Der Basler Musiker Manuel Gagneux sorgt mit seiner Band Zeal & Ardor und der einzigartigen Mischung aus Work Songs und Metal weltweit für Aufsehen und Furore. «Was wäre, wenn sich die afroamerikanische Minderheit nicht dem Christentum, sondern dem Teufel und dem Satanismus zugewandt hätte?», fragte er sich und hat die dazu passende Musik geschrieben.

Jetzt folgt mit «Stranger Fruit» das zweite Album, und die Veranstalter der grössten Festivals weltweit reissen sich um den 29-jährigen Basler. Zum Gespräch treffen wir den freundlichen, sanftmütigen Satanisten in einer WG in Kleinbasel, wo er im Keller seine ersten Konzerte gegeben, die neuen Klänge komponiert und eingespielt hat.

Manuel Gagneux, Sie und Ihre Musik sind weltweit ein Thema. Mussten Sie sich dem Hype entziehen?

Manuel Gagneux: Ich habe enormes Glück, dass ich noch immer in Basel lebe, in einem Haus mit Freunden, die mich noch immer genau gleich behandeln. Das schützt davor, abzuheben.

Haben Sie vom Hype gar nicht so viel mitbekommen?

Doch, schon. Aber in meinem Alltag war der nicht fassbar, zumindest nicht hier in der Schweiz.

Mittlerweile sind weltweit 50 Leute eingespannt in die Arbeit für Zeal & Ardor. Wie gehen Sie mit der Verantwortung um?

Ich denke nicht daran. Ich habe das Album wieder hier, im Keller unserer Wohngemeinschaft, geschrieben. Denn das hat, glaube ich, auch den Charme der ersten Platte ausgemacht. Ich habe lange Dreck gefressen, in New York und hier, daher lasse ich mich jetzt nicht stressen, sondern versuche, gelassen zu bleiben.

Ihren Sound kann man sich sehr gut auch als Soundtrack einer Serie vorstellen.

Ich hätte nichts dagegen… Wenn Sie jemanden bei Netflix kennen, dürfen Sie mich gerne empfehlen (lacht).

Wie war das Echo in den USA?

In New York und Los Angeles spielten wir in ausverkauften Hallen vor je 500 Leuten. Ich musste zwar spontan mit amerikanischen Gastmusikern spielen, weil die Band keine Visa erhielt. Aber es ging relativ gut. Auf Streaming Services kann man schauen, in welchen Ländern meine Musik am populärsten ist. Die USA ist da immer auf Platz 1, dann kommt England. Die meisten Fans sind männlich, zwischen 21 und 40.

Ihr Debüt «Devil Is Fine» basiert auf einer faszinierenden, konzeptionellen Idee, die Sie in Musik umgesetzt haben. Wie steht es damit auf «Stranger Fruits»?

Es liegt dieselbe Idee zugrunde. Doch nur noch ein Teil der Songs erinnert an Work Songs, die damals auf den Plantagen in den Südstaaten gesungen wurden und die den Aufruf zum Aufstand beinhalten. Auf «Stranger Fruits» will ich auch aus dieser vergangenen Zeit ausbrechen und auf aktuelle Themen und Probleme weisen. Die Songs können als Appell an die amerikanische Mittelklasse oder an die schwarze Gemeinschaft gedeutet werden. «Servants» zum Beispiel ist ein Aufruf an die schwarze Gemeinschaft, gegen Trump-Amerika zu mobilisieren.

Nehmen Sie mit dem Titel «Stranger Fruits» Bezug zur neuen amerikanischen Bürgerrechtsbewegung «Black Lives Matter»?

Ja, «Stranger Fruit» heisst der Film von Jason Pollock von 2017 über die Erschiessung von Michael Brown in Ferguson, die die Bewegung «Black Lives Matter» befeuerte. Aber noch mehr wollte ich mich auf «Strange Fruit» beziehen, den berührenden Song von Billie Holliday aus dem Jahr 1939, der die Lynchjustiz in den USA anklagte. (Er zitiert die berühmte Zeile:) «Strange fruit hanging from the poplar trees». Auf das Heute übertragen, sind «Strange Fruits» für mich die Jugendlichen, die von der Polizei erschossen wurden.

Engagieren Sie sich bei «Black Lives Matter»?

