Plaudertaschen, Plappermäuler und Tratschtanten: Von dieser Spezies Konzertgänger gibt es immer mehr. Wie eine Seuche verbreitet sie sich an Festivals mit Tausenden Menschen genauso wie an intimen Clubkonzerten mit kleinem Publikum. Von überall her dringen dem interessierten Zuhörer Nichtigkeiten ins Ohr.

Ende Juni am Open Air St. Gallen. Mit meiner Liebsten warte ich auf den Auftritt der britischen Band Depeche Mode. Als die Musiker auf die Bühne kommen, tobt das Publikum. Zu Recht. Schliesslich sind sie der Headliner des Festivals. Toben, Jauchzen und Klatschen feuert die Band an, gut so. Aber während viele im Publikum die bekannten Hits mitsingen, gibt es tatsächlich Besucher, links, rechts, vorne und hinter uns, die auch während der stillen und ruhigen Passagen über alles Mögliche reden.

Zwei unterhalten sich über die Arbeit, eine andere klönt über ihren Ex-Freund, und ein Dritter ist vom Alkohol so betrunken, dass er einen unverständlichen Schwachsinn von sich gibt, den nicht einmal sein Kumpel versteht.

Eine jüngere Frau hinter uns telefoniert sogar minutenlang lautstark. «Ich bin in der Mitte, wo bist du?» Das Gespräch artete anschliessend in eine längere Diskussion aus, deren banaler Inhalt nur in einem ruhigen Zugabeteil noch peinlicher wäre. Fordert man die Person auf, etwas leiser zu sein, erntet man verständnislose Blicke.

Weshalb können Leute nicht vor dem Konzert abmachen, wo sie sich treffen wollen, um gemeinsam die Show zu sehen? Es bringt nichts, ins Telefon zu brüllen, um jemanden unter Zehntausenden von Menschen zu finden.

Mangelnde Aufmerksamkeit

Vergangene Woche nervte sich sogar der Veranstalter des Kulturfestivals St. Gallen, weil im Publikum zahlreiche Leute während des eher leisen Akustikkonzerts von The Naked and Famous aus Neuseeland sich um Kopf und Kragen redeten, so als ob nur ein zufälliges Stück Musik ab Konserve den Hintergrund beschallt.

Ein weiteres Beispiel. Ende Februar am Nordklang-Festival St. Gallen steht im Hofkeller Mariam The Believer aus Schweden auf der Bühne. Die Band besteht aus zwei stimmgewaltigen Frauen. Frontfrau Mariam Wallentin reizte ihr Stimmorgan bis ans Äusserste aus und wechselte stimmlich zwischen Schreien, Kreischen und anderen oralen Geräuschen.

Obwohl zahlreiche Leute im Publikum «Psst» zischten, quatschten einige, als seien sie in einem Bierzelt oder Fussballstadion. Das Geplapper ging sogar noch weiter, als Mariam Wallentin gegen Ende des Konzerts das Mikrofon zur Seite legte und ein Lied ohne Verstärkung zum Besten gab. Es war ein sehr intimer Moment, in dem die Sängerin einen sehr persönlichen Text vortrug, mit dem Ziel, Menschen damit zu erreichen.

Vor einigen Jahren hat Büne Huber von Patent Ochsner während eines Konzerts sein Lied «Domino», in welchem er sentimental vom Leben seines Vaters erzählt, sogar unterbrochen und die Menge aufgefordert, «bitte seid ruhig und hört zu, ihr stört». Der Lärmpegel im Publikum ist kein neues Phänomen, nach meinem Eindruck hat es in den letzten Jahren aber an Intensität zugenommen.

An einem lauten Metal-Konzert, bei dem man wegen der dröhnenden Gitarren sein eigenes Wort sowieso nicht versteht, mag Konversation im Publikum tolerierbar und verkraftbar sein, aber bei eher melancholisch veranlagten Künstlern, die mit ihren feinfühligen und persönlichen Songtexten sowie mit Anekdoten zwischen den Songs ihre Seele öffnen, ist Rumgequatsche nicht nur für jene störend, die den Konzertmoment geniessen wollen, sondern drückt vor allem auch Respektlosigkeit den Künstlern gegenüber aus.

