Vorspiel: Vorbereitung

Was ist wann und wo? Was ist die Manifesta? Eine Kunst-Biennale, die jedes Mal mit einem anderen Motto in einer anderen Stadt stattfindet. Leitidee ist stets die Beziehung von Kunst und Gesellschaft. Ich musste mich für die Preview akkreditieren, habe Informationen besucht, Vorschauen geschrieben ... aber was erwartet mich wirklich?

1.Station: Löwenbräu

8.24 Uhr: Zug nach Zürich und dort ins Kunst-Epizentrum Löwenbräu. Um 9 Uhr kann ich meinen Presse-Badge holen, bekomme eine Stofftasche voll Papier. Ein Kilo sortiere ich aus, hilfreichstes Hilfsmittel wird der Kurzführer und die Karte. Nicht nur hier über vier Stockwerke und durch die drei Museen (Migros Museum, Kunsthalle, Lumas).

Bei den ältesten Berufen, bei den Jägern und Sammlern, startet die Kunstschau über Geld und Arbeit. Wunderbar stimmig hat der russische Filmer Andrei Tarkovsky archaische Vergangenheit und Science-Fiction in «Solaris» vereint. Man fliegt mit einem Astronauten-Liebespaar durchs All, umgeben von historischen Jagdbildern.

Aber nur abheben geht nicht: Bodenständig realistisch schauen uns Berufsleute an. Arbeit bekommt so ein menschliches Gesicht: eindringlich in den Schwarz-Weiss-Aufnahmen von August Sander oder in Angela Vaninis Gemälden von Frauen, die einen 400-Euro-Job machen. Lustig in den elf Holzfiguren der deutschen Fussball-Nationalmannschaft von 1987. Andreas Gursky hat die Produktionshallen von Siemens fotografiert. Hier ist der Mensch ein kleines Rädchen im ganzen Wirtschaftskreislauf. Für eine heitere «Arbeitspause» sorgt Duane Hanson mit lebensgrossen Puppen von Bauarbeitern.

Aber möchten wir mehr Freizeit, nur um uns in überfüllten Schwimmbädern zu tummeln? Ist ein Leben mit Arbeit oder ein Jetset-Dasein besser? Darüber streiten zwei Cousins im eindringlichen Film «Simply the Best». Warum wollen so viele Leute Künstler werden? Und wie verdienen sie Geld?

Bezahlt sind die eingeladenen Künstler, die in Joint Ventures mit Berufsleuten neue Arbeiten gestaltet haben. Man kann sie in diesen Arbeits-Satelliten besuchen gehen, einiges ist auch hier ausgestellt: gruselige Zahnarztfotos von Torbjoern Roedland, orange Westen, die Franz Erhard Walther für das Personal des Hyatt Hotel designt hat oder – Achtung nichts für empfindliche Gemüter – 80 000 Kilo Klärschlamm-Quader, die einen riesigen Raum stinkend füllen. So viel produzieren Zürichs Bewohner täglich, Mike Bouchet hat sie mit dem Kläranlage-Ingenieur Philipp Sigg (fast) ausstellungstauglich gemacht.

2.Station: Pressekonferenz

Die Zeit rennt mir davon, zum Glück erwische ich das Tram zum Kaufleuten. Hier im Saal, wo einst «Businessleute und Lenin verkehrten», so Manifesta-Direktorin Hedwig Fijen, findet die Pressekonferenz statt. Fijen rühmt Zürich und erhofft sich, dass die Manifesta 11 die Besucherinnen und Besucher zum Nachdenken anregt über die Frage der Zukunft: «To work or not to work». Stadtpräsidentin Corine Mauch betont die Chance für Zürich. Und Künstler Christian Jankowsky, der hier als Kurator wirkt, erzählt von seinem Konzept. 30 Künstler und Berufsleute in Joint Ventures zusammenzubringen, in dieser Stadt, die von Banken und Zünften geprägt ist.