Ich bin Sympathisant. Ich sehe einen grossen Sinn darin, dass die schwarze Minderheit für ihre Rechte kämpft. Aber ich und meine Musik profitieren auch von der aktuellen Situation in den Staaten. Wenn es «Black Lives Matter» nicht geben würde, hätte meine Musik wohl nicht dieselbe Relevanz erlangt. Umgekehrt finde ich nicht alles gut. «Black Lives Matter» hat zum Beispiel auch eine Tendenz zur Selbst-Segregation. Ich finde es falsch, wenn sich die schwarze von der amerikanischen Gesellschaft distanziert.

Hatten Sie konkretes Feedback von Aktivisten oder amerikanischen Rappern?

Tom Morello von Rage Against The Machine und Slash haben sich gemeldet und mir gratuliert. Beide sind wie ich Mulatten, die Mulatto-Connection hat funktioniert (lacht). Wir spielten im Vorprogramm von Morello und nach dem Konzert haben sich Aktivisten gemeldet und betont, wie wichtig mein Beitrag sei.

Und wie war das mit Slash?

Slash und ich haben dieselbe PR-Frau. Sie meinte, das könnte passen, worauf wir ihn in Paris zum Mittagessen trafen. Slash ist ein sehr ruhiger, angenehmer Mensch. Er ist inzwischen clean. Trinkt nicht mehr und nimmt auch sonst keine Drogen. Aber es ist schon bizarr. Es gibt Leute, die ihn überall hin verfolgen.

Sie sind ein Mulatte, der in der Schweiz aufgewachsen ist. Ist das nicht eine völlig andere Realität als in den USA?

Es ist schon speziell. Ich habe viele Verwandte in den Staaten, habe ein paar Jahre dort gelebt, bin jetzt aber wieder in Basel und kann die Situation aus einer sicheren Distanz verfolgen. Dazu bin ich nur halbschwarz. Das heisst: Ich muss zwar vorsichtig sein, wenn ich mich in New York aufhalte, aber es ist nicht so gefährlich, wie für jemanden der ganz schwarz ist. Dabei ist die New Yorker Polizei ja noch heilig, im Süden ist es viel gefährlicher.

Je dunkler, desto gefährdeter?

Ja, es ist wirklich so.

Und wie ist Ihre Erfahrung in der Schweiz?

Im Vergleich zu den USA ist die Schweiz schon eine «heile Welt». Trotzdem: Hier wird von der Polizei das sogenannte «Racial Profiling» angewandt. Das heisst: Anhand der Kleidung oder des Aussehens schliessen sie auf die Integration in der Gesellschaft. Mir ist so etwas im Alter von 15 Jahren passiert. Ich wurde am Bahnhof festgenommen, musste mich ausziehen. Sie dachten wohl, ich sei ein Drogendealer. Als sie schliesslich merkten, dass ich einen Schweizer Pass habe, wurden die Polizisten sehr unruhig und haben mich schnell wieder freigelassen. Mit anderen Worten: Nur, weil ich den richtigen Pass hatte, kam ich wieder frei. Das war schon auch eine eigenartige Erfahrung. Die Polizei ist aber davon überzeugt, dass sie mit diesem Vorgehen auf ihre Erfolgsquote kommt.

Haben Sie in der Schweiz sonst Diskriminierung oder Mobbing erfahren?

In der Schule war ich schon das Opfer, wurde gemobbt, weil ich schwarz bin. Aber meinen jüdischen Klassenkameraden ist es ähnlich ergangen. Das hat nichts mit der Schweiz zu tun. Kinder sind einfach scheisse und böse. Auf der ganzen Welt.

Ihre Musik hat eine stark religiöse Komponente. Ist das nur eine intellektuelle Spielerei, oder wie halten Sie es mit der Religion?

Auf der Seite meiner amerikanischen Mutter gibt es schon eine stark christliche Prägung. Doch ich kann mit Religion nichts anfangen. Ich bin wie mein Vater Atheist. Er hat mir früher von den alten Griechen erzählt, das ist viel spannender. Heute beschäftige ich mich stark mit Okkultismus. Es wirkt wie ein Glaubenszweig und ist packend wie ein Fantasy-Roman. Dabei geht es oft um Selbstverwirklichung, um die Entwicklung des Egos, ohne andere einzuschränken oder zu gefährden. Es war meine Absicht, das als Metapher für die Identitätsfindung der Schwarzen in den USA zu verwenden. Aber wenn man das als satanistisches Wirrwarr anschauen will, kann man das natürlich auch. Das ist jedem freigestellt.

Satanismus wird in Verbindung mit dem sogenannten Black Metal verwendet. Sehen Sie sich als Mitglied dieser Gemeinschaft?

