Literatur

Das Lebensgefühl einer introvertierten jungen Frau: Der Roman «Fünf Jahreszeiten»

Hier im Kunstmuseum Bern arbeitete Meral Kureyshi zu Recherchezwecken mehrere Monate als Aufsicht.

Hier im Kunstmuseum Bern arbeitete Meral Kureyshi zu Recherchezwecken mehrere Monate als Aufsicht.

Mit ihrem Migrationsroman «Elefanten im Garten» stand Meral Kureyshi 2015 verdient im Scheinwerferlicht der Schweizer Literaturszene. Ihr neuer Roman «Fünf Jahreszeiten» ist genauso wunderbar poetisch-bildhaft und erzählt eine Fortsetzung im Kunstmuseum Bern.

Die Jury beim diesjährigen Bachmannpreis rätselte im Juni über Meral Kureyshis Romanausschnitt: «Ein Coming-of-age-Roman» sei das, eine Erzählung «wie ein schlaffer Händedruck» und ein Roman, der wohl im Zentrum Paul Klee in Bern spiele. Bei unserem Treffen lacht die 37-jährige Schriftstellerin im Rückblick über diese Urteile. Falsch, richtig, falsch, hätten ihre Antworten gelautet – wenn sie denn damals gefragt worden wäre. Wir treffen uns nämlich nicht im Zentrum Paul Klee, sondern im Kunstmuseum Bern, wo sie 2015 für drei Monate zu Recherchezwecken in einer 50-Prozent-Stelle als Aufsicht gearbeitet hatte.

Denn auch ihre Erzählerin in «Fünf Jahreszeiten» ist dort tätig. Obwohl: Tätig ist so ziemlich das falscheste Wort für diese Arbeit – und auch das falscheste Wort für das Lebensgefühl ihrer Hauptfigur. Deshalb sei «das Urteil schlaffer Händedruck genau richtig», sagt Kureyshi. Darum gehe es ja auch in ihrem neuen Roman: Um die Ergründung des Lebensgefühls einer introvertierten jungen Frau mit Verlustängsten, die nicht weiss, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Die mit einem Mann zusammenlebt, aber in einen anderen verliebt ist; die ihr Studium unterbrochen hat, um die Schulden ihres verstorbenen Vaters abzuzahlen; die mit ihrer Mutter streitet und im Museum als Aufsicht herumsteht; die viel weint, nichts entscheidet und nachts viel trinkt. Und die sich im Buch wünscht: «Es müsste genau jetzt, in diesem Moment geschehen. Das Erstarren.»

Dieser Roman nimmt einen mit allen Sinnen mit

Wer nun einen psychologisch ausformulierten Roman erwartet, liegt falsch. «Bücher, die psychologisierend geschrieben sind, lese ich selbst nicht gerne», sagt Meral Kureyshi. Ihre Literatur funktioniert denn auch ganz anders. Poetisch und bildhaft nimmt einen ihr neuer Roman mit allen Sinnen mit.

Schon auf den ersten Seiten legt sie die Grundstimmung ihres Romans sinnlich-bildhaft fest: «Als es ganz still wird, so still, dass die Gedanken zu laut werden, der Mund trocken, die Zunge schwer, verlasse ich die Wohnung.» Es ist früher Morgen, sie sieht auf dem Weg zur Arbeit «vertrocknete Tomatensträucher» vor Fenstern, das Wasser des nahen Brunnens «lässt sich fallen, es hat keine Wahl», ihre Stimme «zittert durch die Gassen» und «unten fliesst im Dunkeln der Fluss zäh wie Pech.»

