Rock/Pop
Das neue Coldyplay-Album ist eine euphorische Pop-Bonbontüte

Die Band Coldplay legen mit «A Head Full of Dreams» das siebte Album vor, und dieses strotzt vor Lebensfreude. Trotzdem ist es das letzte Album eines Zyklus - was danach kommt bleibt offen.

Steffen Rüth
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Neue Liebe, neues Leben, neues Album: Coldplay-Frontmann Chris Martin. Keystone

Neue Liebe, neues Leben, neues Album: Coldplay-Frontmann Chris Martin. Keystone

KEYSTONE

Sänger Chris Martin ist nach seiner Trennung wieder super drauf. So überschwänglich, wie der Frontmann kürzlich mit seiner neuen Freundin, der englischen Schauspielerin Annabelle Wallis, durch die Strassen von Paris tanzte, so ausgelassen klingt denn auch das neue Album «A Head Full of Dreams» seiner Band Coldplay.

«Army of One» zum Beispiel ist mit den housigen Beats und den grossen Popharmonien ein Song für die Dance-Clubs («Es geht doch nichts über ein kleines Tänzchen», so Martin verschmitzt grinsend). «Amazing Day» steckt voller Euphorie in Text und Musik, die erste Single «Adventure of a Lifetime» ist mitreissender Pop.

«Mir geht es viel besser als vor einigen Jahren», so Chris Martin. «Ich bin in einer Phase, in der ich sehr viel Spass habe und mich meines Lebens erfreue.» Was nicht zu überhören ist. Das neue Werk klingt ganz anders als der verhaltene Vorgänger «Ghost Stories», nämlich grösstenteils wie eine euphorische Pop-Bonbontüte, ein Duett mit Beyoncé («Hymn for the Weekend») inklusive.

Zusammen mit Kindern

«Ich wollte ursprünglich einen HipHop-Song mit dem Titel «Drinks on me» machen», so Martin zur Entstehung. «Ich dachte, wäre es nicht cool, einen Song zu haben, der im Club läuft, so nach dem Motto, ‹Guckt mich an, ich habe die Kohle, ich spendiere euch allen jetzt einen Drink› (lacht).

Aber naja, ich sah ein, dass sowas als Coldplay-Song nun echt nicht funktionieren würde.» Im Verbund mit Beyoncé, einer guten Freundin des Sängers («Ich brauchte sie nur anzurufen, sie war sofort dabei») hingegen klingt die Nummer einfach klasse.

Bei der Gelegenheit brachte die Sängerin auch gleich ihre Tochter Blue Ivy mit, das Mädchen singt zusammen mit den zehn Coldplay-Kindern (darunter die zwei des inoffiziellen fünften Mitglieds Phil Harvey), auf einigen Songs. «Vielleicht hören wir uns auf der neuen Platte deshalb so jung an, weil das Durchschnittsalter so niedrig war wie noch nie», scherzt der Sänger.

Keine Frage: Chris Martin hat die Scheidung von Schauspielerin Gwyneth Paltrow (die beiden haben zwei gemeinsame Kinder im Alter von 11 und 9 Jahren) verarbeitet und freue sich nun wieder am Leben.

«A Head Full of Dreams» könnte kaum unterschiedlicher klingen als der Vorjahresvorgänger «Ghost Stories», dessen Songs selbst für Coldplay-Verhältnisse recht deprimierend waren. Doch für Chris Martin ist das eine Album nicht ohne das andere denkbar.

«Vor ungefähr drei Jahren wachte ich auf und eine Stimme im Universum sagte mir: Ihr solltet ein Album namens ‹Ghost Stories› machen und danach ein Album mit dem Titel ‹A Head Full of Dreams›. Ich mag die beiden Titel gern, denn einer klingt sehr persönlich und intim und still, der andere beinhaltet so viele Bilder für mich, die sich darum drehen, was man als Mensch erreichen kann und dass alles möglich ist. Ich fühle mich total lebendig.»

Nordlondoner Hinterhof

Wir treffen Chris und seinen vergleichsweise schweigsamen, aber ebenso freundlichen und zugänglichen Kollegen Jonny Buckland (Gitarre, beide 38), im Coldplay-Hauptquartier. Wer nicht weiss, dass in diesem unscheinbaren Nordlondoner Hinterhof zwischen Camden und Hampstead eine der populärsten Bands der Welt (deren grösste Hits wie «Yellow», «Viva la Vida» oder «Paradise» praktisch die ganze Welt mitsingen kann) mit Tonstudio und Büroräumen residiert, der läuft mit Sicherheit an dem «The Bakery» getauften zweistöckigen Gebäude vorbei. Hier arbeiten also die Unifreunde Chris, Jonny, Will Champion (37, Schlagzeug) und Guy Berryman (37, Bass), hier entstanden auch Teile des neuen und siebten Albums, das nur 18 Monate nach dem Vorgänger veröffentlicht wird, «weil ich mich letztes Jahr nicht wie ein Frontmann fühlte und weil wir die Energie, die eine Tour kostet, stattdessen diesmal im Studio investierten».

Produziert wurde das neue Werk vom Stammkollaborateur Rik Simpson sowie vom norwegischen Dance-Duo Stargate – eine mutige Wahl. Chris Martin: «Wir alle sind der Meinung, dass Musik dieser Tage keine Begrenzungen mehr kennt. Sie hat auch keine festen Verankerungen mehr, nichts ist mehr voneinander getrennt.

Deshalb darfst du als Musiker alles ausprobieren und dich von allem beeinflussen lassen, was dir in den Sinn kommt. Kanye West ist sicher zum Teil verantwortlich für diese Entwicklung, dass man sich aus jeglichem Genre bedienen kann.»

Das letzte Album?

Chris Martin wirkt abgeklärter, auch selbstbewusster als früher. «Mittlerweile habe ich kein Problem mehr damit, wenn jemand Coldplay nicht mag. Ich will niemanden mehr krampfhaft zu uns rüberziehen», betont er.

«Anstatt uns darüber Sorgen zu machen, wie wir Leute konvertieren können, die nichts mit unserer Musik anfangen können, geben wir jetzt lieber darauf acht, den Leuten, die uns gern hören, das Bestmögliche zu bieten. Wir verbiegen uns nicht. Das, was wir auf ‹A Head Full of Dreams› machen, das sind wir, und genau das wollen wir sein.»

Spekuliert wird indes, dass «A Head Full of Dreams» das finale Album von Coldplay sein könnte. Von «Harry Potter» gebe es schliesslich auch nur sieben Bände, hatte Chris an anderer Stelle gesagt. Hier und jetzt legt er sich nicht fest.

«Es ist das letzte Album in einem Zyklus. Was danach kommt, wissen wir noch nicht.» Auflösen wolle sich die Band jedenfalls nicht, und ansonsten «konzentrieren wir uns aufs Jetzt und auf den grossen Spass, den wir gerade mit unserer Musik haben.»

Coldplay «A Head Full of Dreams», Warner, ab 4.12. im Handel.

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