Schimmel wachsen aus der Gischt der Wellen, einem Dinosaurierskelett fällt die Krone vom Kopf. Die Motive beziehen sich auf Zeitungswerbungen. Auf Bilder aus dem alltäglichen Gebrauch greift Albert Oehlen in seiner Kunst immer wieder zurück.

Weil zwei der ursprünglich 1985 entstandenen Werke nicht aufzutreiben waren, malte Oehlen sie kurzerhand noch einmal. Wie sich das anfühlte? «Nicht gut, es ist schöner, etwas Neues zu malen.» Um kurz darauf zu relativieren: Es sei eigentlich auch ein Spass gewesen.

Lob von der 
falschen Seite

Das ursprüngliche Gemälde war nicht auffindbar. Also hat Albert Oehlen «Lob »gleich nochmals gemalt.

Das ursprüngliche Gemälde war nicht auffindbar. Also hat Albert Oehlen «Lob »gleich nochmals gemalt.

Andernorts in der Ausstellung hält der Künstler ebenfalls Rückschau und überprüft die Vergangenheit mit dem Heute. Nachgemalt hat er auch das Werk «Lob» mit der aktualisierten, selbstironischen Aufschrift «Ich, Albert Oehlen, nehme auch 2019 noch Lob von der falschen Seite».

Auf seine Anfänge als Künstler verweist ein ganzes Environment, ein Badezimmer im Stil der 1980er mit so liebevollen Details wie einem gehäkelten WC-Rollenhalter. Mittendrin, über der Badewanne, hängt ein Selbstporträt von 2017, samt Pinsel im Mund. «Als Maler sollte man das nicht machen, etwas ins Bild reinkleben und stecken», sagt Albert Oehlen, und wieder ist da dieser typische lakonische Humor.

Auch seine neuere Serie von Baumbildern ist vertreten, sie ist ein Beispiel für Oehlens künstlerische Strategie, sich Regeln aufzuerlegen, um auf neue Bildfindungen zu kommen. In ­diesem Fall war es das «Programm» des Baumes, von einem Stamm aus die Äste in vielfältige Verzweigungen wachsen zu lassen. An Bäume erinnern die schwarzen, abstrakten Gebilde, die mit in Magenta gehaltenen Flächen kombiniert werden, jedoch nur vage.

Oehlen, 
der Musiker

Selbstporträt im Badezimmer.

Selbstporträt im Badezimmer.

Albert Oehlen hat sich auch am Computer versucht, Anfang der 2000er-Jahre «malte» er mit Photoshop, spielte mit Pinselstärken und -konturen, benutzte Musterstempel. Das Resultat liess er auf halbtransparentes Gewebe drucken, wie man es für Werbung im Aussenraum verwendet. Durch die beiden fünf auf sechs Meter messenden ­Paneele im Eingangsbereich scheint die Architektur durch, was zu interessanten Überlagerungen führt.

Computergenerierte Bilder auf Werbeblachen.

Computergenerierte Bilder auf Werbeblachen.

Wem all dies noch nicht genug Albert Oehlen ist, der findet im Atelier der Schlesinger Stiftung in Wald AR eine Ergänzung. Stipendiat Felix Boekamp hat dort rund 100 Publikationen und 35 Plakate zu Oehlen zusammengetragen, ausserdem mehrere seiner Platten. Denn der Künstler ist auch Musiker. Als Hommage hat Boekamp eine Platte mit einem Oehlen-Remix zusammengestellt.