Digital-Kultur

«Das Publikum sehnt sich nach Konzerten»: Wie drei Aargauer Kultur-Veranstalter mit dem verlängerten Lockdown umgehen

Das erste Abo-Konzert von Argovia Philharmonic fand im September in Baden statt.

Das erste Abo-Konzert von Argovia Philharmonic fand im September in Baden statt.

Literaturhaus, Argovia Philharmonic und Künstlerhaus Boswil: Sie versuchen mit kreativem Hochdruck, den Kulturlockdown zu überstehen. Sie berichten, wie sie mit der Verlängerung des Kultur-Lockdowns umgehen.

Bettina Spoerri, Leiterin Aargauer Literaturhaus Lenzburg

«Wir mussten bereits vor mehreren Wochen entscheiden, einen Teil der Veranstaltungen abzusagen oder auf Frühjahr 2021 zu verschieben. Die Covid-Massnahmen (fünf Personen pro Veranstaltung) bedeuteten faktisch, dass ab da keine analogen Live-Kulturveranstaltungen mehr stattfinden konnten. Die Veranstaltungen im Januar 2021 mussten wir umgehend als rein digitale Veranstaltungen konzipieren. Bereits ab August 2020 haben wir hybrid produziert, indem wir analoge Veranstaltungen für Videoabonnentinnen und Videoabonnenten filmten und per persönlichem Link abrufbar machten. Ich habe nebenbei sehr viel an technischem Know-how erworben – eine Weiterbildung on the job. Im Dezember lancierten wir als unser bereits sechstes digitales Projekt 2020 einen literarischen Adventskalender, dessen Beiträge auch jetzt noch gelesen und gehört werden können.

Wir haben zum einen nur noch kurzfristig weitergeplant, um im Januar so flexibel wie möglich zu sein. Denn wir haben schon zu oft das bereits einmal oder zweimal Umorganisierte nochmals umorganisieren müssen. Und wir haben immer mehr ins Digitale gedacht und überlegt und entschieden, was nun möglich und vor allem auch sinnvoll ist, in den digitalen Raum zu übersetzen; zurzeit tüfteln wir auch an der besten Kombination von digital live und aufgezeichnet herum – manchmal macht das auch durchaus Spass, alles neu denken zu müssen, aber es ist eine enorme Herausforderung für ein kleineres Kulturhaus mit nur zwei Teilzeitstellen!

Die Umstellung zog grosse Einbussen bei den Veranstaltungseinnahmen nach sich. Wir hoffen deshalb, dass sich einige für unser Videoabo 2021 begeistern. Bereits jetzt haben wir spannende nächste Veranstaltungen zu bieten, unter anderem einen Abend zum 100. Geburtstag von Patricia Highsmith. Digitale Aufzeichnungen und Liveübertragungen, zudem in gebotener Qualität in Ton und Bild, all die Abos von Onlineplattformen sowie Kamera und die weitere Basisausrüstung kosten eine beträchtliche Stange Geld, die wir Ende 2019 fürs Budget 2020 noch nicht erahnen konnten.

Von März bis Mai, als wir online mit fünf Onlineprojekten täglich aktiv waren, beobachteten wir einen Anstieg von 1000 auf bis 7000 Besucherinnen und Besucher monatlich. Auch unser Resonanzgebiet hat sich vergrössert. Wir hoffen, dass deshalb am Ende in einer Zeit nach Covid ein paar Besucherinnen und Besucher mehr den Weg ins analoge Literaturhaus finden – denn da werden sie sicht- und spürbar. Für eine nachhaltige Bewirtschaftung des neuen Onlinepublikums fehlen uns leider die Ressourcen, aber wir sind auf mehreren Social-Media-Kanälen stets aktiv. Im Herbst 2020 hatten wir teilweise mehr Publikum denn je, als ob die grösseren externen Säle, die wir wegen der Abstandsregeln mieten mussten, auch mehr Publikum angezogen hätten. Bezüglich der Onlinezahlen besonders im Frühjahr muss ich hinzufügen: Die freuen uns, aber wir sind kein Onlineshop, deren alleiniger Zweck der Verkauf eines Produkts ist; Literatur, Kunst lebt von der Diskussion, der kritischen Auseinandersetzung, der Zeit und Vertiefung, der ihr die Menschen widmen. Uns muss also mindestens genau so sehr wie die Publikumszahlen interessieren, was zum Beispiel eine Lesung auslöst; und das ist eine komplexere Fragestellung, weil kaum befriedigend quantifizierbar. Mir haben auch mehrere Leute explizit gesagt, dass sie mit digitalen Veranstaltungen nichts anfangen können und sowieso schon den ganzen Tag am Computer sitzen; sie freuen sich auf den Tag, an dem sie wieder bei einer Veranstaltung physisch anwesend sein und den Autor und die Autorinnen von Angesicht zu Angesicht begegnen können.»