Gute Laune an der Pressekonferenz: Stadtpräsidentin Corine Mauch, Künstler-Kurator Christian Jankowsky und Manifesta- Direktorin Hedwig Fijen informieren im Kaufleuten-Saal.

Gute Laune an der Pressekonferenz: Stadtpräsidentin Corine Mauch, Künstler-Kurator Christian Jankowsky und Manifesta- Direktorin Hedwig Fijen informieren im Kaufleuten-Saal.

Vor dem Kaufleuten treffe ich Adrian Notz, den Direktor des Dada-Cabaret Voltaire, das für die Manifesta zum Zunfthaus der Künstler wird. Zutritt
haben nur Mitglieder. Wie funktioniert das? «Sie müssen eine Performance
bieten. Als Team, immer ein Künstler mit einem Nicht-Künstler.» Und ja, auch ich dürfe mich als Künstlerin ausgeben. «Es ist kein geschützter Beruf.»

3.Station: Pavillon of Reflection

Der Holzbau im See beim Bellevue ist das Markenzeichen der Manifesta 11. Elegant ist der Bau der ETH-Studenten. Und praktisch. Er ist Badi, Bar, Diskussionsforum und Freiluft-Kino.

Das Markenzeichen der Manifesta 11: der Pavillon of Reflection beim Bellevue. Der Bau ist so elegant wie praktisch. Er ist Badi, Bar, Diskussionsforum, und im Open Air-Kino sieht man Filme über die Arbeit der Künstler.

Das Markenzeichen der Manifesta 11: der Pavillon of Reflection beim Bellevue. Der Bau ist so elegant wie praktisch. Er ist Badi, Bar, Diskussionsforum, und im Open Air-Kino sieht man Filme über die Arbeit der Künstler.

Ich esse mein Mittags-Sandwich und schaue mir an, was Art Detectives über die Arbeit der Künstler mit ihren Gastgebern berichten. Beispielsweise wie sich Schriftsteller Michel Houellebecq von Ärzten untersuchen lässt, damit schöne Röntgen- und Computertomografie-Bilder mit seinem Blutkreislauf, seinem Gehirn entstehen. Das ist so amüsant wie lehrreich.

4.Station: Helmhaus

Die wundersam ästhetischen Bilder von Houellebecq finde ich im Helmhaus, in einem weiss-klinisch unterkühlten Raum. Begeistern mag mich hier im Erdgeschoss, in der Wasserkirche, was aus dem Joint Venture von Künstler Evgeny Antufiev und Pfarrer Martin Rüsch entstanden ist. Im «Eternal Garden» sind Fragen nach materiellen und spirituellen Werten so sanft und sinnlich installiert wie Schmetterlingsflügel. Für einen Franken gewährt mir der Künstler Zugang zum Secret Room.

Papageien im Helmhaus: Die Japanerin Shelly Nadashi hat sich von einem Gedicht des römischen Dichters Ovid über einen weisen Papagei zu diesem poetischen Raum inspirieren lassen.

Papageien im Helmhaus: Die Japanerin Shelly Nadashi hat sich von einem Gedicht des römischen Dichters Ovid über einen weisen Papagei zu diesem poetischen Raum inspirieren lassen.

Geld ist ein wichtiger Schlüssel in dieser Welt. Das weiss selbst der Papagei in einem seltsamen Gedicht des römischen Dichters Ovid. Die Japanerin Shelly Nadashi hat es mithilfe der Gymnasiallehrerin Margaretha Debrunner übersetzt und in eine verwunschene Installation verwandelt. «Klienten muss man pflegen», gibt uns der Papagei als Business-Leitsatz mit auf den Weg.

Endstation: Redaktion

Es ist 14.30 Uhr. Höchste Zeit, in die Redaktion zu fahren. Um 16 Uhr steht das Layout, sind die Bilder ausgewählt und ich sitze am Computer. Meine Arbeits-Bilanz des Manifesta-Tages in Kürze: fünfeinhalb Stunden sehen und gehen, anderthalb Stunden Reisezeit, 45 Minuten Seiten-Planung, knapp vier Stunden Schreibarbeit.