Kultur

Der Bachmannpreis geht an die 80jährige deutsche Autorin Helga Schubert, die auf ein Frauenleben in der DDR blickt

Sie gewinnt den diesjährigen Bachmannpreis: Helga Schubert.

Sie gewinnt den diesjährigen Bachmannpreis: Helga Schubert.

Die 80jährige deutsche Autorin Helga Schubert gewinnt den diesjährigen Bachmannpreis mit dem erstaunlich versöhnlichen Erinnerungstext auf ein dramatisches, karges Frauenleben in der DDR. Die drei Schweizer gehen leer aus.

«Alles gut.» Ein erstaunlicher Satz am Ende des Siegestextes von Helga Schubert. Erstaunlich in dreifacher Weise. Denn die Autorin war genau vor vierzig Jahren schon einmal zum Bachmannpreis, zu diesem legendären Wettlesen im österreichische Klagenfurt, eingeladen. Aber die DDR-Behörden lehnten ihren Ausreiseantrag damals ab. Schubert konnte nicht teilnehmen. Die Stasi hatte sie als «feindlich-negativ» taxiert, die DDR wollte nichts von einer gemeinsamen «deutschen Literatur» wissen und der damalige Präsident der Bachmannpreis-Jury Marcel Reich-Ranicki galt in der DDR ohnehin als notorischer Antikommunist. Zehn Jahre später war Helga Schubert Pressesprecherin des Zentralen Runden Tischs zur Vorbereitung der ersten freien Wahl in der DDR im Jahr 1990. Sie hatte zuvor als Fachpsychologin gearbeitet und nebenbei Kinderbücher sowie Theaterstücke und mehrere Erzählbände mit präzis beobachteten Momenten aus dem Leben in der DDR geschrieben.

«Wärst Du doch damals auf der Flucht gestorben»

Dass Helga Schubert nun vierzig Jahre danach gestern Sonntag nicht mit einem harten, zornigen, sondern mit ihrem von Versöhnung geprägten Text «Vom Aufstehen» eben diesen Preis gewann, damit erfüllt sich fast schon wie im Märchen der Schlusssatz ihrer Erzählung, der nun wie als Bilanz ihres Lebens und Schreibens wirkt: «Alles gut.» Denn in ihrem Text erzählt sie zwischen Kindervers, Kriegsschrecken, frühem Vaterverlust, Armut in der Nachkriegszeit bis hin zu einer langjährigen, warmherzigen Ehe ein deutsches Frauenleben.

Vor allem aber ist es ein Erinnerungstext an ihre Mutter, die als Kriegerwitwe mit Kleinkind keinen Mann mehr fand, das kleine Mädchen, mit dem sie in den Kriegswirren flüchten musste, auch mal weggeben wollte, in ihrer Verzweiflung mit einem Kleiderbügel «wie von Sinnen» verprügelte und später zur Tochter als Verwünschung sagen wird: «Wärst Du doch damals gestorben auf der Flucht.»

«Helga Schubert hätte aus dem Stoff eine Katastrophengeschichte machen können», sagte Jurorin Insa Wilke in ihrer Laudatio. «Sie erzählt aber stattdessen davon, wie man Frieden machen kann.» Die Auseinandersetzung mit der verhärmten Mutter, die mit 101 Jahren stirbt und am Ende ihres Lebens 10000 Bücher hinterlässt, verschränkt Schubert mit der innigen Beziehung zu ihrem Ehemann. Dieser habe ihr während 50 Jahren jeden Morgen das Frühstück gemacht, liege aber im Moment des Erzählens als Pflegefall nebenan im Schlafzimmer. Was auch im realen Leben der Helga Schubert der Fall ist, weshalb sie glücklich sei, dass der Bachmannpreis digital stattgefunden habe. So habe sie bei ihrem Mann bleiben können. Also nochmals: «Alles gut».

Die Schweizer Delegation mit Meral Kureyshi, Katja Schönherr und Levin Westermann geht dieses Jahr trotz viel Lob und guten Texten, leer aus. Ihre Texte wie alle anderen Texte, Lesungen und Jurydiskussionen sind auf der Homepage des Bachmannpreises zu finden.

Alle Texte und Autorenporträts: bachmannpreis.orf.at

Autor

Hansruedi Kugler

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