«An einem Ort der Mancha, an dessen Namen ich mich nicht erinnern will, lebte vor nicht langer Zeit ein Junker, einer von jenen, die einen Speer im Lanzengestell, eine alte Tartsche, einen hageren Gaul und einen Windhund zum Jagen haben». Mit diesem Satz beginnt eines der bedeutendsten Bücher der Literaturgeschichte: der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha.

So gut wie jeder kennt die Geschichte des spanischen «Ritters von der traurigen Gestalt», der mit seinem Schildknappen Sancho Panza und seinem Pferd Rosinante gegen Windmühlen kämpfte. Der Roman «Don Quijote» ist Weltliteratur, die Grundlage des modernen Romans und nach der Bibel das am häufigsten übersetzte Buch der Geschichte.

Doch was wissen wir vom «Quijote»-Autoren selber? Wer war dieser Miguel de Cervantes (1547–1616), dessen 400. Todestag am heutigen Samstag in ganz Spanien mit Konzerten, Lesungen, Theateraufführungen und Ausstellungen gefeiert wird?

Um Miguel de Cervantes 400. Todestag ist in Spanien eine Kontroverse ausgebrochen.

Um Miguel de Cervantes 400. Todestag ist in Spanien eine Kontroverse ausgebrochen.

Über sein Leben ist wenig bekannt. Man weiss nicht einmal, wie er genau aussah. Doch wenn nur die Hälfte dessen stimmt, was aus den wenigen Quellen rekonstruiert werden kann, so verlief das Leben des spanischen Nationaldichters mindestens genauso abenteuerlich wie das fiktive seines Romanhelden. Cervantes’ Biografien lesen sich wie ein Abenteuerroman. Allen voran Uwe Neumahrs neuste Cervantes-Biografie «Miguel de Cervantes – Ein wildes Leben».

Miguel de Cervantes wird als viertes von sieben Kindern einer anscheinend verarmten Adelsfamilie im zentralspanischen Alcalá de Henares geboren. Wir schreiben den 9. Oktober 1547. Sein Vater Rodrigo schlug sich als Wundarzt durchs Leben. Aus besseren Zeiten verfügte die Familien noch über viele Bücher. Miguel war belesen, studierte Theologie in
Salamanca und in Madrid.

Der Humanist Juan López de Hoyos weist ihn in die Verskunst ein. 1567 veröffentlicht Miguel sein erstes literarisches Werk, ein Sonett zur Geburt der Infantin Catalina Micaela. Seine Karriere als Schriftsteller nimmt jedoch ein schnelles Ende. Ob es um eine Frau ging, ist nicht klar. Aber laut einer königlichen Verfügung aus dem Jahre 1569 sollte ein gewisser Miguel de Cervantes verhaftet werden, nachdem er den Maurermeister Antonio de Sigura bei einem Duell schwer verletzt hatte. Tatsächlich setzte sich der spätere Schriftsteller Cervantes zur selben Zeit nach Rom ab, wo er sich als Kammerdiener in die Dienste eines Kardinals begab.

Doch im gleichen Jahr trat er der in Neapel stationierten spanischen Armee bei. Ein Schicksalsschlag! Es kommt schon bald zum Krieg zwischen Spanien und dem Osmanischen Reich. 1571 wird Cervantes bei der Seeschlacht von Lepanto schwer verletzt. Er erleidet zwei Schusswunden in der Brust. Eine dritte Kugel zerschmettert die linke Hand, weshalb er später der «Der Einhändige von Lepanto» genannt wird.

Verschleppt von Piraten

Vier Jahre später wird sein Schiff auf der Rückkehr nach Spanien von Piraten gekapert, die Cervantes und die anderen Soldaten als Sklaven nach Algier an die afrikanische Küste verschleppen. Mehrmals scheitern seine Fluchtversuche. Erst 1580 kauft ihn der spanische Trinitarier-Orden frei und bringt ihn zurück nach Madrid.

Hier heiratet er 1582 die 18 Jahre jüngere Catalina de Salazar y Palacios, Tochter eines wohlhabenden Bauern. Die Ehe bleibt kinderlos. Aus einer Affäre geht jedoch eine Tochter hervor, seine Ehe zerbricht.

