Eurovision Song Contest
Daumen drücken für Luca Hänni: Beendet der Berner Sänger endlich die Schweizer Durststrecke?

Kein Schweizer Song wurde in den letzten Jahren beim Eurovision Song Contest (ESC) so hoch eingeschätzt wie «She Got Me» von Luca Hänni. Was bedeutet das nun für unseren Schweizer Kandidaten?

Stefan Künzli
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Der Schweizer Kandidat Luca Hänni konzentriert sich beim Auftritt in Tel Aviv auf die Show.

Der Schweizer Kandidat Luca Hänni konzentriert sich beim Auftritt in Tel Aviv auf die Show.

Lukas Mäder/SRF

Ich würde nicht teilnehmen, wenn ich nicht überzeugt wäre, dass ich diesen Final erreichen kann», sagt Luca Hänni. Die Zuversicht des 24-jährigen Sängers nährt sich aus den Prognosen der Wettbüros.

Dort zählt sein Song «She Got Me» zum erweiterten Favoritenkreis. Kein Schweizer Song wurde in den letzten Jahren beim Eurovision Song Contest (ESC) so hoch eingeschätzt. Bei bet-at-home.com, einem der erfolgreichsten Glücksspielanbietern Europas, liegt Hännis «She Got Me» zuletzt auf Platz 9 (gestern Mittwochabend) hinter dem Hauptfavoriten aus Holland, Schweden, Australien, Frankreich, Russland, Italien, Aserbaidschan und Island. «Das gibt mir Mut», sagt Hänni dieser Zeitung.

Wir wollten es genauer wissen. Was bedeutet diese Prognose? Wie zuverlässig sind diese Vorhersagen? «Durch die grosse Anzahl an Wetteinsätzen unserer internationalen Kunden auf den Eurovision Songcontest sind unsere Prognosen im Zeitverlauf sehr zuverlässig», sagt Klaus Fahrnberger von bet-at-home.com auf Anfrage.

Durch die grosse Anzahl an Wetteinsätzen sind unsere Prognosen im Zeitverlauf sehr zuverlässig.

(Quelle: Klaus Fahrnberger, Glücksspielanbieter bet-at-home)

Das an der Frankfurter Wertpapierbörse notierte Unternehmen hat 5,1 Millionen registrierte Kunden und die Quoten bilden die Erwartungshaltung der Kunden wider und werden laufend angepasst. Die Wettprognosen bilden nicht den Geschmack der Wettkunden ab. Vielmehr wird mit kühlem, analytischen Blick auf die aussichtsreichste Geldanlage gesetzt.

Hohe Treffsicherheit

In den letzten Jahren setzte sich beim ESC immer einer der von bet-at-home.com gesetzten Top-Favoriten (Top 3) durch. Die aktuelle israelische Siegerin Netta wurde vor einem Jahr auf Platz 2 quotiert, genau wie schon im Jahr zuvor der portugiesische Gewinner Salvador Sobral und 2016 Jamala aus der Ukraine. Bet-at-home.com kann sich also auf eine relativ hohe Treffsicherheit berufen. Überhaupt haben die Wetter in den letzten Jahren einen guten Riecher bewiesen.

Was bedeutet das nun für unseren Schweizer Kandidaten? Luca Hänni startete bei bet-at-home.com verhalten, die Quote lag bei 29,00. Heute schätzen die Wetter den Schweizer Beitrag mit einer Quote von 22,00 sogar noch besser ein. Klaus Fahrnberger von bet-at-home.com geht deshalb davon aus, dass Luca Hänni sich für das Finale am 18. Mai qualifizieren wird. Und nicht nur das: Aufgrund der Wett-Prognosen erwartet er «She Got Me» in den Top 10 des Finals.

Die Hürde für den Schweizer Beitrag ist aber schon im Halbfinal gross, denn mit Holland, Schweden, Russland und Aserbaidschan bestreiten gleich vier Favoriten den starken zweiten Halbfinal von heute Abend. Gemäss den aktuellsten Prognosen von bet-at-home.com liegt Hänni mit einer Quote von 10.50 gleich dahinter auf Platz 5. Trotz starker Konkurrenz sollte «She Got Me» also das Finale erreichen.

Dabei zählt der Live-Auftritt immer noch am meisten. Bei den Wettern bilden dagegen die offiziellen Videos sowie die Clips der Proben als Grundlage für die Einsätze. Matchentscheidend bleiben aber der Auftritt und die Show am Wettbewerb. Umso wichtiger ist, dass Luca Hänni den Fokus auf die Performance und die Show in Tel Aviv legt. «Ich will das Publikum mit unserer Show überraschen und überzeugen», sagt Hänni.

Wie auch immer: Die Chancen für die Schweiz waren schon lange nicht mehr so gross. Es gibt berechtigte Hoffnungen, dass die langjährige Durststrecke überwunden wird und Luca Hänni das beste eidgenössische ESC-Resultat seit Sebalters «Hunter Of Stars» (Platz 11) nach Hause fahren kann.

Die ESC-Depression sitzt tief

Noch herrscht in der Schweiz weitverbreitete Skepsis, zu oft sind die Erwartungen, wie 2018 mit Zibbz, in den letzten Jahren enttäuscht worden. Die Schweizer Eurovisions-Depression steckt tief. Die letzte Top-10-Platzierung erreichte die estnische Band Vanilla Ninja 2005 mit einem 8. Platz. Es war gleichzeitig die einzige Top-10-Platzierung in den letzten 25 Jahren.

