Die Liebe und die Literatur sind vor allem Kopfgeburten. Elektrosignale im Hirn und Gedankenspiele auf Papier. Judith Kuckarts neuer Roman zeigt dies exemplarisch: vielschichtig und elegant erzählt und sprachlich betörend charmant. Kuckart fügt ihr literarisches Planspiel als Tagebuch zwischen die Erzählung ein: Ihre Figur soll sich drei Mal verlieben, mit 18, 36 und 54 Jahren.

Im Tagebuch heisst es: «Ich weiss das, ich bin die Erzählerin. Die Männer bleiben sechsunddreissig. Was bleibt sie?» 54 Jahre alt ist ihre Figur, eine Neurobiologin, die sich mal Laura, mal Olga, mal Konstanze nennt. Sie sitzt jedes Wochenende am Flughafen, trinkt ein Bier, eine Zuschauerin im Transitraum des Lebens. Hier hofft sie auf den 36-Jährigen, den sie eine Woche zuvor zufällig hier getroffen hat.

Robert Sturm heisst er und ahnt nicht, dass sie sehnsüchtig auf ihn wartet. Sie habe wohl einen Dachschaden, denkt sie in einem klaren Moment, als sie vor Sturms Wohnung herumlungert und dessen schwangere Frau durchs Fenster sieht. Ihre früheren Langzeit-Lieben, den unnahbaren Kommunisten und Architekturdozenten Viktor sowie den gescheiterten Dramaturgen Johann hat sie da hinter sich. An beide erinnert sie sich nun ausgiebig.

Sieben Tage und drei Liebesgeschichten

Es ist eine melancholische Lebens- und Liebesbilanz, die Judith Kuckart zwischen den beiden Wochenenden mit ihrer Antiheldin zieht. Auch wenn sie Hirnforscherin ist, so ist sie doch alles andere als gefühlskalt und berechnend, sondern verträumt und anhänglich.

Eine erstklassige Schülerin, die als Ärztin nie praktizierte, weil sie Angst vor Patienten hat. Eine, die sich als Sekretärin in einem Labor für Tierversuche durchschlägt, wo Mäusehirne verkabelt werden, und der das Leben und die Männer immer abhandenkommen. Sie weiss, für das Gehirn ist alles dasselbe: Was man erlebt hat, was man gefühlt hat und an was man sich erinnert. Alles dasselbe. Vielleicht möchte sie es aber einfach nur so sehen, damit sie sich die gescheiterten Lieben vom Leib halten kann. Vielleicht, denn plumpe psychologische Eindeutigkeit ist nicht Kuckarts Art.

Die Neurobiologie tröstet nicht so gut wie die Poesie

Gelungen ist Judith Kuckart ein hoch poetischer Liebesroman. Und für die Literatur öffnet sie ein wunderbares Feld melancholischer Tagträumereien, die so real aufscheinen, dass sie im Märchenhaften zumindest für ihre Antiheldin zum intensiveren Leben werden. So findet Kuckart überraschende, lyrisch verdichtete Bilder, etwa beim ersten Kuss: «Hinter ihren Lidern wirbelte Laub. Jedes Blatt ein Lachen.» Gerade den stummem Groll Johanns ertragen, schweift ihr Blick nach draussen: «Vor dem Küchenfenster zogen dünne Wolken vorbei, die keine Ahnung hatten.» Und wenn sie Liebeszweifel befallen, sitzt plötzlich die verstorbene, schlaue Oma neben ihrem Liebhaber auf der Kühlerhaube eines Mercedes, und gibt ihr Liebestipps.

Judith Kuckart webt Gegenwart und Vergangenes, Reales und Tagträumerei, Reflexion über Hirnforschung und liebesunfähige Männer elegant und mit Leichtigkeit zusammen. Für den Robert Sturm hat sie denn auch immer wieder Zeilen aus der «Struwwelpeter»-Geschichte vom fliegenden Robert bereit: «Schirm und Robert fliegen dort, durch die Wolken immerfort.» Für ihre literarische Figur bleibt die romantisch-melancholische Bilanz: «Wo bleibt der Mann, der ihr beibringt, wie man gern lebt bis zum Schluss?» Die Neurobiologie als «ihre Strategie, sich selbst zusammenzufassen», bietet wohl doch weniger Trost als die Poesie des Tagtraums.