«Möchten Sie eine Figur in meinem Roman werden?» Mit dieser Frage tritt der Schauspieler an das Publikum heran. Sie ist natürlich rhetorisch gemeint, aber im Kontext von Herman Burgers «Lokalbericht» enthält sie auch einen Konjunktiv. Denn um die 45 Jahre früher hätten die Menschen im Publikum der Aarauer Tuchlaube durchaus die Chance gehabt, von Burger literarisch verewigt zu werden.

An der Schwelle zwischen Studium und Beruf schrieb der 28-jährige Burger die Miniaturen über verschiedene Figuren aus seiner Heimatstadt während der Sommerfrische im Tessin: von einer Lehrer-Typologie bis zu seiner schrulligen Oma, vom neurotischen Buchhändler bis zur Kulturpreisgewinnerin sind wortgewaltige, satirische, aber auch liebevolle Porträts entstanden, die für sich stehen könnten.

Eine eigentliche Romanhandlung gibt es nicht. Der Ich-Erzähler Günter Frischknecht begegnet zwar allen diesen Personen, aber im Grunde ist die Stadt selbst die Protagonistin des Buchs und wird zur dramaturgischen Klammer des Buchs: «Das Schicksal heisst Aarau», wie Burger selbst formuliert.

Eine sofortige Veröffentlichung blieb aus, wohl weil er sich sonst nach einem anderen Wohn- und Arbeitsort hätte umsehen müssen, wird von Burger-Spezialist und Herausgeber der Gesamtausgabe Simon Zumsteg gemutmasst.

Nur zwei Jahre nach dem «Lokalbericht» stürzte sich Burger dann in die Arbeit zu seinem bedeutendsten Roman, «Schilten». Der «Lokalbericht» rückte in den Hintergrund und schlummerte da, bis er vor sieben Jahren in Burgers Nachlass entdeckt wurde.

Kein Theaterstück

Pünktlich zur Veröffentlichung wurde der Text von dem Schauspieler und Regisseur Robert Hunger-Bühler, der ebenfalls in Aarau aufgewachsen ist, für die Bühne adaptiert. Und das macht Sinn. Denn die süffig erzählten Kurzporträts und Szenen sind überaus plastisch.

Um sie zu vermitteln, steigen die vier Schauspieler Marin Blülle, Noëmi Fiala, Walter Küng und Paulina Quintero je halb in die Rolle des Erzählers und halb in die Rolle der beschriebenen Figur. Ein Spiel untereinander wird oft nur zart angedeutet. Die meiste Zeit deklamieren die Schauspieler die Texte mehr oder weniger nüchtern und stets im Original, also meist in der dritten Person.

Direkte Rede kommt nur dann vor, wenn Burger sie auch geschrieben hat. So ist man eher an eine szenische Lesung erinnert denn an ein Theaterstück, was nichts Negatives bedeutet. Die Sprache selbst rückt so stärker in den Fokus, und um die geht es ja bei Burger vor allem.

Auch literarisch experimentelle Partien, in denen der Roman um sich selbst kreist und Burger gemäss seiner Rolle als Germanist seine eigene schriftstellerische Tätigkeit reflektiert (etwa zu Beginn: «Den Titel, das Schwierigste an einem Buch, habe ich schon.»), können so problemlos in der Bühnenfassung bestehen.

Aarau-Satire erzeugt Lacher

Aber warum liest dann nicht einfach jeder im Stillen für sich? Weil es herrlich ist, die Aarauer darüber lachen zu hören, wenn Burger sich in scheinbarer Verzweiflung an der Unbedeutsamkeit seiner Stadt mit satirischer Brillanz abarbeitet.

Weil die Bühnenfassung trotz der beschränkten Theatralität zu einem dichten und abwechslungsreichen Abend zusammengefasst wurde. Weil es den Schauspielern gelingt, den verschiedenen Figuren trotz der gleichzeitigen Erzählerrolle Leben einzuhauchen. Weil Burger so bildreich erzählt und die Atmosphäre Aaraus so wunderbar einfängt, dass man sich unmittelbar zurückversetzt fühlt.

Auch wirkt die Dramatik mancher Szenen in der Bühnenfassung stärker, etwa wenn der Erzähler dem Mädchen Isabelle immer näher kommt, bis er schliesslich kurz vorm Äusseren abbricht und mit dem Satz «Ich bremse die Geschichte ab und beginne eine neue» aus der Rolle fällt. Auf der Bühne wirkt der Wechsel doppelt abrupt und Burgers Ringen mit dem Erzählen überdeutlich.

Der zweite Teil des Buches bietet mehr Stringenz und ist schon in seiner Anlage viel geeigneter für die Theaterbühne. Hier schildert Burger das Jugendfest in Aarau, «wenn die Stadt aus ihrer Mittelmässigkeit erwacht». Er entwirft ein Sittenbild à la Thomas Mann mit scharfzüngiger Distanz und scharfem Blick fürs Detail, das durchaus auch zu einer Verfilmung taugen würde.

Den Soundtrack dazu gibt es bereits. Denn auf der Theaterbühne wirkte auch die Band The Fool’s Thruth mit. Die drei blutjungen Musiker aus Zürich schienen mit ihren langen Mähnen und in der Taille sitzenden Schlaghosen wie aus der Zeit gefallen zu sein und schufen einen überraschend stimmigen, melancholischen Sound. Das passt, denn Melancholie schwebt bei Hermann Burger stets mit.

Nicht das schlechteste Schicksal

«Immer da, wo man selber nicht ist, ist das Glück», ist ein Satz aus dem Buch. «Zum Glück» möchte man hinzufügen, denn ohne dieses Gefühl wäre wohl Burgers süffiges Lamentieren über die Kleinstadtenge nicht zustande gekommen.

So sehr er es auch versuchte, sich Satz für Satz mit ausufernder Fantasie, scharfsinniger sowie literarisch starker Stimme über seine Heimatstadt zu erheben, so eng ist er im Grunde doch mit ihr verbunden. Aarau war für Hermann Burger und die Literatur nicht das schlechteste Schicksal.