Weshalb treffen sich Menschen auf einem Konzert, nur um dann während der Show Alltagsbanalitäten auszutauschen? Nonsense und Nichtigkeiten, an die sie sich wahrscheinlich schon einige Minuten später selbst nicht mehr erinnern können. Warum treffen sich die Leute nicht vor dem Konzert auf einen Drink in einer Bar, um ihr Erlebtes der vergangenen Tage dort in aller Ruhe zu bereden?

Ein Rockkonzert ist keine Opernaufführung, in der vom empfindlichen Publikum bereits Husten oder Räuspern, ja sogar Schnaufen als störend empfunden und mit ernsten Blicken quittiert wird. So steif und gekünstelt soll es an einem Rockkonzert natürlich nicht sein. Besucher sollen und dürfen sich ab und zu mit der Begleitung, den Freunden oder dem Kumpel austauschen über die Show, die Performance, über das Dargebotene.

Wir Menschen sind ja schliesslich keine stummen Fische, die ständig ihre Emotionen zurückhalten müssen. Jedoch alles mit Mass. Ein regelmässiger kurzer Austausch über die Freude des gemeinsamen Erlebens und des Feierns sind völlig in Ordnung. Wer sich an Konzerten jedoch dauerhaft und abendfüllend über seinen Alltag, Beziehungs- und Arbeitsprobleme austauschen will, ist definitiv am falschen Ort.

An vielen Konzerten werden am Eingang wegen der lauten Musik Ohrstöpsel verteilt. Andererseits, wer schützt das Ohr des interessierten und zum Zuhören gewillten Konzertbesuchers vor quasselndem Publikum? Wären nicht auch Konzertveranstalter in der Pflicht, das Publikum vor Beginn darauf hinzuweisen, während der kommenden 60 oder 90 Minuten einfach die Show zu geniessen und die Klappe zu halten?

Vor allem bei leisen und sinnlichen Passagen, in denen die Künstler Persönliches von sich geben, wäre «Ruhe im Saal» nicht zu viel verlangt. Veranstalter könnten eigentlich bereits auf Facebook und anderen sozialen Plattformen ihre Besucher für das Thema sensibilisieren.

Im Zeitalter von Social Media und der permanenten Reizüberflutung des 24-Stunden-Entertainments scheint Aufmerksamkeitsdefizit eine kollektive Krankheit unserer Gesellschaft zu sein. Jedes Video und jeder Post ist nur einen Klick vom nächsten Miniabenteuer entfernt. Alles, was länger dauert als ein zweiminütiges Youtube-Video, fällt für viele aus dem Aufmerksamkeitsraster heraus. Anderthalb Stunden ein Konzert zu geniessen und sich auf die Künstler einlassen? Für viele offenbar nicht mehr auszuhalten.

Hypereventisierte Zeit

Vielleicht sind das Defizit an Aufmerksamkeit und die Gleichgültigkeit gegenüber der Kunst ein Phänomen unserer Zeit. Wir leben in einer hypereventisierten Welt, in der das Angebot an Veranstaltungen immer grösser wird. Es geht dem Einzelnen, egal ob jung oder alt, nicht mehr um den konkreten Anlass, sondern nur noch darum, dabei gewesen zu sein. Ein Foto auf Instagram zu posten, reicht, um zu zeigen, seht, ich war da.

Konzerte sind kein Kulturgut mehr, bei dem es um die Kunst und den künstlerischen Inhalt geht, sondern nur noch ein sozialer Treffpunkt, an dem man sich austauschen und plaudern kann und nebenbei – zur Unterhaltung – noch jemand auf der Bühne performt. Wir sollten wieder lernen, zuzuhören und uns in Geduld zu üben. Nicht nur gegenüber anderen Menschen, sondern auch an Konzerten. Nächstes Mal bitte Klappe halten. Danke.