So mit 14 war mir der Black Metal wichtig und ich habe auch viel gehört. Aber die originalen Black Metalheads, die sich auf die Bewegung in Norwegen beziehen, sehen mich nicht als einer von ihnen. Heute gibt es in dieser Szene so viele Regeln, man muss «true» (echt) sein. Das bin ich beim besten Willen nicht. Und dass ich nicht dazu gehöre, ist mir nicht wichtig. Total egal.

Haben Sie generell Mühe mit Barrieren und Einschränkungen?

Wenn es darum geht, Barrieren zu haben um der Barriere willen, um sich abzugrenzen, dann find ich das überflüssig. In der norwegischen, der originalen Black-Metal-Szene, darf man zum Beispiel gewisse musikalische Elemente nicht verwenden. Es ging auch darum, schwarze, afroamerikanische Elemente aus der Musik zu entfernen. Dieses Credo kann ich nicht unterstützen.

Ist Ihre Musik, die Mischung von Metal und afroamerikanischen Elementen, eine Antwort auf den originalen Black Metal?

Ja, durchaus. Der Tabubruch stand zwar nicht im Vordergrund, aber man kann es schon als eine Reaktion auf das unsinnige und rassistische Reinheitsgebot der Norweger sehen.

Wieso hat es in der Metalmusik, im harten Rock allgemein, nur wenig Schwarze?

Das hat mit der Sozialisierung zu tun. Genau das meine ich mit der Identität der Afroamerikaner. Wenn deine Vorbilder in den Medien Rapper sind, dann strebst du danach und willst dort dazu- gehören. Von diesen Vorbildern kann sich die schwarze Gemeinschaft nur schwer lösen. Meine Musik bietet ihnen eine Möglichkeit, sich anders zu orientieren. Es gibt sie ja schon, harte, kritische Musik von Schwarzen. Aber die ist bei den grossen Plattenlabels nicht erwünscht.

Sie haben mit Ihrer Musik Blue Notes mit harten Riffs gemischt, sowas wie ein neues Genre begründet. Gibt es inzwischen schon Nachahmer?

Vier Monate nach «Devil Is Fine» ist «Only Human» von Rag’n’Bone Man erschienen, der in seinem Song wie ich Kettengeräusche verwendet. Ich will ihm ja nichts unterstellen, aber es wäre immerhin möglich, dass er sich von mir inspirieren liess. Dann gibt es die Metalband «In This Moment» aus Los Angeles, die auf ihrem letztjährigen Album «Ritual» traditionelle, afroamerikanische Elemente in ihre Musik eingebaut hat. Auch das kann einfach Zufall sein. Von einer neuen Schule kann man sicher noch nicht sprechen. Aber wer weiss, vielleicht schaffe ich das ja noch.

Welche Kritik hat Sie am meisten getroffen?

Jene, die auch wirklich zutraf. Zum Beispiel, dass die Produktion von «Devil Is Fine» noch Mängel aufwies. Umgekehrt spornt mich diese Kritik auch an, mich zu verbessern. Andere Kritik, dass meine Musik nicht «echter Metal» sei, stört mich dagegen überhaupt nicht. Es trifft ja auch zu. Und ob es jemandem gefällt oder nicht, ist jedem Einzelnen überlassen.

Sie spielen auf der kommenden Tour an ganz grossen Festivals. Nicht viele Schweizer Musiker haben so etwas erreicht. Worauf freuen Sie sich am meisten?

Wacken und Primavera Barcelona gehören zu den grössten und bedeutendsten Festivals. Mir gefällt vor allem der Kontrast: Hier Primavera Sound, das hippe Indie Festival, dort Wacken, das Mekka der Metalheads. Weil es schwerfällt, uns zu schubladisieren, werden wir überall gebucht. Wir sind universell, das gefällt mir. Ein Ritterschlag ist sicher auch das Konzert am Montreux Jazz Festival. Ich war noch nie dort, auch als Zuschauer nicht, weil ich es mir nie leisten konnte.

Ist wieder etwas in den USA geplant?

Es ist eine US-Tour in Planung, wir werden in Kürze mehr dazu sagen können.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Oh, keine Ahnung. Ich bin ein miserabler Planer. Ich mache Zeal & Ardor solange es inspirierend ist. Wenn für mich das Konzept ausgereizt ist, mache ich etwas anderes. Musik werde ich immer machen. Aber vielleicht folgt ja als nächstes ein Album mit Trance.