Diese geballte poetische Sicht auf die Umgebung ist natürlich ein Wagnis. Schnell tendiert ein solches Verfahren zu Überdeutlichkeit und kann gekünstelt wirken bis hin zu schiefen Metaphern. Aber hier zieht es einen enorm in den Text hinein, das Lebensgefühl der Erzählerin ist sofort fühlbar bis hin zur Todessehnsucht – und Meral Kureyshi, die ja eine versierte Lyrikerin ist, hat ein gutes Gespür für die richtige Dosierung und Platzierung dieser poetischen Spiegelungen. Man darf da ruhig ein bisschen ins Schwärmen kommen. Und die literarische Verdichtung bestätigt sich, wenn Meral Kureyshi sagt: «Ursprünglich hatte dieser Roman ja auch 970 Seiten.» Jetzt sind es noch knapp 200.

«Die Liebesgeschichte ist das Banalste im Roman»

In einem kürzlich erschienenen Interview sagte Meral Kureyshi, ihr Roman sei eigentlich banal. Was meint sie damit? «Ich baue keinen Plot, schreibe keine Romane nach Konzept. Sogenannte spannende Storys interessieren mich nicht», erklärt sie. Damit wischt sie eine mögliche Kritik vorweg vom Tisch. Es gibt zwar in «Fünf Jahreszeiten» einen Handlungsrahmen, der jahreszeitlich strukturiert ist. Und wenn man so will, ist auch eine gewisse Spannung im Roman: Findet sie einen Weg aus ihrer Erstarrung? Wird sie sich für einen der beiden Männer entscheiden? Besitzergreifend sind beide. Der Freund zusätzlich tollpatschig, ihr Geliebter, mit dem sie nach Paris, Berlin, in die Berge und nach Finnland fährt, schluckt Antidepressiva.

Aber Kureyshi lacht: «Diese Liebesgeschichte ist doch das Banalste am Ganzen. Mich interessierte viel mehr die Stille und die Zurückgezogenheit meiner Hauptfigur, ihre Gespräche, Begegnungen und Stimmungen – und die Frage nach Freundschaft und Verliebtheit.» Deshalb darf man da nicht enttäuscht sein, wenn sich die Erzählerin im Roman nicht entscheiden kann.

Mit ihrem offenen Lachen wischt Meral Kureyshi auch gleich den Verdacht vom Tisch, dass es sich hier um eine verkappte Autobiografie handelt. «Das Depressive und Introvertierte interessiert mich, aber ich bin selbst eher das Gegenteil meiner Figur: eine sehr gesellige Person.» Und sie verrät eine wichtige Inspiration: Eric Rohmers Spielfilm «Sommer» aus dem Jahr 1996, ein Teil seiner Tetralogie der Jahreszeiten. Da wartet ein junger Mann in den Ferien auf seine Freundin, verliebt sich aber unterdessen in eine andere, am Schluss ist er aber alleine. «Genau aus einem solchen Gefühl der Zeitlosigkeit und dem Stillstand heraus wollte ich auch erzählen.»

Dann knallt die Realität schmerzhaft ins Leben

Da lässt sie denn ihre Erzählerin auch mal auf dem Boden eines Ausstellungssaals liegen, dem Staub im Licht nachschauen, mit ihrem chaotischen Arbeitskollegen Nikola scherzen, der mit seinem Galgenhumor gut zu ihr passen würde. Für die Kunstwerke im Museum interessiert sich ihre Hauptfigur kaum, einige wirken dennoch wie Spiegelungen ihres eigenen Zustandes. Kureyshi hat auch hier das richtige Gespür für Andeutungen. Dass sie darüber die Realität vergessen könnte, braucht man gar nicht erst zu befürchten. Diese knallt im Verlauf des Romans mehrfach schmerzhaft und einmal sogar blutig ins Leben der jungen Hauptfigur.

Man mag «Fünf Jahreszeiten» als Roman der «Generation Unentschlossen» lesen. Meral Kureyshi protestiert: «Ob jung oder alt, ob Frau oder Mann, man ist immer wieder in Lebensphasen, in denen man denkt: Was mache ich hier, wie komme ich da raus? Für mich ist das ein zeitloses Thema.» Man mag ihr nicht widersprechen.

Meral Kureyshi: Fünf Jahreszeiten. Roman. Limmat Verlag, 193 Seiten.

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Autor

Hansruedi Kugler

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