Schweizer Komponisten
Das Swiss Orchestra gräbt musikalisch längst vergessene Schätze aus

Lena-Lisa Wüstendörfer und ihr Swiss Orchestra haben die Coronazeit genutzt. Nachdem Tourneen nicht möglich waren, nahmen sie Werke von vergessenen Komponisten auf.

Sibylle Ehrismann
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Dirigentin Lena-Lisa Wüstendörfer und ihr Swiss Orchestra sorgen für Furore.

Dirigentin Lena-Lisa Wüstendörfer und ihr Swiss Orchestra sorgen für Furore.

Dominic Büttner (Zürich, 20. Oktober 2019

Die junge Dirigentin Lena-Lisa Wüstendörfer hat 2019 mit einem mutigen Projekt Furore gemacht, schweizweit wurde darüber berichtet. Mit dem von ihr gegründeten Swiss Orchestra will sie Musik aus der Klassik und Romantik von kaum mehr bekannten Schweizer Komponisten aufführen. Damals, bei ihrer ersten Tournee, gastierten sie in so bedeutenden Konzertsälen wie der Tonhalle MAAG in Zürich und in der Victoria Hall Genf.

Eigentlich stand diesen November bereits die dritte Schweizer Tournee an, doch Corona verunmöglichte diese. Dabei war schon die zweite Tournee im Frühjahr aus demselben Grund abgesagt worden. Eine unglaublich frustrierende Sache für so ein junges, aufstrebendes Sinfonieorchester. «Tatsächlich hat uns das Verbot wegen der Pandemie beide male kurz vor Probenbeginn erreicht, alles war bereit, die Noten bezeichnet, die Musiker hatten die Werke schon geübt, die Säle gebucht, doch gemeinsam Proben ging nicht mehr. Das war sehr hart,» erzählt die engagierte Dirigentin.

Doch von Aufgeben keine Spur! Eine junge dynamische Frau wie Wüstendörfer streckt nicht gleich den Kopf in den Sand. Sie und ihr Team organisierten kurzerhand die erste CD-Produktion mit dem Swiss Orchestra, in Zusammenarbeit mit Radio SRF 2 Kultur. Dafür verlagerten sie ihre musikalische Entdeckungsreise vom Konzertsaal ins ZKO-Haus, das als Aufnahmestudio diente. So konnten sie endlich wieder gemeinsam musizieren und mit der Aufnahme Corona zum Trotz ihr Publikum erreichen.

Das Schweizer Radio zeigte von Beginn an Interesse, Aufnahmen wenig bekannter Schweizer Musik haben einen hohen dokumentarischen Wert. Das Swiss Orchestra fokussiert sich ja auf vergessene Schweizer Sinfonik, auf der Début-CD ist neben der klassizistischen Sinfonie Es-Dur von August Walter (1821-1896) auch ein Orchesterlied von Joachim Raff (1822-1882) enthalten: «Traumkönig und sein Lieb» op. 66.

Musikhistorische Pioniertat von Joachim Raff

Schweizer Musikwissenschafterinnen und Musikwissenschafter kennen diese Namen, war doch Joachim Raff hauptsächlich als persönlicher Sekretär von Franz Liszt zu einer gewissen Berühmtheit gelangt. Orchesterlieder gab es zu seiner Zeit aber noch nicht, die Gattung wurde erst von Spätromantikern wie Gustav Mahler und Richard Strauss kultiviert. Der knapp zehnminütige «Traumkönig» von Raff ist also eine musikhistorische Pioniertat und überrascht in seiner Qualität. Dazu wird er bei dieser Aufnahme von der bekannten Mezzosopranistin Marie-Claude Chappuis eindrücklich gesungen.

Wüstendörfer programmiert solche unbekannte Schweizer Werke gezielt mit einer Sinfonie oder einem Konzert der Grossen, sei das von Brahms oder Mozart. Und als Tochter eines Schauspielers – Lena-Lisas Vater Edzard Wüstendörfer (1925-2016) war viele Jahre Ensemblemitglied am Schauspielhaus Zürich – fällt es ihr auch nicht schwer, das Konzert charmant zu moderieren.

Diese junge Dirigentin hat nicht nur einen klingenden Namen, sie ist auch blitzgescheit und hochmusikalisch. Nach ihrem Grundstudium als Geigerin in Basel wechselte sie zum Dirigieren, daneben studierte sie an der Universität auch Musikwissenschaft. Nach dem Studium holte sie sich bei der Schweizer Dirigentin Sylvia Caduff, bei Roger Norrington und als Assistentin von Claudio Abbado den letzten Schliff, an der Universität promovierte sie zur Musik von Gustav Mahler.

Was hat diese hochbegabte Frau dazu bewogen, sich auf die Aufführung von Schweizer Romantik auszurichten? «Schon während des Studiums ist mir aufgefallen», sagt sie, «welch bedeutende und prägende Musikerpersönlichkeiten wir in der Schweiz hatten, die auch komponierten. Deren Musik spielt aber kaum jemand mehr, ich fand das schade. Zudem wurde ich als Gastdirigentin bei Engagements in Asien gefragt, ob ich nicht ein Schweizer Werk mitbringen möchte, es fielen mir aber kaum passende ein.» Aus diesem Grund nahm sich die Dirigentin einen Sommer lang Zeit, in Musikarchiven nach schlummernden Schätzen aus der Schweiz zu suchen. Was sie fand, war derart spannend, dass sie keinen Aufwand scheute, das Aufführungsmaterial zu erstellen, um die Werke überhaupt aufführen zu können. «Und ich bin überzeugt, dass diese ersten Funde erst ein Kratzen an der Spitze des Eisbergs sind», meint die Musikologin lachend.

Auf überraschend grosses Echo gestossen

Bereits die erste Tournee des Swiss Orchestra war – trotz der unbekannten Komponistennamen im Programm – auf ein überraschendes Echo gestossen. «Natürlich traten wir zum ersten Mal auf, dennoch war es erstaunlich,» sagt Wüstendörfer. «Die Tonhalle MAAG war fast ausverkauft. In Genf hatten wir zwar zuerst grosse Bedenken, weil der Vorverkauf schlecht lief. Doch an der Abendkasse standen die Leute Schlange, das Parterre der grossen Victoria Hall war sehr gut besetzt, das hat uns enorm gefreut und motiviert.»

Schon möglich, dass es dieser brillanten jungen Dirigentin gelingt, mit ihrem Swiss Orchestra auch den schwierigen «Röstigraben» zu überwinden. Die beiden abgesagten Tourneen jedenfalls konnten auf 2021 verschoben werden.

Swiss Orchestra

J. Raff Traumkönig und sein Lieb, August Walter Sinfonie Es-Dur. M-C. Chappuis, Mezzosopran, Lena-Lisa Wüstendörfer, Leitung (Schweizer Fonogramm).