Adrian Zinniker, Klarinettist Argovia Philharmonic, für Musikvermittlung zuständig

«Argovia Philharmonic hat seit dem Antrittskonzert des Chefdirigenten Rune Bergmann im September in Orchesterbesetzung weder geprobt noch konzertiert. Nun haben wir uns entschlossen, das dritte Abo-Konzert live zu streamen. Neuland für Argovia Philharmonic, aber eminent wichtig, einerseits für die Orchesterhygiene, andererseits natürlich auch, um unseren treuen Abonnenten, Mitgliedern, Gönnern und Sponsoren etwas zurückzugeben.

Das Publikum sehnt sich nach Konzerten. Die täglichen Rückmeldungen diesbezüglich sprechen eine deutliche Sprache. Während des Livestreams versuchen wir, die fehlende Nähe zum Publikum zumindest teilweise wettmachen zu können. So bereichern wir die Übertragung mit persönlichen Grussworten unseres Präsidenten Jürg Schärer und mit einführenden Worten des Chefdirigenten Rune Bergmann zu den gespielten Werken. Im moderierten Pausengespräch kommen Orchestermusikerinnen und Orchestermusiker zu Wort und berichten über ihren Umgang mit der besonderen Situation.

Wie es danach im Februar weitergeht, lässt sich schwer sagen und planen. Was heute gilt, kann morgen bereits anders sein. Ende Februar steht bereits das vierte Abo-Programm an und Argovia Philharmonic wäre zusätzlich zu einem Gastspiel in Rosenheim eingeladen. Unser Team versucht, innovativ zu bleiben, Wege zu finden, unserem Publikum gegenüber präsent zu bleiben und die Qualität des Orchesters zu sichern. Es ist durchaus denkbar, dass wir auch das nächste Programm wieder streamen werden.»

Samuel Steinmann: Geschäftsführer Künstlerhaus Boswil

«Unser Meisterkonzert mit Thomas Hampson und den anschliessenden Meisterkurs Lied mit ihm, was alles vom 10.-13. Januar hätte stattfinden sollen, haben wir auf den August/September verschieben können (Meisterkurs 28.-30.8., Meisterkonzert 1.9.). Weiterhin aber einfach alles in die zweite Jahreshälfte zu schieben, ist keine sinnvolle Strategie. Ebenfalls vertrete ich nach wie vor die Meinung, dass Livestreams aus der Alten Kirche Boswil nicht geeignet sind, zumal die Künstler unseres nächsten Konzertes, welches betroffen sein wird (31.1. «Hommage à Aurèle Nicolet » mit Emmanuel Pahud, Kolja Blacher usw.), aus Deutschland anreisen müssten, was wegen der Quarantäne nicht mal einen Livestream aus Boswil erlauben würde.

Aber zurück zum Livestream: Boswil lebt eben von der einzigartigen Ambiance unserer Lokalität und Umgebung, und dieses Pittoreske zaubert dir kein Livestream hin. Unsere Aktivitäten umfassen ja aber nicht nur Konzerte (Meisterkonzerte, Boswiler Sommer, Kinderkonzerte), sondern vielmehr auch Kurse und den Betrieb zweier Jugendorchester (Jugend-Sinfonieorchester Aargau JSAG, Jugendorchester Freiamt JOF).

Die nächsten Kurse (nach dem abgesagten Hampson-Kurs) finden erst im März statt (diese bereiten wir zurzeit vor), das JSAG im August. Das JOF möchte im Februar nach den Sportferien wieder zu proben beginnen, da suchen wir nach Lösungen, die Gruppe der Jugendlichen verordnungskonform klein zu halten und dafür mehrfach parallel zu proben.»

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