Theater
Der drohende Untergang der Zeitungen: Zum Lachen oder zum Weinen?

Im interaktiven Stück «In Formation» verhandelt das Theater den drohenden Untergang der Zeitung.

Susanna Petrin
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«In Formation» untersucht das serbelnde Modell Zeitung im Zeitalter der User. Matthias Horn

«In Formation» untersucht das serbelnde Modell Zeitung im Zeitalter der User. Matthias Horn

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Sie können diesen Artikel nicht nur in der Zeitung lesen. Sondern auch online. Gratis. Das entspricht der Konzernpolitik. Mehr Reichweite, mehr User, mehr Klicks. Aber die Zeitung sollen Sie trotzdem lesen. Im Internet gibts noch zu wenig zu verdienen, in der Zeitung immer weniger. Irgendwie läuft das etwas blöd. Irgendwann wird sich das schon wieder einrenken. Der Markt wirds richten. Hofft man. Seit etwa 15 Jahren hofft man das. Nicht nur bei uns.

Sie können diese Rezension gratis online lesen. Ich bin dafür am Samstagabend nach Zürich, in den Schiffbau des Schauspielhauses, gefahren. Dort habe ich mir die Premiere des neuen Medienstücks «In Formation» angesehen, verfasst vom in Basel lebenden Spoken-Word-Autor Guy Krneta, inszeniert von Regisseur Sebastian Nübling. Ein Stück über meine Branche, die Zeitungsbranche, diese fiebrige Patientin. Gegen Mitternacht bin ich zurückgefahren, habe nachgedacht, bin nervös geworden – der eigene Verleger, mein Oberboss, war an der Premiere Teil des Stücks – noch mal nachgedacht – soll ich die Ich-Form verwenden? –, geschrieben. Ist das Resultat jetzt nicht auch online wenigstens ein paar Rappen Wert?

Interaktive Revue

Was sind Informationen Wert? Wie wird die Zeitung der Zukunft finanziert? Soll der Staat eingreifen? Eine Stiftung? Invasivere Werbung? Was will der Leser, was will der User? Um solche Fragen kreist der Abend. Um solche Fragen kreisen Verleger, Journalisten und Experten seit Jahren. Im Oval einer Arena schaut das Publikum diesem Kreiseln von Themen und Menschen zu. Und dem Kreisen einer Scheibe mit einem Redaktionstisch darauf. Eine sinkende Scheibe in der Mitte.

Fünf Spieler schlittern auf dem weissen Bühnenboden umher, tauchen in wechselnden Rollen mal da mit einem Monolog als empörter Abokündiger im Publikum auf (Nicolas Rosat), strecken mal dort jemandem ein Mikrophon hin. Gesprochen wird Mundart. «Vili Zytige sind konfrontiert mit Abo-Kündigunge. An was könnt das ligge?» Dieses Theater ist eine interaktive Medienrevue. Mit viel inszenierten O-Tönen aus echten Interviews mit echten Verlegern, Chefredaktoren, Journalisten. Mit Publikumsbefragungen. Mit ab Band eingespielten Expertenmeinungen.

Die Schauspieler tragen glamourösen Fummel und falsche Wimpern (Kostüme: Pascale Martin). Ein charismatischer Conférencier führt durch den Abend – der als Slam-Poet bekannte Laurin Buser. Klaus Brömmelmeier, ganz in Gold, singt Sinatras «My Way» – sich um sich selbst drehend. Die Zeitungsbranche: ein nostalgischer Klassiker; ein alternder, untergehender Schlagerstar. «And now, the end is near / And so I face the final curtain.»

Gute Miene zum bösen Spiel

Schon 90 Zentimeter unter der Erde befinden sich die Journalisten am Redaktionstisch, als eine grosse Entschuldigungsorgie einsetzt: «I möcht mi entschuldige für üsi Niederlag.» «I möcht mi entschuldige, dass mir d Zuekunft fautsch vorusgseit hei.» «Mir sin arrogant gsy und hän die für arrogant ghalte, wo uns für arrogant ghalte hän.» Zuversichtlich krabbelt die entlassene Journalistin (Henrike Johanna Jörissen) immer wieder aus der Senke; dann werde sie eben Bücher schreiben.

Die Branche hat sich in innere Widersprüche verstrickt. Das Stück bereitet sie genüsslich auf, macht gute Miene zum bösen Spiel. Themenblock um Themenblock wird Textmaterial bewältigt. Manches ist bereits News von gestern – der rasche Medienwandel, das Hauptthema des Stücks, hat auch das Stück streckenweise bereits überholt. Und für ein Theater ist da etwas wenig Dramaturgie. Am schönsten sind Momente, in denen die ungereimten Probleme zu Slampoesie werden. Wenn etwa Rahel Hubacher mit den Worten Fake und Fakten jongliert, mit Leser und User, lesen und liken.

So viele Journalisten aufs Mal sassen vielleicht noch nie im Theater. Dabei erfahren gerade wir kaum Neues – für alle anderen dürfte dieses Stück interessanter sein. Dessen Übergang zur Podiumsdiskussion geschieht fliessend. Bei der Premiere sind der AZ Medien-Verleger Peter Wanner sowie der WOZ-Journalist Stefan Keller die Spezialgäste; in den folgenden Aufführungen werden jedes Mal andere Branchenvertreter sitzen. Vielleicht haben sie es bis zur Derniere ja herausgefunden, wie das Phänomen Zeitung zu retten ist.

Nächste Daten www.schauspielhaus.ch

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