Castingshows
«Deutschland sucht den Superstar» und der Bachmannpreis haben etwas gemeinsam: Die Suche nach dem Supertalent

Der Bachmannpreis, der heute startet, erinnert zuweilen an eine Castingshow. Deshalb bietet sich ein Vergleich an mit DSDS. Sprüche liefern beide. Etwa Dieter Bohlen: «Dein Geblök passt besser zu einem Schaf.»

Hansruedi Kugler
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Gut möglich, dass man sich später nur noch an Dieter Bohlens vulgäre Sprüche erinnert: «Dein Geblök passt besser zu einem Schaf», «Du stehst da wie ein singender Bewegungsmelder», «Aus welchem Sexshop hast Du das Kleid?». Das Kritikerverständnis des Chefjurors der RTL-Show «Deutschland sucht den Superstar», kurz DSDS, lautet in zynischer Anspielung auf Mutter Teresa, die moderne Heilige der Fürsorglichkeit: «Ich heisse nicht Dieter Teresa.»

Der lange Nachhall von Demütigungen vereint DSDS mit dem Bachmannpreis, dem man immer noch Marcel Reich-Ranickis Vernichtungsurteil «Dieser Text ist keine Literatur, sondern ein Verbrechen» aus dem Jahr 1977 vorhält. Bohlen und Reich-Ranicki teilen ohnehin ein Schicksal: Beide sollen überwunden werden. Die Bachmanntage distanzieren sich vom rabiaten Machtwortgehabe früherer Kritiker, RTL will familienfreundlicher werden und hat den dafür zu vulgären Bohlen entlassen. Die Reduktion auf den Verriss ist zugegeben unfair. Schliesslich gab’s mit Beatrice Egli und Luca Hänni schon zwei Schweizer, deren Karriere nach ihrem DSDS-Sieg kräftigen Schub bekam. Da schwärmt die Jury dann jeweils: «Bombenstimme», «Alles perfekt gemacht» oder auch mal echt fürsorglich zu einer Schulabbrecherin: «Bitte, hole unbedingt den Schulabschluss nach.»

Glanz und Pathos mit Pop, in sich gekehrt mit Literatur

Zweck erfüllt, alles gut? Schaut man auf die Einschaltquoten, ist die Rechnung schnell gemacht. DSDS gewinnt darin eindeutig 100:1 gegen den Bachmannpreis. 3,2 Millionen hier, 30000 dort. Seit seinem Start vor zwanzig Jahren ist das musikalische Casting-Drama ein Quotenhit. Der Lesemarathon beim Bachmannpreis in Klagenfurt ist komplettes Antifernsehen. Wen wundert’s?

Nur schon das Ambiente: Bei DSDS wird schrilles, rührseliges und ruppiges, zudem gut orchestriertes Variété geboten, die Jury sitzt mal in der südafrikanischen Savanne, am Strand in Thailand oder im Kölner Hochhaus, das Finale findet mit Glitzer und Lichtshow wie in einer Diskothek mit kreischenden, hüpfenden Fans statt, inklusive obligaten Strömen von Tränen vor Feuerwerk und mit lauten Fanfaren. Beim Bachmannpreis hingegen: Introvertierte Wasserglaslesungen im ORF-Studio, der wie ein White Cube im Kunstmuseum wirkt, mit kopfnickendem, kultiviertem Publikumsklatschen, Wangenküsschen mit Diplomübergabe.

Klassische Zweiteilung von U und E: Unterhaltung und ernsthafte Kultur

Und inhaltlich? Spott ist aus beiden Richtungen angebracht: DSDS bietet grosses Musikpathos mit viel Multikulti, der Bachmannpreis tischt bierernsten Weltschmerz mit Lachverbot auf. Umgekehrt: DSDS ist Demütigungs- und Jubelfernsehen für Teenies (über die Hälfte der DSDS-Zuschauer sind unter 14 Jahren), beim Bachmannpreis hingegen geht es um ästhetische Tiefenbohrungen in unsere Gegenwart und scharfsinnige Kunstanalysen. Da haben wir wieder die klassische Zweiteilung in U und E, Unterhaltung und Ernsthaftigkeit: Denn bei DSDS trällern oder dröhnen junge Möchtegernstars Schlager oder Lieder von Lady Gaga und Whitney Houston, in Klagenfurt lesen die Autorinnen und Autoren ihre eigenen Texte.

Letztlich geht es allen um die eigene Karriere

Alle diese meist jungen Leute traben zum Vorlesen und Vorsingen an und hoffen auf Preis, Ehre und Karriereschub. Verblüffend ist, dass sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf diese Infantilisierung einlassen: Das Ganze ist ja – egal, ob bei Pop oder Literatur – wie eine Aufnahmeprüfung oder ein Vorstellungsgespräch inszeniert.

Weil die Fernsehöffentlichkeit immer an den Voyeurismus, an das gefahrlose Mitfiebern auf dem Sofa geknüpft ist, scheint Kultur am Fernsehen auf Wettbewerb fixiert. Das funktioniert natürlich viel besser bei DSDS, mit Fremdschämen oder Gänsehaut: wenn Naive oder Überhebliche in allzu offensichtlicher Selbstüberschätzung runtergemacht werden, wenn Bescheidene und Frohnaturen mit ihren grossartigen Stimmen die Jury jubeln lassen. Man ahnt natürlich, dass dies hinter den Kulissen durchorchestriert ist, lässt sich dann aber doch gerne mitreissen. Der Idealfall: Wenn Ramon Roselly, der Hobby-Schlagersänger mit eigener kleinen Reinigungsfirma zum Superstar gekürt wird. Dann spielt sich das rührselige Aschenbrödel-Märchen in der TV-Realität ab. Solches hat der Bachmannpreis auch zu bieten. Etwa, als Tanja Maljartschuk, die in der Ukraine geborene Österreicherin, 2018 den Hauptpreis gewann.

Wendet jemand ein, Kultur solle man nicht vergleichen, dürfe nicht zur Ware werden? Man braucht den Fernseher nicht anzuschalten. Den eigenen Weg durch die Bücher- und Musikwelt findet man getrost auch ohne solche Castingshows.

Bachmannpreis: Ab heute 10 Uhr live auf 3sat