Das Virus und wir

Das Virus und wir: Ungeahnte Kulinarik

In der Isolation findet der Mensch kulinarisch zu seinem wahren Ich.

In der Isolation findet der Mensch kulinarisch zu seinem wahren Ich.

Der Mensch durchläuft bei der Nahrungsaufnahme mehrere Lebensphasen: Zuerst ernährt er sich neun Monate lang von dem, was die Mutter hergibt. Danach rund 30 Wochen ebenso – aber anders. Wenig später und lange Jahre isst er, was die Eltern kochen können oder erlauben wollen.

Dann kommt die erste WG, und es wird abenteuerlich: In Rudeln geht es auf die Jagd nach allem, was möglichst viel Fett und Salz hergibt fürs Geld. Auch eine zeitsparende Zubereitung steht weit oben auf der ­Einkaufsliste, schliesslich will die neu gewonnene Freiheit optimal genutzt sein.

Kurz darauf folgt die Erkenntnis, dass auch Kalorien gerne dort bleiben, wo sie sich einmal niedergelassen haben. Also geht man schlagartig zum Gesundheitswahn über,
ernährt sich versuchsweise ohne Kohlenhydrate, ohne Zucker oder ohne Konservierungs­mittel. So verliert man vielleicht ein paar Gramm, aber bestimmt auch die Lust am Essen.

Eine unbekannte Phase der menschlichen Ernährung

Also pendelt man sich früher oder später irgendwo zwischen Vernunft und Vergnügen ein. Daran wird nichts mehr gerüttelt, solange Lebenspartner, Budget oder Gesundheit keine Umstellung des Menuplans diktieren. So weit, so gut. Thema gegessen.

Nein! Denn in den letzten Wochen hat sich eine bis dato gänzlich unbekannte Phase der menschlichen Ernährung manifestiert. Erst unmerklich, nun aber ganz deutlich: Nämlich jene, in der man nicht nur öfter kocht (schliesslich sind die Restaurants geschlossen, und eine Mensa ist im Homeoffice nicht vorgesehen), sondern auch komplett anders.

Denn sind wir ehrlich: Wie oft haben wir bis anhin beim Essen Rücksicht genommen? Auf die Gspänli, die wir nach dem Znacht im Ausgang getroffen haben. Auf die Kollegen, mit denen wir nach dem Zmittag ein Meeting abhalten. Auf die Arztgehilfin, den Trainingspartner, den Taxifahrer, die anderen Pendler, Shopper, Ansteher ...

Gänzlich befreit vom Zwang, auf andere Rücksicht zu nehmen, geben wir nun in Massen rohe Zwiebeln an den Salat und Knoblauch an die Spaghetti. Bärlauch, Erdnüsse, Thonbrot, Schimmelkäse – alles erlaubt. In der Isolation findet der Mensch kulinarisch zu seinem wahren Ich. Er kocht und isst, was und wie er will.

Viele haben angesichts der vom Bund verordneten Massnahmen einen Freiheitsverlust beklagt – zumindest beim Essen aber haben wir eine neue Freiheit gewonnen. Entsprechend wartet auf uns eine herausfordernde Phase. Geruchssensible tun gut daran, sich den einen oder anderen Mundschutz für die Zeit nach der Krise aufzusparen ...

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