Kunst

Das unheimliche Kunsthaus an der Hardstrasse

Oder?

Ist doch alles in Ordnung?

Oder?

DIe Künstlerin Rebecca Kunz hat im Basler Quartier Gellert ein Haus in ein begehbares Kunstwerk verwandelt. Das Resultat ist markerschütternd –im besten Sinne.

Beim Eintreten ist noch alles in Ordnung. Das schmale Gebäude an der Hardstrasse 43 unterscheidet sich nicht auffällig von den anderen Gebäuden hier: Weiss, mit weissen Fensterläden und braunem Ziegeldach. Ein freundliches, einladendes Haus.
Perfekt für Rebecca Kunz. Die Bernerin hat soeben ihren Master an der Hochschule für Gestaltung und Kunst abgeschlossen und die Zwischennutzung an der Hardstrasse ist ihre Abschlussarbeit. Ein Keller, ein Erdgeschoss, zwei Stockwerke, einen Dachboden. Was zeigt eine Künstlerin auf so viel Raum?


Die Frage ist falsch gestellt. Das Haus ist kein Gefäss, es ist die Arbeit. Das versteht aber erst, wer hindurch gelaufen ist. The only way out is through. Also, hereinspaziert!
«Ich sag erstmal nichts», sagt Kunz, die auf den Treppenstufen sitzt. Sie lächelt. Später wird sie erzählen, dass dieses Haus während ihrer Arbeit in sie hineingewachsen sei und umgekehrt, eine Symbiose, die nur erreicht, wer sich monatelang mit einem Ort auseinandersetzt.


Leer und besetzt zugleich


Der erste Raum ist wie alle folgenden Räume leer und besetzt zugleich. Die Fenster sind mit einer blassrosa Folie abgedeckt, aber es kommt noch Tageslicht hindurch. Was merkwürdig ist: Die weissen Fensterläden an der Fassade waren beim Eintreten alle geschlossen. Mittendrin stehen auf einem weissen Serviertischchen mit Flüssigkeit gefüllte Gläser, in der gleichen Farbe wie die Fensterfolien.

Im ersten Raum im Haus steht gerade mal ein Serviertischchen.

Räume, die einen auf einen selbst zurückwerfen

Im ersten Raum im Haus steht gerade mal ein Serviertischchen.

Das ist alles. Und eben doch nicht. Denn Kunz schafft bereits hier den so schwierigen Spagat der Kunst: eine räumliche Übersetzung des Unaussprechlichen. Das Sehen ist nur der Wegweiser, eigentlich geht es um das, was wir gerade nicht sehen: Woran erinnert uns dieser Raum? Wieso fühlt es sich an, als würden wir eine Grenze überschreiten? Unrechtmässig einem intimen Moment beiwohnen? Oder einem Verbrechen? Wie hängt das mit unserem Realitätsempfinden zusammen? Mit dem innigen Bedürfnis, alles zu rationalisieren?


Der Raum mit den Gläsern ist nur der Anfang. Zimmer für Zimmer schleicht sich Kunz weiter in unser Bewusstsein, und benutzt dabei die reduziertesten Mittel. Eine Tür, hinter der eine blanke Wand steht. Ein Flur, der nirgends hinführt, sondern einfach endet, wie ein in die Länge gezogenes Zimmer. Eine Küche, die ganz normal ist, wäre da nur nicht wieder dieser seltsame milchrosa Ton, den das Fensterlicht auf die Abdeckung wirft. Und dann der Dachboden: So dunkel, dass man sich kaum hineintraut. Hier erwartet uns die Krönung dieser einzigartigen Symbiose von Künstlerin und Haus, ein Dachboden, von dem man fröstelnd wieder runterkommt, während Rebecca Kunz fröhlich unten wartet.

Als sie hört, was man dort oben alles gesehen hat, ist sie erstaunt. Ihre Erinnerung zeichnet ganz anders. Das ist der letzte Geniestreich dieser herausragenden Arbeit: Die Symbiose geschieht auch mit uns. Und erzählt uns nicht Kunz’, sondern unsere eigenen Geschichten. Sobald wir uns einlassen, werden wir ein Teil davon. Wir müssen uns nur trauen, dem Unsichtbaren für einmal den Vorrang zu geben.


"Haus Hardstrasse 43": Eine Arbeit von Rebecca Kunz, Hardstrasse 43, Basel. Öffnungszeiten: Sonntag 16. und Sonntag 23. September, 13 -17 Uhr.

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