Die Bilanz seit dem letzten Schweizer Sieg von Céline Dion vor 31 Jahren ist in der Tat erschütternd schlecht: Sechsmal kam die Schweiz nicht über den letzten Platz nicht hinaus, davon viermal mit null Punkten. Zwischen 1994 und 2004 schaffte es kein einziger Beitrag in die vordere Tabellenhälfte. Mit nur vier Finalteilnahmen seit Einführung der Vorausscheidungen im Jahr 2004 ist die Schweiz das Land, das am häufigsten (elfmal) im Halbfinale ausgeschieden ist.

Schweizer Bilanz ist positiv

Die Geschichte der Schweiz beim Eurovision Song Contest oder dem Grand Prix Eurovision de la Chanson, wie er bis ins Jahr 2000 hiess, ist eine wechselvolle. Angesichts der anhaltenden Erfolglosigkeit wird gern vergessen, dass die Schweiz über die Jahre immer noch zu den erfolgreichen Ländern im europäischen Gesangswettbewerb gehört. In der Länderstatistik steht sie auf Platz 12 von insgesamt 52 teilnehmenden Ländern.

Klicken Sie auf die Grafik, um Sie zu vergrössern.

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Die Schweiz startete 1956 gleich mit einem Sieg durch Lys Assia («Refrain») und war in den Folgejahren meist in der vorderen Ranghälfte platziert. Dreimal kam die Schweiz auf den zweiten, dreimal auf den dritten, fünfmal auf den vierten und zweimal auf den fünften Platz. Es war eine goldene Ära.

Gerne erinnern wir uns an Paola del Medico (spätere Felix), die vor 50 Jahren mit ihrem Hit «Bonjour, Bonjour» den fünften Platz erreichte und elf Jahre später mit «Cinema» sogar den vierten Schlussrang. Oder an Peter Reber, der wie kein anderer die goldene Schweizer Ära prägte. Viermal stand der Komponist und Sänger mit «Peter, Sue & Marc» selber auf der Bühne, zwei weitere Male hat er die Songs für Paola («Cinema») und Pepe Lienhard («Swiss Lady») geschrieben. Und immer resultierte ein Platz im vorderen Dutzend.

Ein Sieg blieb dem heute 70-jährigen Reber zwar versagt, dafür wurde seine «Swiss Lady» zum erfolgreichsten Eurovisions-Lied der Schweiz. Der von der Pepe Lienhard Band interpretierte Song war auch kommerziell viel erfolgreicher als das Siegerlied «Ne partez pas sans moi» von Céline Dion (Platz 11 in den Charts). «Als einziger Schweizer Eurovisions-Song erreichte «Swiss Lady» Platz 1 in der Hitparade.

Der Triumph von Céline Dion markierte das Ende der goldenen Ära. Die Wende kam mit dem Fall der Mauer 1989, der Öffnung gegenüber den mittel- und osteuropäischen Ländern sowie mit dem Zerfall der Sowjetunion 1991. Alle diese Länder drängten in den Wettbewerb und mit ihnen andere musikalische Vorlieben, kulturelle Hintergründe und Länderfraktionen.

Das ist aber nur die eine Seite. Der Wettbewerb hat sich gerade in den letzten Jahren stark gewandelt. Er ist – mit wenigen Ausnahmen – nicht mehr die exotische Freakshow mit Klamaukpotenzial. «Der ESC hat sich vom Song Contest zum hochprofessionellen Show Contest mit grossartigen Performances entwickelt», sagt Heiko Freund, der Leiter der Popabteilung der Hochschule der Künste in Zürich (HdKZ). «Was gewisse Länder auf der Bühne aufführen, ist ganz grosses Kino», sagt er weiter.

Der ESC hat sich vom Song Contest zum hochprofessionellen Show Contest mit grossartigen Performances entwickelt.

(Quelle: Heiko Freund, Leiter der Popabteilung der Hochschule der Künste Zürich)

Ein guter Song und eine gute Interpretation allein genügen längst nicht mehr. Es ist nur die Basis, die Voraussetzung. Für den Erfolg braucht es mehr. Gefragt sind heute eine Idee zum Song, eine Botschaft, eine Vision, eine durchgestylte Choreografie, originelle Videoeinspielungen, starke Bilder, Tricks und überraschende Effekte. Ein akustisches und visuelles Gesamtkunstwerk. Die Schweiz hat diese Entwicklung verschlafen.

Ob Luca Hänni an die glorreiche Zeit anknüpfen kann? Kann der Berner Sänger und Tänzer die ewigen Eurovisionsmuffel überzeugen, die Schweiz aus ihrer ESC-Depression erlösen und in eine Euphorie stürzen? Klar: Der Eurovision Song Contest bleibt unberechenbar.

Trotzdem scheint es, dass die Schweizer Verantwortlichen für den Wettbewerb die Zeichen der Zeit erkannt haben. Das zeigt sich auch daran, dass mit dem deutschen Beitrag «Sister» noch ein weiterer «Schweizer Song» in Tel Aviv im Rennen ist, der im letzten Jahr im von der Suisa unterstützten Songwriting-Camp entstanden ist.

Vielleicht werden die jüngsten Bemühungen um Songwriting und Performance diesmal ja belohnt. Wir dürfen wieder hoffen, Daumen drücken, mitfiebern und vielleicht sogar träumen.

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