Kulturförderung

Der Chef sieht sich im Dienst der Kulturschaffenden

Seit November 2017 neuer Direktor der Kulturstiftung Pro Helvetia: der Basler Philippe Bischof. (Archivbild)

Seit November 2017 neuer Direktor der Kulturstiftung Pro Helvetia: der Basler Philippe Bischof. (Archivbild)

Philippe Bischof (50) ist seit (fast) 100 Tagen Direktor von Pro Helvetia. Der oberste helvetische Kulturförderer tritt mit einem widersprüchlichen Programm an.

Er wolle erst nach 100 Tagen im Amt öffentlich reden. Das sagte Philippe Bischof, der neue Direktor von Pro Helvetia. Ganz ausgehalten hat der Kulturförderer seine Frist allerdings nicht: Gestern, am 93. Tag, lud er die Medien zum Gespräch, föderal korrekt in Zürich und Lausanne. Und noch vorher liess er sich von einer Sonntagszeitung befragen. «Denn wes das Herz voll ist, des geht der Mund über», könnte man dazu die Bibel zitieren.
Aus vollem Herzen lobte einer der beiden obersten Kulturförderer der Schweiz (der andere ist Kulturminister Alain Berset) die Arbeit seiner Kulturstiftung Pro Helvetia, das Engagement seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. «Ich will diese stolze Geschichte fortschreiben». Nicht für sich, sondern «im Dienst der Kulturschaffenden», betont Bischof.
Lang ist seine Liste der möglichen Entwicklungen. Eigentlich logisch: Denn wenn sich Gesellschaft, Technologie und politische Lage, wenn sich Kultur und Künste verändern – kann die Kulturförderung nicht stehen bleiben. So einfach, so klar.
Konkrete Massnahmen formulierte der Kultur-Profi gestern (noch) nicht. Erst Fragen: Wie kann interkulturelle Teilhabe (bei Programmen, Personal und Publikum), wie die Genderfrage (Untervertretung und harzigere Förderung von Frauen) gelöst werden? Wie verändern neue Technologien und Internationalisierungen den Kulturbetrieb? Das will Philippe Bischof diskutieren und in die Kulturbotschaft 2021–2024 einfliessen lassen.


Mehr Selektion
Als Gestalter statt nur Verwalter hat sich Philippe Bischof als oberster Kulturförderer in Basel (2011 bis 2017) profiliert und sich Sympathien bei den weniger etablierten Betrieben und Kulturschaffenden (in der Kaserne und Off-Spaces) geholt. Wobei er mit der nicht geregelten Museumsfinanzierung eine Baustelle – manche sagen: einen Scherbenhaufen – hinterlassen hat.
Nicht rütteln will Bischof an den fünf Kernaufgaben von Pro Helvetia (die im Kulturförderungsgesetz von 2012 und in der Kulturbotschaft 2016–2020 auch vorgegeben sind): Austausch mit dem Ausland, Diffusion im Landesinnern, Vermittlung, Nachwuchs- und Innovationsförderung. Das ist viel. Und wird immer mehr: Denn es werden immer mehr Kulturschaffende ausgebildet, mehr Veranstaltungen organisiert und mehr Institutionen gegründet als geschlossen. So gibt es mehr Gesuche (2016: 4600), für die aber nicht mehr Geld zur Verfügung steht. «Wir müssen selektiver werden», erklärt Bischof. «Wie, das entscheide aber nicht ich als Direktor.» Aber er weiss, dass Vorschläge für einschränkende Kriterien auch von ihm kommen müssen.

Mehr Markt

Trotz allem – wen erstaunt es? – hat Bischof neue Ideen. Heute würden vor allem Produktionen gefördert. «Geld, Zeit und Energie für Recherche, Experimente oder Nachdenken gibt es aber nicht. Das verursacht Stress auf allen Seiten.» Dabei denkt der einstige Basler Regie-Assistent nicht nur ans Theater.
Seinerseits hat Philippe Bischof bei den Kultur-Akteuren Stress ausgelöst, als er sagte: Kultur und Wirtschaft müssten näher kooperieren. «Ich will Kultur nicht kommerzialisieren», beruhigt er. Sein Beispiel: «Wenn Pro Helvetia die Übersetzung von guten Büchern fördert, öffnet sie ihnen einen grösseren Markt, verschafft ihnen mehr Wahrnehmung und Einnahmen.»
Der Pro-Helvetia-Direktor wirkt bei seinem Auftritt optimistisch, wohl wissend, dass er zu einem Balanceakt gestartet ist.

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