1584 erscheint sein erster Roman «La primer aparte de la Galatea». «Doch schon bald wechselt Cervantes zu Theaterstücken, das einzige Genre, in dem man damals Geld verdienen konnte», versichert José Manuel Lucia Megias. Cervantes verarbeitet in seinem ersten Theaterstück «Los tratos de Argel» seine Gefangenschaft in Afrika. «Er hatte allerdings das Pech, den grandiosen Lope de Vega als Konkurrenten zu haben. Dessen Theaterstücke waren lustiger und populärer», so der renommierte Cervantes-Experte und Professor für spanische Literatur an der Madrider Complutense-Universität.

Cervantes versucht einen Neustart: 1590 bewirbt er sich für den Gouverneursposten in Lateinamerika, der Neuen Welt. Sein Gesuch wird jedoch abgelehnt und er zieht nach
Sevilla, wo er sich als Verwaltungsbeamter und später als Steuereintreiber durchschlägt.
Wegen angeblich falscher Buchführung landet er schliesslich im Gefängnis von Sevilla, wo
er den «Don Quijote» beginnt, dessen erster Teil 1605 veröffentlicht und zu einem regelrechten Bestseller wird.

In den folgenden Jahren veröffentlicht er seine zwölf «Exemplarischen Novellen» und acht Theaterkomödien. «Literarische Meisterwerke, die ungerechterweise nie gross beachtet wurden», meint Lucia Megias. 1615 vollendet Cervantes noch kurz vor seinem Tod bereits krank und gebrechlich den zweiten Teil des Quijote und den Roman «Persiles und Sigismunda». Doch die Tragik Don Quijotes ereilt ihn selber. Ein Geldsegen bleibt trotz des Verkaufserfolgs aus. In der Nacht auf den 23. April 1616 stirbt der an Diabetes erkrankte Cervantes verarmt in Madrid. Er wird im nahen Kloster des Trinitarier-Ordens beigesetzt.

«Sein Romane, und damit auch er selber, geraten schnell wieder in Vergessenheit. Erst Jahrhunderte später erkannte die Welt den literarischen Wert seines genialen Hauptwerks Don Quijote», erklärt Lucia Megias. Seitdem wurde sein Werk enthusiastisch erforscht.

Zu enthusiastisch, meint Cervantes-Biograf Jorge García López: «Er wurde mystifiziert. Aus den Charakteren seiner Romanhelden wurden autobiografische Züge herausinterpretiert, die so nicht stimmten. Er war weder so heldenhaft noch so intelligent wie häufig dargestellt wird.»

Polemik um den Todestag

Wie dem auch sei. Heute wird das von einer halben Milliarde Menschen gesprochene Spanisch auch gerne als «Sprache des Cervantes» bezeichnet. Um so erstaunlicher ist die Polemik, die um sein Jubiläumsjahr kreisen. Viele Intellektuelle kritisierten bereits im Vorfeld das geringe Engagement der Regierung, Cervantes gebührend zu feiern. Der spanische Erfolgsautor Javier Marías schlug ironisch sogar vor, Cervantes den Briten zu überlassen, die den 400. Todestag von William Shakespeare zumindest richtig zu würdigen wüssten.

Das verwunderliche Desinteresse der Behörden an Cervantes zeigte sich bereits im vergangenen Jahr, als eine private Initiative um den spanischen Forensiker und Anthropologe Francisco Etxeberria fast um öffentliche Gelder betteln mussten, um endlich das Grab des Quijote-Autoren finden zu können. «Das kam einem Kampf gegen Windmühlen schon ziemlich nahe», meint Etxeberria.

Niemand wusste, wo genau Cervantes seine letzte Ruhestätte in besagtem Kloster fand. «Wir haben seine Überreste schliesslich zusammen mit denen von anderen Personen im Boden der Krypta in einer unbekannten Grabnische gefunden», erklärt Etxebarria. Da aufgrund fehlender Nachkommen kein DNA-Test gemacht werden kann, fehlt zwar der letzte Beweis. «Aber die Klosterdokumente sowie die Knochen- und Textiluntersuchungen bestätigen, dass sich unter den Gebeinen Cervantes’ Überreste befinden», so der Forscher. So bietet das Madrider Rathaus ab dem heutigen Samstag auch endlich geführte Besuchertouren zum Grab des berühmtesten spanischen Schriftstellers an.